Moritz Müller und Ida Stapelberg zählen im Sportklettern in ihrer Altersklasse deutschlandweit zur absoluten Spitze. Foto: Günter Bergmann

Der Klettersport erlebt einen Hype, ist inzwischen auch bei Olympia vertreten. Wie spiegelt sich diese Entwicklung beim Climbing Team des DAV in Stuttgart wieder?

Es hat etwas Eidechsenhaftes, wenn Moritz Müller die Kletterwand emporschießt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen finden die langen Arme des Jugendlichen den nächsten Griff. Parallel dazu winkelt er die Beine an, verlagert das Gewicht. Wie im Zeitraffer arbeitet er sich nach oben. Zack, zack, zack – dann ist der Trainingsdurchgang auch schon wieder beendet. Müller hat das Dach der Halle im Kletterzentrum auf der Waldau erreicht.

 

Der 15-Jährige aus Kirchheim (Kreis Esslingen) ist auf die Disziplin des Speed-Kletterns spezialisiert. Dabei geht es darum, eine Route so schnell wie möglich zu bewältigen. 15 Meter hoch ist die Normwand bei Wettkämpfen. Die Allerbesten benötigen dafür keine fünf Sekunden. „Das ist eine magische Marke, die fünf Sekunden“, sagt Müller. Er selbst ist von solchen Werten zwar noch ein gutes Stück entfernt, gehört aber europaweit zu den besten Speed-Kletterern seiner Altersklasse. Mit dem Climbing Team Stuttgart trainiert er fast jeden Tag, um nach Erfolgen im Jugendbereich in absehbarer Zeit auch bei den Erwachsenen in die Leistungsspitze vorzustoßen.

Climbing Team Stuttgart wächst

Das Climbing Team ist die Abteilung für Wettkampfklettern in der Sektion Stuttgart des Deutschen Alpenvereins (DAV). Ziel ist es, ambitionierte Talente aus der Region zu fördern. „Wir haben zwischen 40 und 50 Athletinnen und Athleten“, sagt Michael Müller. Der 30-Jährige – nicht verwandt mit Moritz – leitet die Gruppe und ist überdies einer von mehreren Trainern.

Nachdem die Sektion Stuttgart die Leistungsabteilung vor gut 15 Jahren aus der Taufe gehoben hatte, war er dort zunächst selbst als Athlet aktiv. „Da waren wir zeitweise mal zu viert“, erinnert er sich. Inzwischen gibt es ein Fördersystem für Kinder ab sechs Jahren, bis hin zum Erwachsenenalter. „Von solchen Bedingungen hätten wir früher geträumt“, sagt Michael Müller, der beruflich als Gebäudeenergetik-Wissenschaftler an der Uni Stuttgart arbeitet.

Michael Müller leitet das Climbing Team Stuttgart. Foto: Günter E. Bergmann - Photography

Klettern bei Olympia

Die strukturelle Weiterentwicklung ist kein Zufall. Das Klettern boomt. Einerseits in der Breite, schätzte der DAV die bundesweite Zahl der Kletterinnen und Kletterer 2023 doch auf rund eine Million. Zum Vergleich: 1990 lag sie den Angaben nach bei 70 000. Aber auch in der Spitze: Bei den Spielen von Tokio feierte der Sport 2021 seine olympische Premiere.

Innerhalb Deutschlands ist der Nationalkader des DAV das Maß der Dinge. Im Jugendbereich gliedert er sich in einen ersten und einen zweiten Nachwuchskader (NK1 und NK2). Das Climbing Team Stuttgart bildet hier eine Art Schnittstelle von der regionalen zur nationalen Spitze. Bei der 2026er-Ausgabe des NK1 stellt es zwei der 17 Athletinnen und Athleten: Moritz Müller im Speed und Ida Stapelberg im Speed sowie im Bouldern. In zweiterer Disziplin werden Routen in Absprunghöhe ohne Seil absolviert.

Hohes Pensum bei Kletterin aus Stuttgart

„Ich klettere seit ich vier Jahre alt bin“, sagt Stapelberg. Mit zwölf Jahren absolvierte sie ihren ersten Wettkampf. 2025 belegte die Stuttgarterin bei der U17-EM den fünften Platz im Bouldern und nahm im Speed sogar an der Weltmeisterschaft in ihrer Altersklasse teil. Inzwischen 15 Jahre alt, will sie es 2026 auch im Bouldern zur Jugend-WM schaffen. „Auf dieses Ziel hin ist mein Training ausgerichtet“, sagt Stapelberg. Bedeutet: fünf Einheiten pro Woche, an der Wand und im Kraftraum.

Im DAV-Kletterzentrum auf der Waldau arbeitet Ida Stapelberg auf ihre Ziele hin. Foto: Günter E. Bergmann - Photography

Dazu kommen die weiten Reisen zu den Wettkämpfen – ein hohes Pensum für eine Zehntklässlerin. „Manchmal ist es schon sehr stressig“, gibt sie zu. „Eine schlechtere Note in der Schule muss ich deswegen ab und zu mal akzeptieren.“ Motivationsprobleme habe sie dennoch selten. An Vorbildern wie der slowenischen Starkletterin Janja Garnbret sehe sie, was in ihrem Sport alles möglich sei – das treibe sie an.

Die positiven und die negativen Seiten der Professionalisierung

„Mir ist es wichtig, dass die Motivation von den Athletinnen und Athleten selbst ausgeht“, sagt Michael Müller. Er weiß, dass die zunehmende Professionalisierung ihre Kehrseiten haben kann. „Wir haben im Klettern etwa ein Problem mit dem Energy Deficit Syndrome. Das bedeutet, dass man zu wenig isst, weil das Gewicht im Sport eine Rolle spielt.“

Das Climbing Team versuche deshalb, Druck herauszunehmen, gerade im Jugendbereich. „Wenn jemand morgen mit Wettkämpfen aufhört, ist das bei uns auch ok“, sagt Müller. Die Top-Talente aus dem DAV-Kader trainieren in Stuttgart ohnehin gemeinsam mit Jugendlichen, bei denen es nicht für die absolute Spitze reicht. Der Trainer Müller schiebt allerdings nach: „Wir sind trotzdem eine Leistungsgruppe.“ Wer es nach ganz oben schaffen will, soll beim Climbing Team deshalb die entsprechende Förderung erhalten. So wie Moritz Müller und Ida Stapelberg. Die rasante Entwicklung des Klettersports, sie findet auch in Stuttgart statt.

Die olympischen Disziplinen des Klettersports

Bouldern
Klettern ohne Seil auf Routen in Absprunghöhe erlebt in Deutschland seit einigen Jahren einen Hype als Breitensport. Inzwischen findet sich das Bouldern auch bei Olympia wieder. Bei internationalen Wettkämpfen versuchen sich die Teilnehmenden nacheinander an mehreren Routen. Wer die meisten von ihnen schafft, gewinnt.

Lead
Diese Disziplin kommt dem klassischen Felsklettern am nächsten. Zu absolvieren sind Routen mit Seil im Vorstieg. Das Wettkampfprinzip ist beim Lead dasselbe wie beim Bouldern.

Speed
Beim Bouldern und beim Lead gibt es zwar ein Zeitlimit. Wer am schnellsten ist, spielt dort aber keine Rolle. Anders beim Speed: Dort ist die Zeit der Faktor, der entscheidet.