David Reger mit 4NE1. Der Humanoide soll zur Allzweckwaffe im Haushalt, in der Industrie und in der Pflege werden. Als Vorserienmodell kostet der Roboter 60 000 Euro. Foto: Neura

In Metzingen hat mit Neura ein Big Player der Robotik seinen Sitz. David Regers Geschöpfe sind sozusagen mit eigenem Gehirn und eigenen Sinnen ausgestattet.

Drei Katzen gibt es im Phönix. Zwei dumme, die monoton am Eingang winken. Die dritte ist künstlich-intelligent und steht im Mittelpunkt. „Vorsicht, Essen ist unterwegs, miau.“ Sie hört auf den Namen Bella, spricht und umkurvt Hindernisse um das Büffet im Neckartenzlinger China-Restaurant. „Liebe Gäste, Ihre Bestellung ist da. Vielen Dank und guten Appetit.“ Hühnerfleisch süß-sauer für Tisch 24. „Auf Wiedersehen“, sagt der Automaten-Ober und rollt weiter zu Tisch 28. Bei Kindergeburtstagen ist die Robo-Katze der Brüller.

 

Der interaktive Kellner mit dem Katzengesicht stammt aus China. Doch nur wenige Kilometer von Neckartenzlingen entfernt, in Metzingen und im kleinen Nachbarort Riederich, entwickelt und baut die Firma Neura Robotics ebenfalls Roboter – mit dem Anspruch, eine neue Ära der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine einzuläuten. David Reger, Gründer und Chef, wurde bereits als „Mister Robotics“ bezeichnet. Robotik, so sein Versprechen, krempelt unser aller Leben zum Besseren um, stellt das Smartphone in den Schatten und wird „The next big thing“. Ein Jahrhundertgeschäft.

Kognitive Fähigkeiten im Roboter

Im Foyer in Riederich läuft ein Imagefilm mit den Neura-Produkten – Roboter für die Industrie und für den Haushalt. „We serve humanity“ ( Wir dienen der Menschheit) verheißt der Spot. Reger vergleicht die Robotik mit der Erfindung des Traktors. „Sie wird dem Menschen die lästigen Dinge abnehmen und ihm so die Zeit geben, sich mit den wichtigen Dingen im Leben zu beschäftigen“, sagt der 37-Jährige. Nichts, was die Roboter einmal nicht leisten werden.

Mit an der Spitze dieser Revolution steht Neura. „Wir waren die ersten, die kognitive Fähigkeiten in die Robotik brachten“, sagt Reger selbstbewusst. Der Roboter bekommt sozusagen ein eigenes Gehirn mit eigenen Sinnen. „Wir haben eine Architektur geschaffen, damit so eine physische KI überhaupt entstehen kann. Darin sind wir stark.“ Im Kern geht es um die Kombination von Sensortechnik und Künstlicher Intelligenz.

Das Hauptgebäude in Riederich ist ein ehemaliges Möbelhaus. Jetzt stehen hier Schreibtische, an denen junge Frauen und Männer an Laptops arbeiten. Neura produziert hier auch – Roboterarme für die Industrie zum Beispiel. Der Star aber ist 4NE1 – for anyone. Der Humanoide soll zur Allzweckwaffe werden in Haushalt, Industrie und Pflege. Müll rausbringen, Spülmaschine ausräumen, bügeln, Autos zusammenschrauben: Um das alles zu schaffen, geht 4NE1 fleißig ins „Gym“. Im Neura-Trainingszentrum trainiert er seine Synapsen vom Gehirn zu den Armen und Beinen.

Etwas unrund ist an diesem Morgen der Gang des etwa 1,80 Meter großen Geschöpfs, das zum großen Sprung ansetzen soll. „Es ist die Hüfte“, ruft Reger seinen Mitarbeitern zu. 4NE1 zeigt keine Gefühle, die Sensoraugen hält er hinter einem undurchdringlichen, schwarzen Visier verborgen. „Geben Sie ihm ruhig die Hand“, sagt Reger. Ein sanft dosierter, angenehmer Händedruck. Ein paar Meter weiter sortiert ein Roboter aus derselben Produktfamilie Wäsche. Als Vorserienmodell ist 4NE1 für 60 000 Euro zu kaufen.

Big Deal mit Schaeffler

Noch steckt der humanoide Schwabe in den Kinderschuhen, im Wettbewerb muss er aber schnell erwachsen werden. Das Zutrauen in seine Entwicklungsfähigkeit jedenfalls ist so groß, dass der Automobilzulieferer Schaeffler jetzt einen 300-Millionen-Euro-Deal mit Neura geschlossen hat. Die zweibeinigen Helfer könnten künftig Fabrikarbeitern schwere Arbeit abnehmen. Die Technologiepartnerschaft mit Herzogenaurach sieht auch den Datenaustausch vor, damit Künstliche Intelligenz die Roboter nach und nach schlauer macht. Neben Schaeffler kooperiert Neura laut Reger mit weiteren namhaften Firmen und hat die globale Netzwerk-Plattform „Neuraverse“ geschaffen.

