Der Rems-Murr-Kreis will die Bevölkerung besser für Katastrophen wappnen – mit einem Resilienz-Zentrum und monatlichen Vorträgen.
Auf einem schlichten Tisch liegen ein solarbetriebenes Kurbelradio, eine Taschenlampe, ein Notfallschlafsack und eine kleine Flasche Trinkwasser. Daneben: Desinfektionsmittel, ein Taschenmesser, Kopien wichtiger Dokumente, Medikamente. „Das ist kein Fluchtrucksack“, betont Beate Wichtler, während sie mit einer leuchtend orangefarbenen Folie hantiert. „Aber einer, der überbrückt – bis Hilfe kommt.“ Der Notfallrucksack sei nur ein Symbol, ein Einstieg in ein Thema, das alle betreffe. Denn Katastrophen, sagt die Leiterin der Rotkreuzdienste beim DRK-Kreisverband Rems-Murr, „kommen oft schneller, als man denkt“.
Mit dem Aufbau eines Resilienz-Zentrums will das DRK die Krisenfestigkeit der Bevölkerung systematisch stärken. Das Zentrum versteht sich als Antwort auf eine zunehmend instabile Welt: Extremwetter, Stromausfälle, Pandemien – all das ist längst keine Fiktion mehr. Das Ziel ist klar umrissen: „Aufklären, stärken und begleiten“, so das Motto, das beim Pressegespräch in großen weißen Lettern auf dem Roll-up hinter Wichtler prangt.
Starkregen-Katastrophe 2024 zeigt dringenden Informationsbedarf
Die Idee haben sich die Rems-Murrler von einem Pilotprojekt im benachbarten Ostalbkreis abgeschaut, doch dass das Zentrum gerade jetzt eingerichtet wird, kommt nicht von ungefähr. „Die Starkregen-Katastrophe im Wieslauftal 2024 hat uns gezeigt, wie hoch der Informationsbedarf in solchen Situationen ist“, sagt der Rems-Murr-Landrat und DRK-Präsident Richard Sigel. Viele Menschen hätten sich verständlicherweise erst Hilfe gesucht, als der Keller bereits unter Wasser stand. „Es wäre aber besser gewesen, wenn das Wissen vorher da gewesen wäre.“
Daraus entstand ein Leitbild, das der Landkreis nun gemeinsam mit dem DRK aufgreift: Resilienz – die Fähigkeit, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Und dieses Konzept soll nicht erst im Ernstfall greifen. „Wir wollen, dass sich die Menschen mit dem Thema beschäftigen, wenn es ihnen gut geht – nicht erst, wenn es brennt“, betont Sigel. Dabei gehe es keinesfalls um Panikmache, sondern um Selbstwirksamkeit.
Niedrigschwellige Hilfe – online und offline
Der Auftakt des Projekts fußt auf zwei Säulen: Einer eigenen Internetplattform (www.resilienzzentrum-drk-rems-murr.de) und einer Reihe von kostenfreien Vorträgen. Jeden Monat wird es ein neues Thema geben – etwa zu Stressbewältigung, Burnout-Prophylaxe oder Erste Hilfe für Kinder. Beate Wichtler: „Wir bündeln Wissen, das sonst nur verstreut im Internet zu finden ist – ergänzt um konkrete Ansprechpartner vor Ort.“ Neben Videos, Tipps und Checklisten verweist die Plattform auch auf Warn-Apps wie NINA oder lokale Hilfsangebote.
Alle Angebote seien bewusst so gestaltet, dass sie ohne Hürden zugänglich sind. „Wir wollen die Schwelle senken, sich mit Krisen auseinanderzusetzen“, sagt Wichtler. Das helfe nicht nur im Ernstfall, sondern auch im Alltag: „Unsicherheit und Unwissenheit führen zu Angst – das muss nicht sein“, ergänzt sie.
Der Notfallrucksack: Wasserdicht und individuell angepasst
Ein Symbol für die praktische Dimension der Resilienz ist der Notfallrucksack, mit dem Wichtler ins Pressegespräch startet. „Der sollte wasserdicht sein“, erklärt sie und tippt auf das robuste Material, „denn Kälte und Nässe sind in einer Krisensituation unsere größten Feinde“. Und: Der Inhalt sollte individuell angepasst sein. Ein Senior mit Bluthochdruck braucht andere Medikamente als eine junge Familie mit Kleinkind. Immer dabei sollten allerdings Wasser, Lichtquelle, wichtige persönliche Dokumente und eine Möglichkeit sein, ein Mobilgerät auch ohne Strom aufzuladen.
Wichtler geht es dabei weniger um Checklisten als um Bewusstseinsbildung. Der Rucksack steht exemplarisch für eine ganze Reihe an Maßnahmen, die jeder ergreifen könne, um sich selbst – und damit auch die Gesellschaft – krisenfester zu machen.
Kooperationen stärken Bevölkerungsschutz im Rems-Murr-Kreis
Ganz neu ist die Idee nicht. Wie Sigel berichtet, sei das Modell einem Pilotprojekt im Ostalbkreis nachempfunden, das bereits mit positiven Erfahrungen punkten konnte. „Dort laufen bald die Fördermittel aus – vielleicht ergibt sich daraus eine Kooperation.“ Der Blick über den eigenen Tellerrand sei ohnehin essenziell für funktionierenden Bevölkerungsschutz. Ziel sei es, bestehende Strukturen zu vernetzen und Synergien zu schaffen – mit Kommunen, Unternehmen und anderen Hilfsorganisationen.
Geplant sei zudem eine dauerhafte Anlaufstelle in der aktuell noch im Bau befindlichen neuen DRK-Geschäftsstelle bei der Rundsporthalle in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis). Hier könnten Workshops, Beratungen und Schulungen künftig unter einem Dach stattfinden. „Der Bedarf ist da“, betont Sigel. „Und das Interesse wächst.“
Kostenlose Veranstaltungen: Stressbewältigung und mehr
Im November starten die ersten Veranstaltungen – kostenlos und offen für alle. Die Themen sind vielfältig:
- „Stressbewältigung in stürmischen Zeiten“ (11. und 27. November)
- „Persönliche Notfallvorsorge“ (8. Dezember und 12. Januar)
- „Mit Geschichten vom Umpsa Leben retten lernen“ (17. und 31. Januar, für Kinder der 3. bis 6. Klasse)
- „Burnout-Prophylaxe“ (10. und 25. Februar)
- „Bevölkerungsschutz am Beispiel Hochwasser Juni 2024“ (24. März)
Anmeldungen sind über die Website des Resilienz-Zentrums möglich. Auch zukünftige Erweiterungen sind geplant: Angebote für Fachkräfte, Betriebe, Schulen.
„Krisenfestigkeit kann man nicht verordnen, aber trainieren“
„Krisenfestigkeit kann man nicht verordnen“, sagt der DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler. „Aber man kann sie trainieren.“ Genau das hat sich das Resilienz-Zentrum zur Aufgabe gemacht. Unterstützt wird es dabei von mehr als 1000 Ehrenamtlichen sowie einem hauptamtlichen Team mit fundierter Erfahrung in Katastrophenschutz, psychosozialer Unterstützung und Erster Hilfe.
„Wenn wir es schaffen, dass ein Mensch nach einem Vortrag bei uns beginnt, über seine Vorsorge nachzudenken, dann haben wir schon viel erreicht“, sagt Beate Wichtler zum Abschluss. Die orangefarbene Folie rollt sie wieder zusammen. Ein Symbol – klein, leicht, aber in einer Notsituation womöglich lebensrettend. Ganz wie das Zentrum selbst.