Das geplante Stuttgart-Sign auf dem Marktplatz sorgt für Diskussionen. Was ist geplant? Und warum reichen die Schriftzüge auf der Königstraße und vor dem Stadtpalais angeblich nicht?
Es ist auch im neuen Jahr eine noch viel diskutierte Entscheidung des Stuttgarter Doppelhaushalts 2026/27: das Stuttgart-Sign, ein riesiger beleuchteter Schriftzug, der die Stadt 470.000 Euro kosten soll. Mit einer knappen Mehrheit hatten die Gemeinderätinnen und -räte trotz aller Sparzwänge und Kürzungen etwa im Kultur- und Jugendbereich im Dezember für das touristische Fotomotiv gestimmt.
Eine Entscheidung, die bei vielen für Unverständnis sorgt. So führten die Stadtisten, die zur Gruppe Puls im Gemeinderat gehören, das Sign in ihrer Nachlese zum Haushalt als eine der Entscheidungen auf, die den Menschen „in der jetzigen Situation nicht vermittelbar“ seien, da die Stadt 800 Millionen einsparen muss und in vielen Bereichen, etwa bei Sozialem, Kultur und Klimaschutz kürzt. Und Tomas Brause, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Stadt, rechnet im Gespräch mit unserer Redaktion vor, dass die Kürzung um 20 Prozent für Aus- und Fortbildungen von städtischen Mitarbeitern nicht nötig gewesen wäre, hätte man auf das Stuttgart-Sign verzichtet.
Auch in den Zuschriften unserer Leser spiegelt sich die Kritik. So mokiert sich ein Leser, dass vergleichbare Schriftzüge in anderen Gemeinden weitaus günstiger in der Anschaffung gewesen seien. Und ein anderer verweist darauf, dass es in Stuttgart doch schon zwei solcher Fotomotive gibt: einen gelben Stuttgart-Schriftzug in der Königstraße auf Höhe des Pusteblumen-Brunnens und ein STGRT-Zeichen vor dem Stadtpalais.
Tatsächlich bieten sich die zwei erwähnten Wortmarken schon jetzt Touristen und Flanierenden für Selfies oder andere Fotos an. Die gelben Buchstaben vor dem Stadtmuseum mit dem Stuttgart-Akronym stehen dort seit September 2024, kosteten 40.000 Euro und sind auch als Sitzmöbel nutzbar. „Die Großbuchstaben werden nun nach und nach weiterentwickelt. In einem ersten Schritt modifizieren wir einen der Buchstaben im Frühjahr 2025 zur öffentlichen Musikbox“, sagt Vesna Schmauder vom Stadtpalais.
Beim dem Objekt in der Königsstraße handelt es sich um eine Anschaffung aus den Fußball-EM-Zeiten 2024. Damals noch näher am Hauptbahnhof verankert und blau gestrichen, wurde der Stuttgart Schriftzug für einige tausend Euro zunächst in unauffälligem Grau und kürzlich noch einmal in knalligem Gelb umlackiert. Laut Andrea Gerlach von der Stuttgart Marketing GmbH werden die Letter fleißig als Selfie-Motiv von Shoppenden und Touristen genutzt. Nachts sind sie mittels LED-Lampen von innen beleuchtet.
CDU-Fraktionsvorsitzender sieht „Wirtschaftsförderung“
Alexander Kotz, Fraktionsvorsitzender der CDU im Gemeinderat, die den Antrag auf das Sign gestellt hatte, reicht das allerdings nicht, wie er auf Anfrage sagt. Denn seiner Fraktion schwebt Spektakuläreres vor. Nach seinen Vorstellungen soll das Sign „möglichst mit kompletter LED-Technik ausgestattet sein“, sodass es in unterschiedlichen Farben leuchten, man darauf auch Grafiken und Videos darstellen kann. „So könnte der Schriftzug zum Tag der Deutschen Einheit mit bewegten Schwarz-rot-gold-Farben leuchten, zum CSD in Regenbogenfarben oder auch mit der skizzierten Skyline von Stuttgart“, sagt Kotz. Als Standort schwebt der CDU der Marktplatz, vor dem linken Flügel des Rathauses, in der Nähe des neuen Haus’ des Tourismus vor.
Kotz begreift das Sign nicht als reine Dekoration, vielmehr als Investition und wichtigen Akzent für „die Wirtschaftsförderung unsere Stadt“. Die Hoffnung: Wenn Touristen die Buchstaben mittels Selfies und Kurzvideos über Soziale Medien in die Welt schicken, locke das mehr Urlauber in die Stadt. So könnte das Sign seiner Meinung nach dazu beitragen, dass die Stadt wieder mehr Gewerbesteuer einnimmt. Im Internet habe er „recht verlässliche Zahlen“ zur Wirkung solcher Stadtmarken gefunden und mittels KI auf Stuttgart heruntergebrochen. Nach seinen Berechnungen beträgt der Marketingwert eines solchen Signs zwischen 60.000 und 100.00 Euro pro Jahr.
