Erobert die Stehkultur Stuttgart wie in München? Dinkelacker eröffnet einen Stehausschank an der Calwer Straße – retro-hip, mit 0,2-Liter-Gläsern. Zum Start ist es proppenvoll.
Steht auf, wenn ihr Schwaben seid! Was bei VfB-Spielen in der MHP-Arena lautstark angestimmt wird, gilt nun offenbar auch für die Innenstadt. Mit der Eröffnung des ersten Stehausschanks von Dinkelacker an der Calwer Straße zieht ein Konzept ein, das in München längst zum Stadtbild gehört: lockeres Beisammensein von Menschen, egal aus welchen gesellschaftlichen Schichten, offene Gespräche, kein Dresscode – dafür ein frisch gezapftes Bier im kleinen 0,2-Glas in der Hand.
Die Idee kommt aus Bayern. In München arbeitet der Sohn von Brauereichef Christian Dinkelacker, der seinem Vater schilderte, wie beliebt dort Stehausschänke sind. Eine Location nach der anderen macht in dieser Art auf. Es sind Orte für spontane Begegnungen, an denen man ins Gespräch kommt, ohne sich Gedanken über Konventionen zu machen. Entscheidend seien, so heißt es beim Start im proppenvollen, urgemütlich eingerichteten Lokal, ein unkompliziertes Miteinander, eine offene Gesprächskultur – und natürlich gutes Bier.
Schwäbischer Ursprung: Der „Ständerling“ als Vorbild?
Stammt die Idee zum kollektiven Stehen wirklich aus Bayern? Dabei sind es doch die Schwaben, die den Begriff „Ständerling“ erfunden haben. Laut Lexikon dient der Ständerling, bei dem Kleinigkeiten zum Essen und Trinken gereicht werden, dem „ungezwungenen“ und „geselligen Austausch“ etwa nach dem Gottesdienst.
Wer hat’s erfunden? Christian Dinkelacker, Chef einer der letzten inhabergeführten Familienbrauereien in Deutschland, verweist in seiner Rede beim Soft Opening für geladene Gäste (die eigentliche Eröffnung für alle ist am 4. Februar, davor ist noch geschlossen) auf wahre Pionierarbeit. Beim Szene-Treff Palast der Republik gebe es seit drei Jahrzehnten doch bereits einen Stehausschank. Dessen Chef Stefan Schneider ist unter den Gästen. Aus dem Publikum erhebt sich Einspruch: „Aber dort sitzt man immer auf dem Boden.“
Dinkelacker/Schwabenbräu setzt sich erneut beim Palast durch
Als es darum ging, einen neuen Vertrag für den Palast mit einer Brauerei abzuschließen, haben sich die Brauereien (nicht nur aus Stuttgart) überboten mit Sonderkonditionen – unbedingt wollten sie den Zuschlag angesichts des hohen Umsatzes. Am Ende hat sich dann doch wieder Dinkelacker/Schwabenbräu durchgesetzt. Und auch die Stadt hat als Eigentümerin des einstigen Toilettenhäuschens den Vertrag auf Jahre verlängert.
In seiner Begrüßung der Gäste findet Christian Dinkelacker aber auch klare Worte zur Situation in der Stuttgarter Innenstadt. Es werde zunehmend schwieriger, samstags nach Stuttgart zu fahren, sagt er. Der City-Ring sei wegen der vielen Demonstrationen regelmäßig gesperrt, Kunden blieben deshalb aus. Er stehe zur Meinungsfreiheit, betont Dinkelacker, doch Gastronomen und Einzelhändler litten unter der Häufung der Kundgebungen. Sein pragmatischer Vorschlag sorgt für Schmunzeln – und Diskussionen: „Man könnte auch mal auf dem Wasen demonstrieren.“
Retro-Hip: Neuer Treffpunkt in Stuttgarts Denkmalschutzgebäude
Zum Soft-Opening ist es drückend eng in der neuen Location im denkmalgeschützten Gebäude an der Calwer Straße, zuletzt Heimat des Restaurants Gardener’s Nosh, das wiederum in die frühere Avocado-Show gezogen ist. Die Einrichtung lässt sich am besten als „retro-hip“ beschreiben: urgemütlich, Stehtische, eine lange Theke, Bilder aus der Brauerei. Ein Ort, der zum Bleiben einlädt – oder eben nur zu einem schnellen Bier.
Betrieben wird der Stehausschank von der Familie Weller, die in diesem Jahr das Dinkelacker-Zelt auf dem Cannstatter Volksfest übernimmt. „Ich bin bekennender Spießer“, sagt Chef Carsten Weller mit einem Lächeln. Sein Sohn Phil Weller, das Gesicht des neuen Stehausschanks, beweist handwerkliches Talent: Mit gerade mal zwei Schlägen schlägt er das erste Fass an.
Erobert nun das 0,2-Liter-Bier Stuttgart wie in Köln?
Ausgeschenkt wird das Bier überwiegend in 0,2-Liter-Gläsern für 2,90 Euro – in Köln das Standardmaß zum schnellen Wegkippen. Ob das auch in Stuttgart funktioniert? An diesem Abend jedenfalls wechseln die Gläser rasant die Besitzer. Wer mag, bekommt das Bier auch im kleinen 0,3-Liter-Krug direkt aus dem Froster – eine herrlich erfrischende Variante, die vor allem im Sommer zünden dürfte. Dazu kommt ein großzügiger Außenbereich auf der neu erwachten Calwer Straße. Serviert werden kleine Schmankerl, passend zum Steh-Konzept.
Unter den Gästen ist Christopher Bauer, Chef von Kessler-Sekt. Nur wenige Schritte weiter hat er während der Pandemie einen Sekt-Ausschank eröffnet, der seitdem boomt und die Calwer Straße spürbar belebt hat. Bauer erzählt, man habe ihm auch einen Platz in der Calwer Passage angeboten, „doch die Menschen wollten lieber draußen sein – und stehen“. Dass sich nun eine neue Bierattraktion in seiner Nachbarschaft befindet, dürfte noch mehr Menschen in die Calwer Straße mit ihrer einzigartigen Vielfalt an Gastronomie locken.
Auch der Breuninger-Chef feiert beim Stehausschank-Opening mit
Außerdem gesehen: Breuninger-Chef Holger Blecker, Wolfgang Dinkelacker, Aufsichtsratsvorsitzender der Brauerei, ebenso wie German Weller, der vor knapp 60 Jahren das Weller Catering gegründet hat, das Oberhaupt der Familie Weller.
Der neue Stehausschank will ein Ort der Begegnung sein – nicht des Dresscodes. Jeder soll sich wohlfühlen, unabhängig von Alter, Beruf oder sozialem Hintergrund. An diesem Abend scheint das bereits zu funktionieren: Stuttgart steht. Und kommt miteinander ins Gespräch.