Viele Eltern suchen online nach Diagnosen für ihre kranken Kinder. Doch wie erkennt man seriöse Gesundheitsinformationen im Netz?
Hohes Fieber, starke Kopfschmerzen: Seit zwei Tagen war die kleine Mia krank. Doch sollte man deshalb gleich zum Kinderarzt? Schließlich könnte man sich in der Praxis noch einen weiteren Infekt einfangen – und damit alles noch verschlimmern. So machten sich Mias Eltern zunächst online auf Diagnosesuche: Sie tippten die Symptome bei Google ein – und stießen auf unzählige Ratgeberartikel, Forenbeiträge und Erfahrungsberichte anderer Eltern. Die Diagnosen: widersprüchlich bis beunruhigend – vom harmlosen Infekt bis zur schweren Erkrankung. Der Informationsgehalt: fragwürdig – denn wie sollten die Eltern vertrauenswürdige Inhalte von unseriöser Panikmache unterscheiden?
Zu Gesundheitsfragen online zu recherchieren, das gehört für viele Menschen zum Alltag, liefert das Internet doch Antworten rund um die Uhr, schnell und bequem. Nach einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom recherchieren 62 Prozent der Deutschen ihre Krankheitssymptome vor einem Arztbesuch im Netz, auch im direkten Anschluss an einen Arzttermin wird das Internet von fast zwei Dritteln der Patienten (63 Prozent) zu Rate gezogen. „Im Internet gibt es eine Vielzahl an hochwertigen Informationen zu Gesundheitsthemen“, sagt Bitkom-Vizepräsidentin Christina Raab. „Auch über innovative Apps können sich die Menschen mit hoher Genauigkeit über ihre Symptome und Therapien informieren.“
Die meisten können Infos aus dem Netz nicht richtig einschätzen
Die Suchergebnisse können aber auch falsche Informationen enthalten – und das ist, gerade wenn es um die Gesundheit geht, problematisch. Dem Gesundheitsreport 2025 der Deutschen Krankenversicherung (DKV) zufolge können 58 Prozent der Menschen nicht einschätzen, ob Gesundheitsquellen im Netz wirklich vertrauenswürdig sind. „Häufig bleibt unklar, welche Qualifikationen die Informationsanbieter haben oder wie sie die Inhalte finanzieren“, sagt Alina Gedde, Digitalexpertin bei der Ergo Versicherungsgruppe.
Neben der Gefahr, falsche Selbstdiagnosen zu stellen, besteht auch das Risiko, in sogenannte Cyberchondrie zu verfallen: Wenn man nach einer Internetsuche keine eindeutige Diagnose erhält, neigt man dazu, weiter zu suchen. Und so besteht die Gefahr, Symptomen nachzujagen und übertriebene Ängste zu schüren. Wenn dann schon geringe Symptome fälschlicherweise einer schweren Krankheit zugeordnet werden, kann das negative Folgen für die eigene Psyche haben: man kann depressiv oder hypochondrisch reagieren.
Junge Menschen anfälliger für Schmu aus dem Netz
Durch Influencer-Marketing werde die Situation zusätzlich verschärft, warnt Gedde. „Vor allem junge Menschen lassen sich bei Gesundheitsfragen von Online-Vorbildern beeinflussen, hinter deren Empfehlungen manchmal kommerzielle Interessen stecken.“ Viele Menschen hätten Schwierigkeiten, in dieser Menge an Suchergebnissen Fachwissen von Meinungen oder Werbung zu unterscheiden.
So wächst in den sozialen Medien die Zahl sogenannter Med-, Fit- und Foodfluencer, die über Gesundheit, Fitness und Ernährung sprechen. „Während die einen wertvolle und fachlich fundierte Inhalte liefern, fehlt anderen die notwendige Qualifikation“, erklärt Gedde. Werbung erscheint mitunter als persönliche Empfehlung, was die Trennung von Information und kommerziellen Interessen erschwert.
So erkennt man seriöse Anbieter
Um seriöse Influencer zu erkennen, sollte man auf deren Ausbildung und Fachkenntnisse achten: Gibt es Hinweise auf medizinische oder ernährungswissenschaftliche Ausbildungen oder Berufserfahrungen, steigt die Glaubwürdigkeit. Auch Transparenz spielt eine große Rolle: Seriöse Influencer legen Quellen offen und machen ihre finanziellen Interessen kenntlich. Weitere Anhaltspunkte bieten Kommentare und Feedback von Nutzern. Eine kritische Auseinandersetzung in den Diskussionen zeigt oft, wie glaubwürdig und verlässlich die Informationen sind.
