Schüsse, Schwerverletzte und Korruptionsvorwürfe in der Justiz: Vor dem ersten großen Prozess im Fall „Frost“ zeigt ein detaillierter Überblick, wie tief dieser Tatkomplex reicht.
Was als Auseinandersetzung zwischen zwei konkurrierenden Security-Firmen begann, entwickelte sich zu einem handfesten Korruptionsskandal in der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Mehrere Männer sind mittlerweile verhaftet, trotzdem geht die Gewalt weiter.
Am kommenden Montag beginnt der erste Prozess wegen versuchten Mordes im Komplex „Frost“. Um diesen Prozessauftakt richtig einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Chronologie der Ereignisse.
26. April 2025: Zwei Männer, 39 und 40 Jahre alt, stehen an einem Samstagabend an der Kreuzung Friedrich-/Oststraße in Ludwigsburg nahe ihres Mercedes, als sich laut Polizeibericht von hinten Unbekannte nähern. Zeugen hören gegen 21.45 Uhr mehrere Schüsse. Projektile beschädigen das Auto, verletzt wird niemand.
4. Mai: In der Dammstraße in Bietigheim-Bissingen steht ein BMW in Flammen – rasch ist klar, dass er absichtlich angezündet wurde.
12. Mai: In der Silcherstraße in Tamm wird ein Mann lebensgefährlich attackiert. Gegen 19.20 Uhr fährt ein Kleinwagen vor, zwei Maskierte steigen aus und schießen mehrfach auf den 23-Jährigen. Zeugen berichten, das Opfer sei geflohen und vom Täterwagen verfolgt worden, bis es in einer Einfahrt zusammenbrach. Anwohner leisteten Erste Hilfe. Der Mann überlebt, verliert jedoch ein Bein.
Später wird bekannt, dass die Täter schon am Abend zuvor ihrem Opfer auflauerten. Der mutmaßliche Mordanschlag schlug jedoch wegen einer Ladehemmung fehl.
13. Mai: Nach Recherchen dieser Zeitung hängen die drei Taten zusammen. Zwei unabhängige Quellen bestätigen Angriffe einer Gruppe auf die andere. Opfer und Verdächtige gehören jeweils einem Security-Unternehmen an und sind polizeibekannt.
Sommer: Es entsteht die Sonderkommission „Frost“, benannt nach der Kreuzung Friedrich-/Oststraße, wo die ersten Schüsse fielen. Die Ermittlungen laufen weitgehend im Hintergrund.
Parallel gibt es Hinweise, dass sich die Opfergruppe der Gefahr bewusst war und während der Wochen Ende April und Anfang Mai Kontakt zur Polizei hatte. Beispielsweise hatte das Opfer aus Tamm schon einige Tage vor dem mörderischen Angriff am 12. Mai maskierte Personen vor seiner Haustüre in Stuttgart gesehen und die Polizei verständigt. Daraufhin verließ das Opfer seine Wohnung und schlüpfte in Tamm unter – wie er dort gefunden wurde, ist unklar.
1. Oktober: Im Herbst geht es dann Schlag auf Schlag – die Soko „Frost“ schlägt zu. Am 1. Oktober nehmen Sicherheitsbehörden aus den Niederlanden, Europol, dem BKA und dem LKA Baden-Württemberg zwei Männer fest – 26 und 27 Jahre alt, beide niederländische Staatsbürger. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hatte Haftbefehle wegen versuchten Mordes beantragt. Vieles deutet darauf hin, dass die beiden beauftragt wurden, den 23-Jährigen in Tamm zu töten.
Mitte Oktober: Durch Nachfragen dieser Zeitung wird ein weiteres Detail bekannt: Kurz nach seiner Entlassung aus der Klinik wurde das Opfer aus Tamm selbst in Untersuchungshaft genommen – offenbar wegen anderer Vorwürfe, die nichts mit den Schüssen zu tun haben.
4. November: Anfang November folgen die ersten Festnahmen im Fall der Schüsse in der Oststadt. Sechs Tatverdächtigen aus den Kreisen Ludwigsburg und Esslingen wird zur Last gelegt, am 26. April versucht zu haben, die beiden Männer zu töten. Am selben Tag durchsucht die Soko Objekte zur Brandstiftung in Bietigheim-Bissingen. Zwei Verdächtige sollen daran beteiligt gewesen sein.
12. November: Eine Woche danach greift die Soko „Frost“ erneut zu – diesmal wieder im Zusammenhang mit den Schüssen in Tamm. Wohnungen von vier Beschuldigten werden durchsucht. Sie sollen die mutmaßlichen niederländischen Täter beauftragt und unterstützt haben. Es geht um Anstiftung oder Beihilfe zum versuchten Mord.
14. November: Der wie ein Bandenkrieg wirkende Konflikt zweier Security-Firmen wird zum Korruptionsskandal. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn teilt mit, dass sie gegen sieben Mitarbeiter der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt, die unbefugt Daten weitergegeben haben sollen. Gegen einen Wachtmeister sowie zwei mutmaßliche Auftraggeber werden Haftbefehle erlassen, sie sitzen in Untersuchungshaft.
