Der Zugverkehr soll laut Bahn-Chefin Palla trotz der Rekordzahl an Baustellen zuverlässiger werden Foto: imago/Future Image

Die neue Chefin des verlustreichen Staatskonzerns will 2026 zum Jahr des Neuanfangs machen. Noch sind viele strukturelle und personelle Fragen offen.

„Weniger Ankündigungen, mehr Verlässlichkeit“ – so beschreibt Evelyn Palla eines der wichtigsten Ziele bei der Neuausrichtung der verlustreichen Deutschen Bahn AG. Am 1. Januar will die neue Chefin den tiefgreifenden Umbau des größten deutschen Staatskonzerns starten. „2026 wird das Jahr des Neuanfangs“, kündigte die Südtirolerin vor Journalisten im Berliner Bahntower am Potsdamer Platz an. Palla will den Transportriesen mit seinen noch mehr als 230 000 Mitarbeitern und mehreren hundert Tochterfirmen „vom Kopf auf die Füße stellen“. Dabei sei der Schulterschluss mit der Politik und den Arbeitnehmervertretern nötig. Das Konzept soll bis Dezember vorliegen und dann in den Aufsichtsräten beschlossen werden.

 

Bahnhöfe sollen modernisiert, sauberer und sicherer werden, kündigte Palla an. Der Zugverkehr soll trotz der Rekordzahl an Baustellen zuverlässiger werden, auch durch bessere Planung. Die längeren Fahrzeiten sollen möglichst früh schon in den Fahrplänen berücksichtigt werden, bisher führen laut Palla 70 Prozent der Baustellen zu mehr oder weniger kurzfristigen Änderungen. An der Generalsanierung von noch 40 Schienenkorridoren bis 2036 werde man festhalten: „Das ist alternativlos.“

Mehr Verantwortung, schlankere Strukturen, weniger Bürokratie

Die bisherige Chefin der DB Regio AG hat seit 1. Oktober die Aufgaben des vorzeitig abgelösten DB-Chefs Richard Lutz übernommen. Im Regionalverkehr auf der Schiene konnte Palla das zuvor bröckelnde Geschäft stabilisieren. Die Erfolgsrezepte sollen nun dem ganzen Konzern helfen: mehr Verantwortung in der Fläche durch Dezentralisierung, schlankere Strukturen, weniger Bürokratie, Konzentration auf das Kerngeschäft. „Alles andere können und wollen wir uns nicht mehr leisten“, betont die Managerin.

Evelyn Palla hat seit 1. Oktober die Aufgaben des vorzeitig abgelösten DB-Chefs Richard Lutz übernommen. Foto: dpa/Christoph Soeder

Palla will rasch erreichen, dass Entscheidungen stärker und eigenverantwortlich vor Ort getroffen werden. Das habe man bei DB Regio erfolgreich umgesetzt, das sei die „Blaupause“. Es dürfe zum Beispiel keine Ausreden mehr geben, wenn der Zug nicht fahre. In der Berliner Holding, von Kritikern als „Wasserkopf“ bezeichnet, soll die Stellenzahl schrumpfen. Schon Ex-Chef Lutz hatte den Abbau von 30 000 Jobs vor allem in der Verwaltung angekündigt, ein Teil ist bereits umgesetzt. So schrumpft die PR-Abteilung von 250 auf 190 Beschäftigte.

Regierung erwartet dauerhaft schwarze Zahlen

Leitlinie für Palla ist die „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Die Regierung erwartet vom Staatskonzern spätestens ab Ende 2028 dauerhaft schwarze Zahlen und ab Ende 2029 wenigstens 70 Prozent Pünktlichkeit. Der verlustreiche DB Fernverkehr soll bis März ein „Sanierungs- und Entwicklungsprogramm“ vorlegen. Zuletzt fuhr fast jeder ICE deutlich verspätet, im ersten Halbjahr standen unterm Strich beim Konzern 760 Millionen Euro Verluste bei 13,3 Milliarden Euro Umsatz. Mit dem Notverkauf der Spedition Schenker konnten die Konzernschulden zwar auf rund 22 Milliarden Euro verringert werden, damit hat die DB aber ihren einzigen großen Gewinnbringer verloren.

Der Bundesrechnungshof stuft den Konzern als schweren Sanierungsfall ein und sieht besonders die DB Cargo AG in einer Existenzkrise. Die bundeseigene Güterbahn konnte die Verluste zwar verringern, fährt aber seit anderthalb Jahrzehnten tief in der Verlustzone. Vorstandschefin Sigrid Nikutta hat wegen der Einsparungen bei Personal und Fahrzeugen den Rückhalt bei Betriebsräten und der Gewerkschaft EVG verloren, Arbeitnehmervertreter forderten mehrfach öffentlich ihre Ablösung. Bei einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung nächste Woche wird Nikutta mit hoher Wahrscheinlichkeit abberufen.

Beratungsfirma zerpflückt Sanierungskonzept

Die Managerin galt vormals als Hoffnungsträgerin und mögliche Nachfolgerin von Lutz. An der Sanierung von DB Cargo waren zuvor mehrere Manager gescheitert. Die Beratungsfirma Oliver Wyman stuft Nikuttas Sanierungskonzept als wenig geeignet ein, um nächstes Jahr aus der Verlustzone zu kommen. Bisher erhielt die Güterbahn über viele Jahre vom Konzern unzulässige Verlustausgleiche, das hat die EU-Kommission untersagt. Bei weiteren Verstößen drohen milliardenschwere Rückzahlungen, die das Ende von DB Cargo bedeuten könnten.

Zu lösen sind beim Staatskonzern auch noch zahlreiche Personalfragen, bei denen sich die Vertreter der Regierung und der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten einigen müssen. Neue Finanzchefin im Holdingvorstand könnte laut Medienberichten die frühere Managerin der Baumarktkette Hornbach, Karin Dohm, werden. Der langjährige DB-Finanzvorstand Levin Holle war bereits im Frühling ins Bundeskanzleramt gewechselt. Pallas Nachfolger bei der DB Regio soll Harmen van Zijderveld werden, der dort schon im Vorstand sitzt.