Als junger Sänger träumt John Outland davon, auf den großen Opernbühnen der Welt zu stehen. Heute leitet er Laienchöre in Stuttgart, Esslingen und Böblingen. Bilanz einer wechselvollen Künstlerkarriere.
Eine seiner schlimmsten Berufserfahrungen war die Aufführung eines zeitgenössischen Werks am Staatstheater Braunschweig. Nicht nur, dass John Outland in eine Zwangsjacke gesteckt wurde, im letzten Akt musste er sich auch noch in seiner Rolle als biblischer Prophet eine vier Meter hohe Treppe hinunterstürzen. John Outland ist kein Stuntman, sondern Opernsänger. Er liebt Verdi. Was 1984 auf der Braunschweiger Bühne geschah, war die Antithese zu Verdis Harmonien: „Ein inszeniertes Chaos.“
Um zu verstehen, warum John Outland der klassischen Musikwelt eines Tages Goodbye gesagt hat, ist es hilfreich, sein Leben von vorne zu betrachten. Er wird am 3. März 1952 in Tullahoma/Tennessee als jüngstes von fünf Kindern geboren. Sein Vater ist Pastor der Baptistengemeinde. Mit 14 tritt John zum ersten Mal als Solist in der Kirche auf: „Oh Lord, my God, how great you are!“ Während sich die anderen Jungs aus seinem Viertel beim Football raufen, spielt er begeistert mit seiner Stimme.
Nicht ist schöner als Puccinis Duett
Nach der Highschool singt John an der staatlichen Universität in Knoxville vor – und wird mit einem Stipendium für Hochbegabte aufgenommen. Erst jetzt, im Gesangsstudium, entdeckt er die Oper. Als er „La Bohème“ hört, flattern augenblicklich Schmetterlinge in seinem Bauch. Bis heute ist John Outland der Meinung, dass der menschliche Geist nichts Schöneres erschaffen hat als Giacomo Puccini mit „O soave fanciulla“, dem Duett in der Mitte des ersten Aktes. Selbst auf der Bühne singen kann John Outland die Rolle des armen Poeten Rodolfo nicht: Er ist kein Tenor (die rar gesät sind), sondern ein Bariton (eine von Natur aus häufigere männliche Stimmlage).
Der Gesangsstudent Outland hört am liebsten die Aufnahmen des Amerikaners Lennard Warren, der in den 50er Jahren als Escamillo in „Carmen“ oder als Scarpia in „Tosca“ das New Yorker Publikum betörte. Am 4. März 1960 brach Warren in der Metropolitan Opera zusammen, als er gerade die Verdi-Arie „Urna fatale del mio destino“ sang: „Morir! Tremenda cosa! Sì intrepido, sì prode, ei pur morrà! Uom singolar costui!“ – „Sterben! Furchtbare Sache! Ja unerschrocken, ja tapfer, und doch wird er sterben! Dieser einzigartige Mann hier!“ Lennard Warren starb auf der Bühne an einer Gehirnblutung.
Von Tennessee nach New York
Als er das Gesangsdiplom in der Tasche hat, bewirbt sich John Outland im Umfeld seines Idols: am Metropolitan Opera Studio in New York. Dass er angenommen wird, ist ein riesiger Erfolg für ihn, das 21-jährige Greenhorn aus den Südstaaten. Opernstudios dienen der Förderung junger, besonders talentierter Sänger, und die Met gehört neben der Wiener Staatsoper und der Mailänder Scala weltweit zu den allerbesten Adressen.
Wenn fast 4000 Menschen den imposanten Saal an der Upper West Side von Manhattan füllen, ist der Gesangs-Azubi Outland bestenfalls weit hinten auf der Bühne zu sehen. Seine Hauptbeschäftigung besteht darin, mit dem Studio-Ensemble übers Land zu tingeln und große Opern in kleinen Theatern vorzuführen. Am liebsten tritt er in seiner Paraderolle als Graf Almaviva in „Figaros Hochzeit“ auf. Einmal kommt es auch zu einem Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff, wo der hoffnungsvolle New Yorker Opernnachwuchs unter dem Motto „Vienna to Broadway“ Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Andrew Lloyd Webber zu einem bunten Potpourri vermischt.
Nach drei Jahren muss Outland das Met-Studio verlassen, seine Lehrzeit ist endgültig vorbei. Er benötigt ein neues Engagement. Seine Ansprüche sind hoch, aber die wenigen international renommierten Opernhäuser in den USA – neben New York Chicago, San Francisco und Miami – interessieren sich nicht für den Solisten John Outland.
