Die Schauspielerin Lisa Bitter "Es geht um Adrenalin"

Von Nicole Golombek 

 Foto: Foto. Lars Petersen
Foto: Foto. Lars Petersen

Neue Gesichter am Schauspielhaus Stuttgart: Eine Begegnung mit der talentierten jungen Schauspielerin Lisa Bitter.

Stuttgart - Lisa Bitter überzeugt in Bulgakows Drama "Die Flucht" als coole Emigrantin. Die Schauspielerin schätzt außerdem die hässliche Kraft der Hedda Gabler, und sie weiß, was Sport und Theater gemeinsam haben.

Alles strahlt. Lisa Bitter sitzt im Café der schönsten Künste und lächelt. All die Kerzen, selbst die Lichterkette auf der Ablage scheinen ausschließlich für sie zu leuchten. Heller Teint, rosige Wangen, blanke Augen, man sieht es der jungen Schauspielerin an, dass sie guter Dinge ist an diesem Nachmittag. Sie hat spielfrei, und der Premierenstress von Bulgakows "Die Flucht" liegt schon eine Weile zurück.

Lisa Bitter schwärmt von dem Regisseur Sebastian Baumgarten, von seiner Gabe, zuhören und gut erklären zu können. Dass sie selbst wegen Grippe an einigen der letzten wichtigen Proben gar nicht teilnehmen konnte, merkt man nicht. Sie ist als Frau eines Militärdjangos zu erleben, nach der Flucht aus Russland landet das Paar in einem Wohncontainer in Konstantinopel. Sie interpretiert diese Frau, die anschaffen geht, um wenigstens ein Brot am Tag bezahlen zu können, cool und beherrscht. Sie lamentiert nicht, wird nicht hysterisch.

"Ich war sehr froh, die Rolle spielen zu können", sagt Lisa Bitter. "Eine kraftvolle junge Frau, die fest im Leben steht. Ich habe versucht, die Fantasie von der Sprache auf den Körper zu übertragen."

Jedenfalls war es keine Jungmädchenrolle. "Das hat mich während des Studiums geärgert: immer als jung, nett, niedlich und süß zu gelten. Als Girlie eben. Die Eboli, sagte man mir, die glauben wir dir noch nicht. Die naiven verliebten Dinger mag ich aber nicht immer spielen." Rollen, die sie stattdessen gern einmal spielen würde? Kleists Penthesilea und vor allem Ibsens Hedda Gabler. "Mich fasziniert diese Hedda mit ihrer hässlichen Kraft zum Zerstören, auch oder gerade weil ich im Leben eher den Kompromiss suche."

In Stuttgart hatte sie jetzt mit der Ljuska in dem Gorki-Stück einen beeindruckenden Start. Dass die 25-Jährige immer noch auch als Teenager überzeugt, zeigt sie im Theater im Depot in "La Línea" von Ann Jaramillo. Sie spielt die jüngere Schwester des Helden, gemeinsam machen sie sich auf eine gefährliche Reise von Mexiko in die USA. "Ich wollte das Mädchen nicht zu infantil oder quengelig spielen. Ich hatte eher Angst, dass die Jugendlichen bei den Publikumsgesprächen sagen: Wie redest du denn? So reden Jugendliche doch gar nicht. Das kam zum Glück bisher nicht vor."

Das Stuttgarter Schauspielhaus ist Lisa Bitters erste Station als Ensemblemitglied, sie stand aber bereits im Schauspielstudio in Halle auf der Bühne: "Ich finde es wichtig, während des Studiums Theaterluft zu schnuppern. Das ist etwas anderes, als in der Schule sechs Wochen an einer Szene zu arbeiten. Man gewöhnt sich an ein höheres Tempo beim Proben. Man lernt, dass man aus sich selbst auch viel schöpfen muss und das zu vertreten, was man einem Regisseur vorschlägt."

Was sie da auch lernte - mit Theaterhypes umzugehen. Etwa bei der Adaption des Bestsellers "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche. "Ich hatte das Buch auch gelesen und fand es nicht besonders, höchstens eklig. Mit der Regisseurin hatte ich schon gearbeitet, und mir war klar, dass es ihr nicht um Nacktheit und Ekel gehen würde, sondern auch um die Einsamkeit der Figur. Wir haben das 40-mal gespielt, und es ist natürlich toll, wenn ein so kleines Theater die Bude immer voll hat. Aber es war auch so, dass Boulevardzeitungen auf einen Skandal mit Live-Sex auf der Bühne hofften."

Das war nun nicht der Grund, weshalb Lisa Bitter Schauspielerin werden wollte. Sie hatte sich ihren Berufswunsch lange überlegt und sich erst einmal dagegen entschieden. Sie saß schon als Zehnjährige in den Münchner Kammerspielen, weil ihre Mutter mit einer Schauspielerin befreundet war. Gerade weil sie wusste, wie schwer der Beruf ist, entschied sie sich für das Gegenteil des Bühnenlebens. "Ich wollte in einem Labor verschwinden, das war mein Plan", erzählt Lisa Bitter. Sie studierte Biologie in Düsseldorf und merkte, dass ein Leben im Labor nicht ihres ist.

In Leipzig, wo sie Kulturwissenschaften und Journalistik zu studieren begann, kam sie aber doch nicht mehr gegen die Spiellust an. Die hell erleuchteten Schauspielschulfenster, die Studenten, die sie beim Fechten beobachtete - sie bewarb sich und wurde genommen. Eltern haben ihren Wunsch, ein zweites Mal das Studienfach zu wechseln, gut aufgenommen, erzählt sie mit einem frohen Schimmer in den Augen.

Dass es ihr an Disziplin nicht fehlen würde, werden ihre Eltern gewusst haben. Lisa Bitter war Hochleistungssportlerin, acht Jahre lang hat sie Siebenkampf trainiert. "Bis zur süddeutschen Meisterin habe ich es zwar geschafft, aber mit 17 musste ich mich entscheiden und wollte doch keine Profikarriere anpeilen." Anderes war ihr wichtiger, Theater spielen im Jugendhaus zum Beispiel. "Theater und Sport haben einiges gemeinsam", sagt Lisa Bitter. "Für beides braucht man Disziplin und Konzentration. Es geht um Adrenalin. Man muss auf den Punkt da und konzentriert sein." Dass sie das beherrscht, hat sie eindrucksvoll gezeigt.

Lisa Bitter ist in „Die Flucht“ am 8. Februar (19.30 Uhr) und am 17., 27. Januar und am 7. Februar im Schauspielhaus zu sehen. In „Hamlet“ spielt sie die Ophelia am 19. Januar und am 14. Februar im Schauspielhaus. In „Harper Regan“ spielt sie am 9. Februar im Theater im Depot. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.

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