Kein Tacho, kein Blinkerhebel, kein Lautstärkenregler – Tesla hat mit seinem konsequenten Verzicht auf fast alle Knöpfe und Schalter einen Trend gesetzt. Foto: Imago/MiS

Verkehrsexperten warnen schon lange vor der Ablenkungsgefahr moderner Fahrzeugcockpits. Erste Hersteller setzen mittlerweile wieder auf Tasten statt Touch.

Wer sich zum ersten Mal in einen Tesla Model 3 setzt, wird überrascht sein: Ein traditionelles Cockpit mit Tacho und Drehzahlmesser sucht man dort vergeblich, ebenso wie sämtliche Hebel, Drehknöpfe und Schalter. Blinker einschalten? Scheiben wischen? Funktioniert alles über Tasten am Lenkrad. Und was nicht dort zu bedienen ist, wird über den Riesenbildschirm in der Mitte des Cockpits gesteuert. Der letzte verbliebene Knopf ist der für die Warnblinkanlage, der über dem Innenspiegel am Dachhimmel montiert ist.

 

Der E-Auto-Pionier aus dem Silicon Valley hat damit schon vor Jahren einen Trend gesetzt, dem viele Hersteller auch hierzulande begeistert gefolgt sind. Mittlerweile werden in den neuen Fahrzeugen von Mercedes-Benz, Audi und Co. immer noch größere Displays verbaut, die Autos gleichen einem rollenden Multimedia-Saal. Der neue Mercedes CLA etwa hat ein Infotainmentsystem eingebaut, das sich über das komplette Armaturenbrett erstreckt.

Studien bestätigen Ablenkungsgefahr

Genauso groß wie die Gestaltungsfreude der Designer und Ingenieure in den Autofirmen ist allerdings auch die Kritik von Sicherheitsexperten. Schon seit Jahren beschäftigen sich Studien mit der Ablenkungsgefahr, die mit der Digitalisierung der Cockpits einhergeht. Die Ergebnisse ähneln sich, die Botschaft ist eindeutig: Je mehr Funktionen von Tasten und Schaltern in das digitale Display wandern, desto größer ist die Ablenkungsgefahr. Und desto größer ist auch die Unfallgefahr.

Der ADAC untersuchte im Jahr 2022 sechs Modelle dahingehend, wie einfach sicherheitsrelevante Funktionen, Klimatisierung und Infotainment zu bedienen sind. Das Ergebnis: „Bedienfunktionen, die nicht intuitiv, ohne hinzugucken – mit einem Tastendruck oder Reglerdreh – ausgeführt werden können, führen zwangsläufig dazu, dass der Fahrer das Verkehrsgeschehen aus dem Blick verliert.“ Das führe „nicht selten zu gefährlich langer Ablenkung.“ Daran hat sich nach Meinung des ADAC auch drei Jahre später nichts geändert.

Überforderung durch neue Bedienkonzepte

Ein ähnliches Bild liefert eine Studie, die die Prüfgesellschaft Dekra für ihren Verkehrssicherheitsreport 2023 durchgeführt hat. 80 Testpersonen sollten im Stand bei eingeschalteter Zündung verschiedene sicherheitsrelevante Bedienaufgaben ausführen. Für den Test wurden zwei Generationen desselben Fahrzeugs verwendet, die einen Altersunterschied von zehn Jahren hatten. Dabei zeigte sich, dass die Personen für die Aufgaben im neueren Auto im Durchschnitt deutlich mehr Zeit benötigten als im älteren. Viele seien „mit dem Bedienkonzept im modernen Fahrzeug überfordert“ gewesen.

Im neuen Mercedes CLA läuft das Display über die komplette Breite des Armaturenbretts. Foto: © Mercedes-Benz Group AG

Für Thomas Wagner, leitender Verkehrspsychologe bei der Dekra, ist das vor allem dann ein Problem, wenn Hersteller sicherheitsrelevante Funktionen in Pull-down-Menüs verlagern. Bei der Suche nach der entsprechenden Funktion verliere man schnell den Blick auf die Straße. „Das ist wie eine Fahrt durch den Nebel. Ich habe keine Chance, auf plötzlich auftauchende Gefahrensituationen zu reagieren, weil ich meine ganze Aufmerksamkeit darauf konzentriere“, erklärt Wagner. Eine gängige Rechnung besagt, dass schon eine Sekunde, in der man den Blick von der Straße abwendet, bei 50 Stundenkilometern zu 14 Metern Blindfahrt führt.

Ablenkung ist „die am meisten unterschätzte Unfallursache“

Seit 2021 wird in den Unfallstatistiken der Polizei Ablenkung als Unfallursache erfasst. In Stuttgart führte im vergangenen Jahr Ablenkung in 39 Fällen zu einem Unfall – nach 79 Fällen im Jahr zuvor. Deutschlandweit lässt sich ein ähnlicher Trend beobachten: 2024 waren in 7527 Fällen Ablenkung die Ursache für einen Unfall mit Personenschaden, bei 92 Fällen gab es sogar Tote. Die Zahlen sind niedriger als noch im ersten Jahr der Erfassung. Dennoch ist Ablenkung immer noch für knapp drei Prozent aller Verkehrstoten verantwortlich.

Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) kam in einer Untersuchung aus dem Jahr 2023 zu dem Ergebnis, dass sich die Unfallgefahr um 44 Prozent erhöhe, wenn man sich länger mit dem eingebauten Bordcomputer befasst. Für den Autor der Studie, Jörg Kubitzki, ist Ablenkung deshalb „die am meisten unterschätzte Unfallursache auf unseren Straßen“. Doch während bei Handynutzung am Steuer 100 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg drohen, gibt es in der Straßenverkehrsordnung im Hinblick auf Fahrzeugdisplays nur die schwammige Formulierung, dass dafür lediglich eine „kurze Blickzuwendung“ erlaubt ist.

Volkswagen will wieder zu Knöpfen zurückkehren

Verkehrspsychologe Wagner sieht die Gefahr insbesondere darin, wenn Fahrer sich in einem fremden Fahrzeug zurechtfinden müssen, etwa bei einem Mietwagen. Eine österreichische Studie habe ergeben, dass sich nur etwa die Hälfte der Fahrer mit den Features des Cockpits auseinandersetzt, wenn sie für die Zeit Geld bezahlen müssen. „Das ist ein Riesenproblem. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Fahrzeugbedienung nicht erwartungskonform und an die Erfahrungen des Fahrers angepasst ist, dann wird es schnell ungemütlich.“

Die EU-Sicherheitsorganisation NCAP (New Car Assessment Programme) drohte im vergangenen Jahr damit, ihre Sicherheitsbewertung von Fahrzeugen herunterzusetzen, wenn zu viele Funktionen nur noch per Touchscreen zu erreichen sind. Erste Hersteller haben mittlerweile bereits reagiert: VW etwa kündigte bereits 2023 an, in neuen Fahrzeugen wieder mehr Knöpfe und Schalter einzubauen. VW-Chefdesigner Andreas Mindt bekräftigte das vor kurzem noch mal gegenüber der britischen Zeitschrift Autocar: „Wir werden diesen Fehler nie wieder machen. Es ist ein Auto, kein Telefon.“