Weg von Lack und Leder: Grietje Semar berät Swingerclubs und entwirft BDSM-Zimmer. Die Expertin über Trends, fatale Planungsfehler und Projekte, die sie konsequent ablehnt.
Grietje Semar ist eins sicher nicht: auf den Mund gefallen. Zum Glück, denn ihr Kommunikationstalent ist eine ihrer wichtigsten Kompetenzen. Die Mittdreißigerin aus dem Raum Stuttgart ist selbstständige Unternehmensberaterin für die Erotikbranche, die erste ihrer Art. „Den Leuten nimmt es immer die Scheu, wenn sie mit mir, die keine Hemmungen hat, offen über alle Themen sprechen können“, sagt die Expertin aus dem Raum Stuttgart.
Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Marketing Agentur oder Unternehmensberatung kenne sie sich mit den Bedürfnissen und speziellen Anforderungen der Szene aus, immerhin komme sie selbst aus der BDSM-, Fetisch- und Swingerszene. „Ich bin wegen hoher Überschneidungen mit meinem Privatleben auf den Beruf gekommen“, erklärt Semar offen.
Vom BWL-Hörsaal in die Szene: Ein ungewöhnlicher Karriereweg
„Schon während meines Innenarchitektur-Studiums kamen immer wieder Leute auf mich zu, denen ich bei der Planung und Umsetzung ihrer privaten Spielzimmer helfen sollte.“ Mittlerweile betreut sie mit ihrem Unternehmen Grietje Concept & Design fast alle Unternehmensarten der Branche wie Erotikshops, Fetisch-Hersteller und -Händler, Fetisch Clubs, Pornokinos, Sexualberater, Escort Agenturen, Swingerplattformen und -apps und mehr. Auch für Privatleute bietet sie ihre Dienste als Interior Designerin für sogenannte Spielzimmer (Fetisch- und BDSM-Zimmer) an, von Entwürfen über die Beratung bis hin zur Betreuung bei der Umsetzung, je nachdem, was gewünscht ist.
Angefangen hat ihr Berufsweg mit einem BWL-Studium. Nachdem sie aber angefangen hatte, in der Unternehmensberatung tätig zu sein, merkte sie nach einiger Zeit, „dass es das nicht war“, wie sie sagt. Sie schloss ein Bachelor- und Master-Studium in Innenarchitektur an. Doch die typische Interior Designerin wollte Semar dann auch nicht sein. „Und deswegen mache ich jetzt quasi beides“, lacht die Mittdreißigerin. Auch bei der klassischen Unternehmensberatung werden die Themen Design und Raumgestaltung mit abgedeckt – wenn es nötig ist. „Und das ist es bei den meisten aus der Erotikbranche“, lacht die Expertin.
Schluss mit „Dungeon-Chic“: Warum die Branche Trends verschläft
Viele Trends habe die Branche verschlafen. Lack und Leder, alles in Schwarz, ist längst keine zeitgemäße Optik mehr. „Ich versuche meine Kunden bei der Beratung darauf vorzubereiten, sich etwas moderner geben zu müssen“, sagt Semar. Dabei beobachtet sie in der Branche, dass auch vieles, was aktuell in der Gesellschaft diskutiert wird und Priorität hat, erst zu spät ankommt. Sei es, dass auf Erotikmessen nicht die ganze Vielfalt an sexuellen Orientierungen mitgedacht wird, sei es, dass bei Händlern das Thema Nachhaltigkeit beim Sexspielzeug unter den Tisch fällt. „Das sehe ich auch ein wenig als meine Aufgabe: An der Stelle ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt die Unternehmensberaterin, „was gesellschaftliche, politische und regulatorische Trends angeht.“
Von Gründern würde sie am häufigsten angeheuert, selten von etablierten Unternehmen, die ihr Konzept mal ins Jahr 2026 bringen wollen. „Das wäre zwar super schön, ist aber super selten“, sagt sie lachend. Dann erstellt sie mit ihren Kunden Businesspläne, macht SEO-Analysen, schreibt Texte für die Webseite mit, vermittelt das Fachpersonal, wie etwa Webentwickler, und entwickelt Marketing-Strategien. Denn auch das Thema Werbung ist für Unternehmen aus dem Erotikbereich ein sehr schwieriges. „Die ist sehr reguliert oder auf den meisten Plattformen nicht erlaubt.“ Marketingtechnisch müsse man sich daher gut überlegen, wie man überhaupt potenzielle Kunden auf sich aufmerksam machen kann und gerade im SEO-Bereich viel machen, weiß Semar.
