Auf Höhe der Liststraße 29 kann seit Kurzem nicht mehr geparkt, sondern Zeit verbracht werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In der Stuttgarter Innenstadt sinkt die Zahl der angemeldeten Autos. Ein Verein will nun für Menschen, die ihr Auto abschaffen, den indirekt frei werdenden Parkplatz mit einer begrünten Sitzgelegenheit ersetzen. Wie kommt das an?

Wenn man nach 18 Uhr verzweifelt nach einem Parkplatz in der Stuttgarter Innenstadt sucht, kann man es sich wohl kaum vorstellen. Aber das Statistische Amt der Stadt zeigt es Jahr für Jahr: Seit einiger Zeit sinkt die Anzahl der angemeldeten Autos in Stuttgart, 2023 lag sie bei 294 789 Pkw – was im Vergleich zu 2022 eine Reduzierung um rund 2000 Autos bedeutet. Insbesondere Menschen unter 60 Jahren, die in den inneren Bezirken wohnen, besitzen immer weniger Autos.

 

Impuls für Menschen, die ihr Auto hinterfragen

Der Stuttgarter Verein Tilia will genau das nutzen. Menschen, die ihr Auto abschaffen, soll die Aufstellung eines begrünten Parklets – also einer Sitzgelegenheit, die auf ehemaligen Parkplatzflächen steht – als Nachbarschaftstreffpunkt vor der Haustür ermöglicht werden. Denn dort werde ja ein Parkplatz weniger gebraucht, begründet der Verein seine Idee. Das Ganze nennt sich car2tree, also vom Auto zum Baum. „Wir wollen den Menschen, die hin- und herschwanken zwischen der Frage, ob sie ihr Auto behalten oder abschaffen, einen weiteren Impuls geben“, sagt Hanka Griebenow von dem Verein, der auch schon die Wanderbaumallee initiiert hat.

Hanka Griebenow initiierte das Projekt car2tree zusammen mit Stephan Stabrey. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das große Ziel von Tilia e.V. ist es, die Diskussion über den öffentlichen Raum anzuregen. Die Wanderbaumallee sei mit ihren bis zu 16 Modulen an einem Standort immer eine „relativ große temporäre Intervention“ gewesen. Car2tree  solle eine „1:1-Lösung“ sein – also genau, dort wo jemand ein Auto abmelde, dauerhaft einen Ort mit mehr Grün zu schaffen. Dazu muss man sagen: Es handelt sich nicht um private Parkplätze von Anwohnern, die ihr Auto abschaffen, sondern um ganz normale Parkplätze an der Straße. Die Fläche fällt also für alle Autofahrer weg.

Vor einem guten Jahr hatte der Bürgerrat Klima, welcher aus 61 zufällig ausgewählten, aber repräsentativen Stuttgarterinnen und Stuttgartern bestand, 24 Empfehlungen erarbeitet, was es braucht, damit Stuttgart bis 2035 emissionsfrei wird. Die wohl am meisten diskutierte Forderung des Gremiums war der Abbau von fünf Prozent Parkplätzen pro Jahr – und stattdessen ein Schaffen von Radwegen, Begrünung oder Begegnungsorten. Auch darauf beruft sich der Verein Tilia.

Große Ziele für 2025 und 2026

James Reaves und seine Frau gehören zu den Menschen, die für die sinkende Zahl an privaten Pkw in Stuttgart mitverantwortlich sind. Sie haben vor fünf Jahren ihr Auto abgeschafft. Und nun steht vor ihrem Haus an der Liststraße in Stuttgart-Süd seit Kurzem ein Parklet: also eine Holzkonstruktion mit mehreren Sitzplätzen, kleinen Tischen und Pflanzen. Es ist der Prototyp von car2tree. „Ich finde das schön, das wertet unsere Straße auf“, sagt James Reaves.

Entworfen und gebaut wurde das erste Objekt von Studierenden der Hochschule für Technik. Geplant ist, dass der Verein im Rahmen des vom Klima-Innovationsfonds der Stadt Stuttgart für drei Jahre geförderten Projektes im Jahr 2025 zehn und im Jahr 2026 weitere 20  ähnliche Installationen aufstellt.

„Bisher dient der Straßenrand als Abstellfläche privater Pkw“, sagt Hanka Griebenow. „Wir wollen ermöglichen, dass die Leute, die in dicht bebauten Quartieren wohnen, einfach rausgehen und sich mit anderen Menschen unterhalten können.“ Deshalb, und weil dort der Trend zur Abschaffung von Autos besonders ausgeprägt ist, will der Verein vorerst auch nur in den Innenstadtbezirken aktiv werden. Denn in den äußeren Bezirken hätten die Menschen oftmals mehr Flächen im Grünen vor ihrer Haustür, wo sie ohne Konsumzwang einander begegnen könnten, sagt Griebenow. 

Zwei, drei Nachbarn hätten „patzig geschaut“

Doch gibt es keine Anwohner und Autobesitzer, die dem Ganzen kritisch gegenüberstehen? Schließlich hat sich erst bei der Einweihung des Superblocks im Stuttgarter Westen gezeigt, wie empfindlich manche Menschen reagieren, wenn Parkplätze wegfallen für Sitzgelegenheiten, Pflanzen oder Fahrradständer.

„Zwei oder drei Nachbarn haben patzig geschaut“, sagt Britta Mohrmann. Vor ihrem Laden Cosima Chiton steht das Parklet, sie kümmert sich federführend darum. Die allermeisten aber seien interessiert: „Sie fragen nach, ob sie sich hinsetzen dürfen, lesen die Infos durch und fotografieren sie ab.“ Zudem sei ihr aufgefallen, dass sich Alt und Jung dort treffe. Anfangs habe es im Haus Bedenken gegeben, ob es nach 22 Uhr noch laut sein werde. „Aber bisher habe ich nichts Unangenehmes mitbekommen“, sagt sie.

Dankbar für Hinweise von abgeschafften Autos

Kontakt
Weil der Verein Tilia bisher keine Zahlen von der Zulassungsstelle bekommt, wenn jemand sein Auto abmeldet, sind sie auf direkte Hinweise angewiesen, wo ein möglicher Platz für ein car2tree-Modul sein könnte. Dies ist möglich per Mail an car2tree.stuttgart@gmail.com oder persönlich beim Tag der offenen Tür im Lehenviertel am 14. September von 10 bis 16 Uhr auf Höhe der Liststraße 29. (jub)