Die Nokera AG will auf dem Eiermann-Campus in Stuttgart 2000 Wohnungen bauen – in Holzbauweise. Die Präsentation des Entwurfes vor dem Gemeinderat weckt Hoffnungen – und Zweifel.
Seit nunmehr 16 Jahren bewegt sich auf dem leer stehenden IBM-Areal im Stadtbezirk Vaihingen nichts, doch das könnte sich bald schon ändern. In einer Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Technik wurde nun der Öffentlichkeit und den Gemeinderatsfraktionen ein Entwurfsplan für die Umnutzung und Neubebauung des früheren IBM-Geländes präsentiert. Eingeladen ins Stuttgarter Rathaus waren Vertreter der Nokera AG und deren Gründer Norbert Ketterer, ein gebürtiger Böblinger.
Nokera verspricht effizienten Geschosswohnungsbau in Stuttgart
Nokera mit Sitz in Rüschlikon in der Schweiz betreibt nahe Magdeburg eine große Fabrik für seriellen Wohnhausbau in Holz. Die in finanzielle Schieflage geratene Adler-Group will die Liegenschaft an Nokera veräußern. Die wiederum würde dann – falls man sich mit der Stadt Stuttgart hinsichtlich des Bebauungsplanes einig wird – auf der knapp 20 Hektar großen Fläche inklusive des Waldbestands ein neues Wohnquartier errichten. Nokera verspricht effizienten Geschosswohnungsbau aus vorgefertigten Holzbaumodulen, nachhaltig, klimaschonender und eigenen Angaben zufolge um 20 bis 30 Prozent günstiger als herkömmliche Bauweisen. Und selbstverständlich schneller, weil seriell gefertigt.
Neue Schule, neue Kindergärten in Stuttgart-Vaihingen
Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für Nokera wäre allerdings auch der Erhalt und die Umwidmung der sogenannten „Eiermänner“, also jener denkmalgeschützten, pavillonartigen und miteinander verbundenen Bürogebäude für den Computerkonzern IBM, die nach den Plänen des bekannten Architekten Egon Eiermann zwischen 1968 und 1972 erbaut wurden. Eine Schule, Kindergärten sowie eine Sporthalle könnten nach der Sanierung dort einziehen. Keine leichte Aufgabe angesichts des mangelhaften Zustands der Bauten.
Ansonsten im Angebot: Quartiersplätze, Wohn-Cluster für Studierende, Gastwissenschaftler und Familien, Neupflanzungen von Bäumen wie Rotbuche und Spitzahorn, markante Landschaftspunkte sowie zwei Quartiersgaragen, die als Schalldämmgrenzen zwischen Wohnareal und Autobahn fungieren sollen.
Das kommt einem bekannt vor. Es gab ja auch schon zahlreiche Ideen zum Eiermann-Campus. 2016 wurde sogar ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt, den das Münchner Architekturbüro Steidle Architekten für sich entscheiden konnte – und der im darauffolgenden Jahr nochmals angepasst wurde.
Der Traum von einer Stuttgarter Seilbahn
Dieser Entwurf sieht eine Kombination von hohen Wohnanteilen mit Büro- und Gewerbeflächen vor. Der seinerzeit unter dem Arbeitstitel „Garden Campus Vaihingen“ erstellte Plan erweiterte den ehemaligen IBM-Campus um drei prägnante Elemente: Das Schleifenhaus umarmt gewissermaßen die denkmalgeschützten Eiermannbauten und schafft Aufenthaltsqualität auch für die Außenanlagen.
Der zentrale Park wiederum – mit ursprünglichem Waldbestand und um eine Naturwasserfläche ergänzt – sollte zum Anziehungspunkt für den neuen Campus und das Umland werden. An diesem Punkt gab es auch mal die Überlegung, den Campus als Endstation für eine innerstädtische Seilbahn zu nutzen, die Stuttgart-Vaihingen mit der Innenstadt hätte verbinden sollen.
Auf dem alten IBM-Gelände greift bei einer Änderung des Bebauungsplanes das Stuttgarter Innenentwicklungsmodell (SIM), welches eine Quote von 40 Prozent für geförderten Wohnraum vorsieht.
Nach der Präsentation des noch nicht sehr konkreten Vorentwurfs in Bild und Wort durch die Vertreter der Nokera AG konnten die Sprecherinnen und Sprecher der Gemeinderatsfraktionen ihre jeweilige Sicht auf das Projekt zum Ausdruck bringen. Während von der CDU, FDP wie auch von den Freien Wählern das vorgestellte Vorhaben zur Quartierserrichtung überaus positiv bewertetet wurde, äußerten sich die Grünen wie auch die SPD wesentlich kritischer, was angesichts des ökologischen Geschosswohnungsbaus in Holzbauweise im Besonderen und hinsichtlich des Mangels an bezahlbaren Wohnungen im Allgemeinen schon etwas irritierte.
Die soziale Durchmischung als große Frage
Die soziale Durchmischung im Quartier war ein Thema. Befürchtet wurde auch, dass am Ende womöglich eine monotone Schlafstadt entstehen könnte; die Sicherung der architektonischen Gestaltungsqualität der Holzbauten wurde ebenfalls angemahnt, was sicher klug ist. Es kamen auch Fragen auf, weshalb die ursprünglich geplanten Wasserflächen nicht mehr vorgesehen sind. Die verkehrliche Anbindung wurde zur Diskussion gestellt, die Frage nach dem Stellplatzschlüssel war ebenfalls Thema.
Bedrohliche Finanzlage der Stadt Stuttgart
Und, ja, auch die nicht mehr ganz aktuelle Seilbahn-Geschichte wurde wieder in Erinnerung gerufen. Hannes Rockenbauch, Stadtrat der Linksfraktion, bezweifelte schließlich grundsätzlich, dass die Stadt überhaupt ein neues Wohnquartier benötige. Viel wichtiger sei auch angesichts der bedrohlichen Finanzlage die Konzentration auf die Wärmewende im Stadtzentrum.
Baubürgermeister Peter Pätzold betonte nach dem regen Austausch unmissverständlich, dass es sich bei der Präsentation lediglich um einen Vorentwurf handelte, der – falls der Gemeinderat diesem nach der internen Diskussion in den Fraktionen in einer Woche zustimmen sollte – die Grundlage für den nächsten Schritt sein könnte: eine Anpassung des bestehenden Bebauungsplans inklusive Sanierungspflicht des denkmalgeschützten Eiermann-Campus.
Erst dann würden detaillierte Pläne und eine vertiefte Zusammenarbeit mit Nokera folgen. Damit am Ende nicht weitere 16 Jahre tatenlos ins Land gehen, schickte Pätzold noch eine freundlich-frostige Mahnung hinterher: „Mit jedem Winter, der über die Eiermänner hinweggeht, werden die nicht besser.“ Der Tatsache widersprach niemand im Saal.