Mensch und Maschine. Wer ist Sklave, wer Herr? In „Moderne Zeiten“ von 1936 gerät Charlie Chaplin zwischen die Zahnräder des Fortschritts. 1977 erobern der freche R2-D2 und der etwas linkische humanoide Roboter C-3PO in „Star Wars“ die Herzen der Science-Fiction-Fans. Mit „I, Robot“ kommt 2004 ein Film in die Kinos, bei dem es um den Kampf zwischen menschlicher Intelligenz und deren Schöpfung geht. „Ich habe sogar schon einmal geträumt“, sagt der Gefühle entwickelnde Roboter Sonny an einer Stelle. Der Thriller kreist um Prinzipien, die der Biochemiker und Autor Isaac Asimov bereits 1942 formulierte: „Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.“

Grundsätze, denen sich natürlich auch David Reger verpflichtet sieht. Mehr als 1100 Mitarbeiter aus 45 Nationen beschäftigt Neura. Die Firma wächst weiter. „Wir sind sehr international. Wir bauen einen Roboter für die Welt, da muss viel Know-how aus der ganzen Welt bei uns einfließen“, sagt Reger.

Kunden aus aller Herren Länder bevölkern auch die Stores der Outlet-City am Neura-Firmensitz Metzingen. Wieso gründete David Reger vor sechs Jahren seine Firma ausgerechnet dort? Am liebsten, verrät er, wäre er nach Rottweil gegangen, wo er aufgewachsen ist und wo er es immer noch am schönsten findet. Reger wusste aber, dass er in eine wirtschaftsstarke Gegend muss, um erfolgreich zu sein. Rottweil, älteste Stadt Baden-Württembergs, das reichte nicht.

Er ist kein Großstadtmensch. „Ich wollte einigermaßen ländlich leben. Metzingen ist cool, am Sonntag leer gefegt, kein Mensch hier. Das war, glaube ich, der Hauptgrund.“ Abseits der Shopping Malls gibt es eine exzellente Kaffee-Rösterei, malerische Weinberge, die Uracher Wasserfälle ganz in der Nähe. Weltläufigkeit und schwäbische Bodenständigkeit – und die Möglichkeit, im benachbarten Riederich und perspektivisch auch in Metzingen zu expandieren. Hier fühlt sich Reger wohl.

Regers Start-up im Schwäbischen

Eine wichtige Weiche hat sich bei einer Urlaubsreise nach Venedig gestellt. Auf dem Weg kommen er und seine spätere Frau durch Küssnacht. Traumhaft schön die Landschaft am Rigi. „Hier würde ich gerne leben“, meint er. Sie nimmt ihn beim Wort, schickt spontan und ohne sein Wissen einige Bewerbungen für ihn los. Auf der Rückfahrt klingelt schon Regers Telefon. Unbekannte Nummer. Ein gewisser Max Biland meldet sich. „Sie haben sich bei uns beworben“, sagt der Chef der Maschinenbaufirma Mabi. Reger ist perplex. Es folgt ein Treffen – und dann hat Reger einen neuen Job in der Schweiz. „Man stellte mich als Ingenieur ein, obwohl ich gar keiner bin.“ Hochmotiviert macht sich Reger an die Entwicklung eines Roboters. Ein Jahr später ist das neue Portfolio auf dem Markt und wird zu einem durchschlagenden Erfolg.

Das Familienunternehmen entscheidet, Firmen auszugründen und überträgt die Aufgabe David Reger. Damit beginnt seine Karriere als Unternehmer. Am Ende gründet er sein eigenes Start-up im Schwäbischen. Anfangs sei er von allen Seiten belächelt worden, sagt Reger: „Schön und gut, deine Roboter-Vision. Aber das hinzubekommen, wird Jahrhunderte dauern.“

Im vergangenen Jahr hat Neura eigenen Angaben zufolge über verschiedene Partner wieder Tausende Roboter auf den Weltmarkt gebracht. Der Auftragsbestand liegt derzeit bei einer Milliarde Euro. Investoren setzen auf das Unternehmen, das sich im Januar über eine Kapitalspritze von 120 Millionen Euro freuen durfte.

Wenn David Reger Roboter mit dem Traktor vergleicht, weiß er, wovon er spricht. „Ich wollte immer Bauer werden. Das war als Kind mein geheimer Traum.“ Wie Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich, wächst Reger in Bösingen auf, einem Dorf bei Rottweil. Er ist der Zweitälteste von elf Geschwistern. Als Jugendlicher jobbt er auf einem Bauernhof, schraubt für zehn Mark am Tag an landwirtschaftlichen Maschinen. Mit 13 tauscht er seine Playstation gegen eine Yamaha ein. Die Eltern wissen nichts davon, den Chopper versteckt er im Wald. Für die Schule macht er nur das Nötigste, das reicht für den Werkrealabschluss. Auf den letzten Drücker findet er eine Lehrstelle bei der Modellbaufirma Wilhelmi in Oberndorf. Der Chef ist ein schwäbischer Schaffer in Reinkultur, bei Jürgen Wilhelmi lernt der Lehrbub, was Effizienz heißt. Dieser Mann wird ihn prägen.

Vorbild: sein Opa

Auch sein Opa, ein Pastor, war Reger ein Vorbild. „Ich glaube daran, dass das Leben eines jeden Menschen einen Sinn hat. Der Sinn ist etwas beizutragen“, sagt er. „Ich glaube an Gott. Ich habe mich dem Guten verschrieben, und so muss ich fast bedingungslos das Ganze vorantreiben, um etwas Positives zu bewirken in der Zeit, die ich habe.“ Reger will Robotik für den Massenmarkt entwickeln: „Wenn es bald Roboter für den Haushalt gibt, die wie ein Smartphone mit Armen und Beinen funktionieren, dann sollen diese Roboter von uns kommen.“

Chinesische Hersteller schickten jüngst ihre KI-Zweibeiner ins Rennen – bei einem Halbmarathon in Peking. Der Wettlauf hat schon lange begonnen, und die Metzinger wollen dabei die Nase vorn haben. David Reger: „Zu meinem Team sage ich immer: Da müssen wir halt schneller rennen.“