Welche Aufgaben die weiteren Verdächtigen in der Staatsanwaltschaft hatten, ist unklar – angeblich ist kein Staatsanwalt oder Richter darunter, es handelt sich laut Aussage der Staatsanwaltschaft Heilbronn um Wachtmeister oder Verwaltungsmitarbeiter.
13. Januar 2026: Auf das Security-Büro in der Ludwigsburger Oststadt fallen Schüsse. Die Täter entkommen unerkannt. Bereits in der Nacht zuvor war auf das Gebäude ein Brandanschlag verübt worden. Verletzt wird in beiden Fällen niemand. Nach Informationen dieser Zeitung handelt es sich um dieselbe Firma, in der die beiden Männer arbeiten, auf die im April vergangenen Jahres geschossen wurde. Auch der Mann, der am 12. Mai in Tamm angeschossen und dabei schwer verletzt wurde, ist beim Unternehmen beschäftigt.
29. Januar: Eine Person aus dem Umfeld des Security-Unternehmens meldet der Polizei nachts Schussgeräusche vor ihrem Wohnhaus in der Ludwigsburger Oststadt. Kurz darauf geht ein zweiter Notruf ein, in dem ein Zeuge ebenfalls Schüsse in der Oststadt meldet. Vor Ort findet die Polizei keine Hinweise auf eine Straftat. Ob es tatsächlich zu einem Angriff kam, bleibt unklar.
31. Januar: Die Familie des Mannes, der im Mai in Tamm schwer verletzt worden war, ruft am Abend die Polizei. Drei verdächtige Personen sollen sich vor der Wohnung in einer Gemeinde im Kreis Ludwigsburg aufgehalten haben. Die Polizei rückt aus, trifft vor Ort aber niemanden an. Ob ein weiterer Angriff geplant war oder es sich um unbeteiligte Personen handelte, bleibt deshalb offen.
3. Februar: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn lässt den Beamten eines Finanzamts im Großraum Stuttgart festnehmen – wieder wegen eines Korruptionsverdachtes. Er soll für Auftraggeber Kfz-Kennzeichen überprüft und Informationen zu den jeweiligen Haltern weitergegeben haben.
Mitte Februar: Laut Informationen dieser Zeitung gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen der Opfergruppe und der Polizei. Die Mitarbeiter der Security-Firma fühlen sich nicht ausreichend geschützt und üben Kritik an der Polizeiarbeit. Die Polizei verweist hingegen auf eine aus ihrer Sicht mangelnde Kooperationsbereitschaft.
Die Gruppe wendet sich sogar mit einer Gesprächsanfrage an Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Trotz des „ehrlichen Verständnisses für die Angst und die Betroffenheit“ habe er die Gesprächsanfrage abgelehnt, so Knecht. „Ich habe schriftlich auf die Arbeit der Polizei und der Staatsanwaltschaft verwiesen und einen Termin bewusst abgelehnt, um laufende Ermittlungen und Schutzmaßnahmen nicht zu stören.“
Mitte März: Gegen zwei Angestellte der Staatsanwaltschaft Stuttgart – einen Wachtmeister und eine „Bedienstete im Unterstützungsbereich“ – wird Anklage wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen und Bestechlichkeit erhoben. Sie sollen gegen Schmuck und Bargeld Informationen aus dem internen Landesportal „Websta“ weitergegeben haben. Der beschuldigte Wachtmeister soll den Auftraggebern unter anderem mitgeteilt haben, dass zum Angriff in Tamm ein Verfahren wegen versuchten Mordes eingeleitet wurde.
Auch die mutmaßlichen Auftraggeber müssen sich vor Gericht verantworten: Ihnen wird insbesondere Anstiftung zur Verletzung von Dienstgeheimnissen sowie Bestechung vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft Heilbronn könnten sie gleichzeitig die Männer sein, die den versuchten Mord in Tamm angestiftet haben.
27. März: Vor dem Amtsgericht Stuttgart findet ein scheinbar unbedeutender Prozess wegen Körperverletzung statt. Der Angeklagte ist jedoch nicht irgendwer – es ist der mutmaßliche Drahtzieher der Korruptionsaffäre und der mutmaßliche Auftraggeber des versuchten Mordes in Tamm.
Am Amtsgericht muss er sich Ende März aber erst einmal verantworten, weil er einem Mann im April 2025 in Stuttgart mehrfach gegen Kopf und Oberkörper geschlagen haben soll. Nur zwei Tage vor dem ersten Schussangriff in der Oststadt.
Das Opfer des Angriffs stammt wohl aus dem Umfeld des Ludwigsburger Security-Unternehmens. Weil der Geschädigte vor Gericht schweigt, wird das Verfahren eingestellt.
13. April: Kommende Woche beginnt einer der zentralen Prozesse im Komplex „Frost“. Die zwei mutmaßlichen Auftragsmörder aus den Niederlanden stehen vor dem Landgericht Heilbronn, wo sie sich wegen des Angriffs in Tamm wegen versuchten Mordes verantworten müssen. Es dürfte sich dabei nur um einen von mehreren Prozessen handeln, die notwendig sind, um diese blutige Fehde aufzuklären.