Gleiches gilt für Gesundheitsinformationen auf Onlineportalen: Idealerweise stammen sie von medizinischen Fachleuten, die ihre Informationsquellen offenlegen. „Wer eine Seite betreibt und wie die Finanzierung geregelt ist, lässt sich meist im Impressum herausfinden. Informationen, die offensiv für bestimmte Produkte oder Verfahren werben, verdienen besondere Vorsicht“, so Digitalexpertin Gedde.
„Fehlen Quellenangaben, ist Misstrauen angebracht“
Verlässliche Webseiten würden offen benennen, an wen sich ihre Inhalte richten und mit welcher Absicht sie erstellt wurden. Sie weisen außerdem deutlich darauf hin, dass ihre Informationen keinen Arztbesuch ersetzen können und kommunizieren die Grenzen ihrer Aussagen transparent. „Seriöse Autoren belegen ihre Inhalte mit nachvollziehbaren Quellen und wissenschaftlichen Studien“, erklärt Gedde. „Fehlen diese oder bleiben die Quellen unklar, ist Misstrauen angebracht.“
Bei Gesundheitsinformationen ist zudem die Angabe des Veröffentlichungs- oder Aktualisierungsdatums wichtig – denn schließlich entwickelt sich medizinisches Wissen stetig weiter und veraltete Informationen können fehlerhaft und risikobehaftet sein. „Vorsicht geboten ist immer dann, wenn Angebote fast wundersame Heilungen oder schnelle Erfolge versprechen, insbesondere bei direkten Produktverlinkungen und Werbung“, sagt Gedde.
Eine zunehmend wichtige Rolle bei der Klärung von persönlichen gesundheitlichen Fragen spielt Künstliche Intelligenz (KI). So greifen der Bitkom-Umfrage zufolge 45 Prozent der Deutschen zumindest hin und wieder zur Klärung von Symptomen auf Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Copilot zurück oder stellen diesen generelle Fragen zum Thema Gesundheit.
Fast jeder Zweite klärt Symptome im Netz ab
Jeder zehnte Befragte (10 Prozent) tut dies bereits häufig, weitere 17 Prozent manchmal und 18 Prozent noch selten. 16 Prozent haben demnach sogar schon mal eine ärztliche Empfehlung nicht befolgt und eher dem KI-Chatbot vertraut. Wichtig bei der Nutzung von KI-Tools in Gesundheitsangelegenheiten sei Transparenz, betont Bitkom-Vizepräsidentin Raab. „Die Menschen müssen nachvollziehen können, wie die KI zu ihren Empfehlungen kommt, um sie verantwortungsvoll einzusetzen.“
Viele Krankenkassen haben auf den Trend reagiert, Gesundheitsinformationen zunächst von zu Hause zu recherchieren, bevor man einen Arzt aufsucht. Sie bieten Apps und Chatbots an, die Kranken weiterhelfen können. Die Handelskrankenkasse (hkk) etwa bietet auf ihrer Webseite mit dem hkk Symptomcheck ein kostenfreies Online-Tool an, mit dem man seine Symptome auf mögliche Krankheiten hin überprüfen kann.
Livechat mit Ärzten
Mitunter bieten Krankenkassen auch die Möglichkeit, direkt mit medizinischem Fachpersonal zu kommunizieren: So kann man sich etwa über die App der Techniker Krankenkasse (TK) in einem Livechat rund um die Uhr von Ärzten beraten lassen. Hier lassen sich auch Fotos und Dokumente hochladen, um ein genaueres Bild von den Beschwerden zu zeichnen. Zusätzlich bietet die TK ihren Versicherten ein Familientelefon an, über das Eltern direkt mit einem Kinderarzt über die Symptome ihres Kindes sprechen und eine Empfehlung erhalten können, ob ein Besuch in der Kinderarztpraxis vor Ort sinnvoll ist – eine wertvolle Unterstützung für besorgte Eltern.
Auch die Berliner Charité hat ein eigenes Gesundheitsinformations-Tool initiiert: Das KI-basierte Präventionsangebot „Sundi“, ein virtueller Gesundheitsassistent, beantwortet online Fragen von Patienten. Wichtig dabei: Das Wissen des Chatbots basiert nicht auf Daten des gesamten Internets, sondern nur auf wissenschaftlich fundierten Gesundheitsinformationen von medizinischen Experten. In Zweifelsfällen rät der Chatbot immer zum Arztbesuch. Das tut auch Ergo-Digitalexpertin Gedde: „Bei Unsicherheiten empfiehlt sich das persönliche Gespräch mit medizinischem Fachpersonal“, sagt sie. Denn erste Wahl bleibt auch im Online-Zeitalter die klassische Alternative zum Online-Doktor: der Besuch beim Arzt.