Wenn das eigene Kind zu Drogen greift, fühlen sich Eltern oft hilflos. Wie können sie den Nachwuchs vor einer Sucht schützen? Ein Arzt und ein Suchtberater geben Antworten.
Viele Jugendliche und junge Erwachsene wollen sich ausprobieren, Grenzen austesten – und manche greifen dann auch zu Drogen. Für Eltern und Angehörige ist das oft ein Schock. Was sollen sie nun tun? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Woran kann man erkennen, dass das Kind Drogen konsumiert?
Konsum von Drogen und die Abhängigkeit davon sind zwei unterschiedliche Phänomene, die aber gemeinsam auftreten können. Oliver Fricke, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Stuttgart, erklärt, dass einige Drogen, etwa Opiate, körperliche Abhängigkeit auslösen können. Eine psychische Abhängigkeit kann dagegen auch zu Dingen entstehen, die viele Menschen nutzen, etwa Medien. „Eine Änderung des Verhaltens, wie enthemmtes Verhalten bei Alkoholkonsum, und auch körperliche Symptome, wie gerötete Schleimhäute der Augen bei Cannabinoiden, können Hinweis auf einen Konsum von Drogen sein“, sagt Fricke. Da der Erwerb von Drogen Geld kostet, könnten auch Diebstähle innerhalb der Familie oder kriminelles Verhalten außerhalb der Familie auftreten.
Maximilian Kiefer, der bei der Jugendberatungsstelle Release U21 in Stuttgart für Beratungen und Präventionsangebote zuständig ist, rät zunächst dazu, genau hinzuhören, ob das Kind selbst von Erfahrungen mit Drogen erzählt oder ob das Thema im Freundeskreis oder bei den Eltern der Freunde auftaucht. „Manche finden auch Utensilien oder die Substanzen selbst bei den Sachen der Kinder, Zigaretten etwa, Alkohol oder Cannabis,“, sagt der Berater. Dann gebe es noch eine Reihe von Veränderungen, die ein Hinweis sein können, aber nicht müssen. Dazu gehören: ein anderer Freundeskreis, schlechtere Noten, Vernachlässigung von Hobbys und erhöhter Geldbedarf. „Natürlich ist das aber auch jugendtypisches Verhalten, das ganz andere Gründe haben könnte“, stellt Kiefer klar.
Welche Substanzen werden von Jugendlichen in Stuttgart vorwiegend konsumiert?
Bei Release U21 unterscheidet man nicht zwischen illegalen und legalen Substanzen oder sogenannten harten und weichen Drogen. „Von Nikotin kann man ebenfalls abhängig werden, und auch Alkohol, der sehr verbreitet ist in unserer Gesellschaft, sollte man nicht verharmlosen“, betont Maximilian Kiefer. Viele kommen wegen Problemen mit Cannabis und Alkohol in die Beratung. Seltener kommen Jugendliche, die zu sogenannten niedrigpotenten Opioiden wie Kodein, Tilidin oder Tramadol greifen.
In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigt sich ein vergleichbares Bild: Dort spielt der Cannabis-Konsum laut Oliver Fricke aktuell die größte Rolle – gefolgt von Alkohol und Nikotin. Amphetamine, insbesondere Gemische wie Ecstasy und Opioide wie Heroin und Benodiazepine, kommen ebenfalls vor. „Synthetische Drogen werden zunehmend häufiger konsumiert, meistens im Jugendalter als Beikonsum“, warnt der Arzt.
Was sind Risikofaktoren für den Konsum von Drogen?
Oliver Fricke geht davon aus, dass die Entwicklung eines schädlichen Konsums von Substanzen so gut wie nie nur durch einen Faktor bedingt ist, sondern durch eine Mischung aus individuellen und sozialen Risikofaktoren. Individuelle Risikofaktoren könnten dabei eine Schwäche an Kompetenzen zur eingeständigen Lösung von emotionalen Anforderungen und Konflikten sein. „Uns gut bekannte Risikofaktoren sind Vorläuferstörungen oder typische begleitende Störungen wie zum Beispiel eine nicht erkannte oder ausreichend behandelte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), psychotische Prodromalsymptome oder emotional instabile Persönlichkeitsentwicklungen wie zum Beispiel die Borderline-Persönlichkeitsstörung“, erklärt der Facharzt.