Ein Job in der Baptistengemeinde
Vielleicht fehlt ihm noch der letzte Schliff. Outland kehrt nach Knoxville zurück und nimmt Gesangsstunden bei Edward Zambara, einem der namhaftesten Musikpädagogen auf dem nordamerikanischen Kontinent. Den Unterricht bei der Koryphäe finanziert er, indem er in der Baptistengemeinde zehn Chöre betreut – das jüngste Mitglied ist kaum zehn, das älteste über 70 Jahre alt. Jetzt macht es sich für John Outland bezahlt, dass er an der Universität nicht nur zum Sänger, sondern auch zum Dirigenten ausgebildet wurde.
Anfang 83 steht er am Scheidepunkt. Trotz bester Referenzen scheinen die bedeutenden amerikanischen Theater für ihn noch immer unerreichbar. Outland entschließt sich, sein Glück dort zu versuchen, wo die Berufsaussichten für klassisch ausgebildete Musiker am besten sind: In der Bundesrepublik Deutschland gibt es über 80 Opernhäuser, kein Land der Welt hat mehr.
Mehrere Agenten helfen John Outland bei der Jobsuche. In den ersten drei Wochen auf deutschem Boden singt er an 15 öffentlich getragenen Musiktheatern vor. Heute Kiel, morgen Kassel. Anschließend Heidelberg, dann Kaiserslautern und so weiter. Letztendlich bleibt ihm nur die Wahl zwischen Wiesbaden und Gelsenkirchen. Instinktiv entscheidet er sich für die hessische Landeshauptstadt. Ioan Holender, der Agent, der ihn nach Gelsenkirchen vermittelt hatte, ist daraufhin beleidigt. Einige Jahre später wird Holender Direktor der Wiener Staatsoper. Und John Outland ahnt, dass er nach seiner Ankunft in Deutschland die falsche Ausfahrt genommen hat: Was wäre aus ihm geworden, wenn er nach Gelsenkirchen abgebogen wäre und ihm der einflussreiche Strippenzieher Holender wohlgesinnt geblieben wäre? In einer Künstlerkarriere entscheiden häufig Zufälle darüber, ob man zum Weltstar aufsteigt oder in der Provinz abtaucht.
Fremdling am Hessischen Staatstheater
Wiesbaden ist für den US-Bariton John Outland 1983 ein Kulturschock. Er ist den amerikanischen Teamspirit gewöhnt, den festen Zusammenhalt in einer Gemeinschaft, die das Ziel verbindet, eines Tages auf den großen Opernbühnen dieser Welt zu singen. Am Hessischen Staatstheater erlebt er das Gegenteil: In dem Ensemble tobt ein Konkurrenzkampf, und er, der Neuling aus Übersee, wird wie ein Eindringling behandelt: „Diese Zeit war wirklich hart für mich.“
Wenn John Outland heute über seine Erfahrungen im klassischen Musikgeschäft redet, kann er über vieles lachen, was ihm einst zu schaffen machte. Der 70-Jährige scheint sein Glück gefunden zu haben. Er ist kerngesund, hat eine liebevolle Frau (Sabine Blum ist Physiotherapeutin) und wohnt in einem hübschen Eigenheim am Rande von Stuttgart-Luginsland. Sein Sohn David, erzählt er, studiert Physik: „Keine Ahnung, von wem er diese Neigung hat. Von mir jedenfalls nicht.“
Als Naturwissenschaftler dürfte David erspart bleiben, was sein Vater in seinem künstlerischen Beruf einst durchleiden musste: Bei einer Aufführung am Hessischen Staatstheater wird er ausgebuht und mit Eiern beworfen. Outland findet die moderne Verdi-Inszenierung von „Il trovatore“, in der er in einer Soldatenuniform die Rolle des Grafen Luna singt, selbst missraten. Der Troubadour Manrico ist ein Nazi-Offizier, die Zigeunerin Azucena wird auf einem elektrischen Stuhl hingerichtet, dazu gibt es Neonlichtgeflacker. „Man gibt als Sänger auf der Bühne sein Bestes und muss trotzdem dafür büßen, dass sich der Regisseur einen Mist ausgedacht hat“, sagt Outland.