Was die konkrete Ausgestaltung und Größe anbelangt, so ist dazu von Seiten der Stadt noch nichts zu erfahren. Das Sign werde vermutlich von Stuttgart Marketing umgesetzt, sagt ein Stadtsprecher. Die konzeptionellen Eckpunkte würden erst erarbeitet. Außerdem sei „eine wesentliche Voraussetzung zur Umsetzung des Stuttgart-Signs, dass der städtische Doppelhaushalt vom Regierungspräsidium Stuttgart genehmigt wird“. Wann und ob das der Fall sein wird, ist noch nicht klar.
Laut Alexander Kotz muss sich der Schriftzug auch in den neuen Marketing-Auftritt der Stadt einfügen. Tatsächlich hatte der Verwaltungsausschuss im September 2025 einstimmig beschlossen, ein neues Corporate Design (CD) für die Stadt erarbeiten zu lassen – und dafür 280.000 Euro aus den bestehenden Mitteln der Kommunikationsabteilung aufzuwenden. Mit CD ist das gesamte Erscheinungsbild der Stadt nach außen gemeint, es umfasst unter anderem Logo, Farbwelt und Typografie und wird auch Form und Inhalte der städtischen Websites und Apps einschließen.
Zunächst scheiterte die Idee an der ökosozialen Ratsmehrheit
Eine Idee von dem, was in Stuttgart entstehen könnte, vermittelt der Blick ins kanadische Toronto. Von dort hatte CDU-Gemeinderat Carl-Christian Vetter die Idee bereits 2019 von einer Reise mitgebracht, wie er damals unserer Redaktion erzählte. Für den Haushalt 2024/25 scheiterte die CDU mit einem entsprechenden Antrag an der ökosozialen Mehrheit.
Die bunt leuchtenden Buchstaben in Toronto wurden bereits 2015 für die Pan American Games als temporäre Attraktion installiert. Der Schriftzug ist drei Meter hoch und 22 Meter lang, LED-beleuchtet und kann geschätzt in 228 Millionen verschiedenen Farbkombinationen leuchten. 2020 ersetzte die Stadt die Installation durch permanente Buchstaben. Kostenpunkt: 760.000 kanadische Dollar, was kurioserweise exakt den für Stuttgart veranschlagten 470.000 Euro entspricht. Bezahlt wurde das kanadische Sign allerdings nicht nur aus den Reserven der Stadt, sondern auch durch ein Crowdfunding, an dem sich jede und jeder beteiligen konnte.
Diskussion ums Stuttgart-Sign
Standort
Die CDU hat mehrere mögliche Standorte ins Spiel gebracht. So etwa einen Platz in der Nähe des Eckensees im Schlossgarten mit Blick zum Neuen Schloss. Allerdings habe es dazu kritische Anmerkungen des Denkmalschutzes gegeben, so Alexander Kotz. Gegen den Schlossplatz spreche, dass dieser teils Eigentum des Landes sei. Gegen die Fläche der Stadt (Königstraße auf Höhe des Schlossplatzes) habe es Einwände der Polizei gegeben, weil dort häufig Versammlungen und Demonstrationen stattfinden. Für den Standort am Marktplatz spricht laut Kotz, dass dort keine Autos fahren und ein Bezug zum Rathaus besteht. „Mittelfristig könnten wir uns aber auch einen Umzug des Schriftzugs an den neuen Manfred-Rommel-Platz vorstellen“, so der CDU-Fraktionschef. Dieser soll beim Bahnhof entstehen.
Abstimmung
In der Sitzung zur Verabschiedung des Doppelhaushalts am 19. Dezember hatte es eine hitzige Diskussion gegeben. So sagte Tillmann Bollow von SPD/Volt, man müsse eher in die Stadt am Fluss investieren, um Stuttgart attraktiver zu machen. Matthias Oechsner von der FDP bewertete das Sign als „super Idee, die aber nicht in die Zeit passt“, sie sei derzeit „Quatsch“. Und Hannes Rockenbrauch vom Linksbündnis fand die Idee lächerlich und nicht nachhaltig. Auch Christoph Ozasek (Gruppe Puls) nannte es eine „Schnapsidee“. Am Ende hatten 30 Rätinnen und Räte dafür, 27 dagegen gestimmt. Drei hatten sich enthalten.