Ein frühes Einstiegsalter von zwölf bis 14 Jahre erhöht laut Maximilian Kiefer das Risiko, dass sich daraus später eine Abhängigkeit entwickelt. Außerdem sei es relevant, welche Fähigkeiten und Ressourcen der Jugendliche besäße, um mit belastenden Situationen umgehen zu können. Das Risiko lässt sich verringern, wenn sich Kinder oder Jugendliche allgemein wertgeschätzt fühlen, so der Experte: „Eltern können ihrem Kind von klein auf eine Resilienz und Widerstandsfähigkeit mit auf den Weg geben.“ Und natürlich schauen sich Kinder auch viel von den eigenen Eltern ab: „Sie haben eine Vorbildfunktion. Es spielt eine Rolle, wie viel Alkohol daheim getrunken oder wie mit Stress umgegangen wird“, sagt Kiefer. Die familiäre Situation könne einen Einfluss auf den Konsum und auf die Entstehung oder Verhinderung von Sucht haben.
An wen kann man sich wenden, wenn man beim Kind Drogenkonsum vermutet?
Oliver Fricke rät Eltern, sich Beratung zu holen – sei es beim Kinderarzt oder dem Hausarzt der Familie, in einer Erziehungsberatungsstelle, beim Jugendamt oder einer spezifischen Fachstelle zur Drogenberatung. Im Anschluss solle man das Kind einbeziehen. Auch bei Release U21 sind es oft die Eltern, die kommen. „Es gibt ein breit gefächertes Angebot an Beratungen und Selbsthilfegruppen bei denen betroffene Eltern, Angehörige oder Freunde – aber natürlich auch die Jugendlichen selbst – sehr willkommen sind“, ermuntert Maximilian Kiefer. Man müsse keine Angst vor Verurteilungen haben.
Wie sollen Angehörige mit dem Kind umgehen?
Maximilian Kiefer rät Eltern, unbedingt das Gespräch mit dem Kind zu suchen – und sich dafür einen geeigneten Zeitpunkt zu suchen. „Das Gespräch sollte nicht während einer schönen gemeinsamen Aktivität und auch nicht zwischen Tür und Angel geführt werden. Stattdessen sollte man einen ruhigen Moment wählen und dem Thema anfangs etwa 15 bis 20 Minuten einräumen“, empfiehlt er. Dabei sei es in Ordnung, auch die eigenen Gefühle anzusprechen, woran man sich störe und was man sich wünsche. Auch das Kind solle dabei die Möglichkeit haben, die eigene Perspektive darzustellen. „Vielleicht kann man sich im ersten Gespräch auf einen Kompromiss einigen.“ Wichtig sei dann, weiterhin im Austausch mit dem Kind zu bleiben.
Ist es sinnvoll, das Kind zu einer Beratungsstelle zu bringen, obwohl es selbst keinen Anlass dazu sieht?
Wenn Jugendliche von ihren Eltern in die Beratungsstelle geschickt werden, kann das laut Maximilian Kiefer etwas bringen, muss es aber nicht: „Wenn wir das Vertrauen des Jugendlichen gewinnen, kann es zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum kommen.“ Wichtig sei dabei aber, dass die Eltern nicht von der Beratungsstelle erwarten, das Problem im Alleingang in den Griff zu bekommen. „Die Eltern sollten sich selbst darüber Gedanken machen, wie sie weiter mit dem Konsum des Kindes umgehen wollen – und welche Konsequenzen sie bei Grenzüberschreitungen ziehen wollen“, sagt Kiefer. Diese Konsequenzen müssen für die Familie umsetzbar sein. Ein Beispiel: Wenn das Kind am Abend betrunken war und am Morgen danach nicht zur Arbeit oder zur Schule gehen will, können Eltern sich weigern, eine Entschuldigung zu schreiben.
Sie haben mit Suchtproblemen zu kämpfen oder zählen zu Angehörigen von Menschen mit Suchtproblemen? Auf der deutschlandweiten Plattform suchtberatung.digital finden Sie eine kostenlose und anonyme Suchtberatung.
Beratung
Release U21
Jugendliche und junge Erwachsene können für ein Erstgespräch die offene Sprechstunde (jeden Donnerstag zwischen 14 Uhr und 16.30 Uhr) nutzen.
Angehörige und Bezugspersonen können direkt per Telefon oder E-Mail einen ersten Gesprächstermin vereinbaren. Weitere Informationen sind erhältlich unter www.release-stuttgart.de