Kampf um Aufmerksamkeit
Nach drei Jahren endet sein Engagement in Wiesbaden. Am Stadttheater Hildesheim ergattert Outland einen Zeitvertrag und wird von der Lokalpresse für seine Auftritte als Torero Escamillo in „Carmen“, als Novellist Pietro Fléville in „Andrea Chénier“ und Graf Tomski in „Pique Dame“ gelobt. Doch wer in der weiten Opernwelt nimmt schon wahr, was die „Hildesheimer Allgemeine“ schreibt? 1987 steht Outland ohne festen Job da. Notgedrungen beginnt er ein Nomadenleben als freischaffender Künstler und nimmt, was er bekommen kann: „Fra Diavolo“ am Landestheater in Coburg, „Madame Butterfly“ im dänischen Aarhus oder die Zwölftonoper „Die Fastnachtsbeichte“ in Mainz. Nach jedem Gastspiel steht er vor der Frage, wie und wo es für ihn weitergeht: „Auf Dauer ist das ungeheuer zermürbend.“
Als der Eiserne Vorhang gefallen ist und bestens ausgebildete osteuropäische Sänger an die deutschen Opern drängen, will John Outland nicht mehr weiterkämpfen. Der Wunsch, den Strapazen zu entkommen, ist größer als seine Sehnsucht nach Applaus. Erst mit 40 gilt die Stimme eines Baritons als vollständig ausgereift. Als John Outland seine Opernkarriere beendet, ist er 39 Jahre alt.
Montagabend, halb acht, katholisches Gemeindezentrum St. Katharina in Esslingen-Sulzgries. Wie vor jeder Probe hat John Outland seinen Festplattenrekorder und sein Keyboard bereits mit den Lautsprechern verbunden, als die zwölf Frauen und sechs Männer des Chors Singebration allmählich eintrudeln. „Okay, Guys, legen wir los!“
Stepptanz im katholischen Gemeindesaal
Für die folgenden zwei Stunden verwandelt sich Outland in eine Rampensau: Er dirigiert, gestikuliert, tanzt, haut in die Keyboardtasten, korrigiert, lobt und schimpft. 26 Euro Monatsbeitrag kostet es, sich als Laie von dem amerikanischen Entertainer John Outland das Singen in der Gruppe beibringen zu lassen und nebenbei auch noch zu lernen, wie man sich zum Rhythmus passend bewegt. „Footloose, footloose/Kick off your Sunday shoes“, schmettern die 18 Singebrations und steppen in Synchronschritten durch den katholischen Gemeindesaal.
Seit mehr als drei Jahrzehnten lebt John Outland davon, dass er in der Region Chöre leitet. „Ich habe die deutschen Gesangsvereine, in denen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammenfinden, schon immer bewundert“, sagt er. 1991 begann er auf Honorarbasis beim Männergesangsverein in Alfdorf, es folgten Stationen in Schafhausen, Weil im Schönbuch, Kemnat, Hofen und Wäldenbronn. Derzeit dirigiert Outland neben den Esslinger Singebrations noch Chöre in Sillenbuch (Viva Voce) und Böblingen (Vocal Explosion).
Ganz ohne Frust verläuft auch seine zweite Karriere nicht. Outland erzählt von „schwäbischen Vereinsmeiern“, die sich weigerten, ein Lied auf Englisch zu singen: „Ich will die Chöre für den Nachwuchs attraktiver machen, aber manche von den Altvorderen torpedieren meine Bemühungen.“ Fragt man bei seinen früheren Gesangsvereinen nach, hört man, dass Outland die Mitglieder, die nach Feierabend Zerstreuung und Geselligkeit suchten, überfordert habe.
Vorsingen im Eigenheim
Outland sagt, dass er mit demselben Ehrgeiz seine Chöre leite, wie er einst Opernarien gesungen habe: „Ich will das Bestmögliche erreichen.“ Neulinge bestellt er zum Vorsingen zu sich nach Hause. Dann erläutert er ihnen, worauf sie achten sollen. Vor allem: richtig atmen. Aufrecht stehen, Brustkorb nach vorne drücken, die Arme beim Singen mitnehmen: „Deine Gesichtsmuskulatur ist mit deinem gesamten Körper vernetzt.“ Zudem den nötigen Resonanzraum bilden: „Es hilft, sich vorzustellen, dass man eine heiße Kartoffel im Mund hat.“
Mit 14 hat John Outland in einer Baptistenkirche in Tennessee zum ersten Mal vor Publikum gesungen. In seinen New Yorker Jahren glaubte er, dass er groß rauskommen werde. Von diesem Traum musste er sich losreißen, aber die Leidenschaft für den Gesang ist ihm bis heute geblieben. Vielleicht bewirkt John Outland mehr als ein Opernstar.
Konzerte mit Outlands Chören
Esslingen
John Outland und sein Esslinger Chor Singebration treten am Sonntag, 23. Oktober, um 16.30 Uhr im Esslinger Münster St. Paul auf. Der Eintritt ist frei, um Spenden für den Verein Wildwasser wird gebeten.
Sillenbuch
Das Weihnachtskonzert von Outlands Sillenbucher Chor Viva Voce findet am 11. Dezember um 16.30 Uhr im Stuttgarter Stiftstheater am Augustinum, Florentiner Straße 20, statt. Informationen zum Kartenvorverkauf unter: vivavoce-stuttgart.