Platzmangel beim Ausholen: Die häufigsten Fehler im Spielzimmer
Neben Gründern und etablierten Unternehmen gibt es noch eine dritte Kundengruppe, der sie sich widmet: Privatleuten, die sich von der Interior Designerin ein privates BDSM-Spielzimmer einrichten lassen wollen. Erst kürzlich hat sie einen Privatkunden im Ausland besucht, sein künftiges BDSM-Spielzimmer ausgemessen, geplant und Renderings dafür erstellt. Diese Kundengruppe finde sie am häufigsten über ihren Instagram- oder Youtube-Auftritt, wo Semar verschiedene DIY-Tipps zur Einrichtung gibt.
Von der Inspirationsgebung bis zur Betreuung der Umsetzung macht die Mittdreißigerin alles. Der Fehler, den Laien beim Einrichten ihres Spielzimmers auf eigene Faust am häufigsten begingen, sei, alles zu eng zu planen, sagt sie. „Die meisten benutzen mehrere Schlaginstrumente und unterschätzen, wieviel Platz man zum Ausholen braucht. Oder auch, wieviel Platz zum Fesseln nötig ist, sodass man sich nicht anstößt“, berichtet die Interior Designerin. Auch das Streichen der Decke in schwarz, was den Raum schnell niedrig und höhlenartig wirken lässt, sei etwas, wovor sie oft genug (vergeblich) warnen müsse.
Platz und Budget: Was ein BDSM-Raum wirklich kostet und braucht
Mindestens zehn Quadratmeter sollten einem im Spielzimmer zur Verfügung stehen. Allein für Bondage müsste man aber schon mit rund sechs Quadratmetern rechnen. Preislich geht’s bei 2000 Euro los, wenn man mit Tapete, ein bisschen Deko und Accessoires arbeiten will. „Man kann aber auch 20.000 Euro ausgeben, nach oben hin gibt es quasi kein Limit.“
Eines ihrer schönsten Projekte sei ein Paar gewesen, dass sich einen alten Zirkuswagen als Spielzimmer einrichten wollte. „Das war gleichzeitig cool und eine Herausforderung: Denn 1,80 bis 2,20 Meter Raumhöhe sind für gewisse Aktivitäten ziemlich schwierig.“ Zu ihrer Genugtuung bestanden die Auftraggeber auch nicht aufs rot-schwarze Old-School-Design, sondern haben sich an helles Holz und Lavendel als Farbe herangewagt. „Damit war ich richtig happy“, schwärmt sie.
Doch es gibt auch die unschönen Projektanfragen: „Das schlimmste Projekt, das ich letztendlich abgesagt habe, war die Anfrage von einem Mann, der gerade ein Haus gekauft hatte und einen Raum hinter einem Raum eingerichtet haben wollte, bei dem schon der Zugang so versteckt werden sollte, dass absolut niemand, nicht mal die Putzfrau, ihn finden würde.“ Die Einrichtung sollte dann Dungeon-artig mit Ketten und Fliesen sein. „Als er dann noch sagte, selbst die Frauen, die er hineinführe, sollen den Raum nicht sofort sehen, habe ich den Schlussstrich gezogen. Ich werde keinen Raum ausstatten, der potenziell für Nötigung genutzt werden könnte.“
Wo der Spaß aufhört: Sicherheit und ethische Grenzen
Dass es in der Branche auch einige schwarze Schafe gibt, will die Unternehmensberaterin nicht verschleiern. „Es bleibt nicht aus, dass ich Nachrichten von Männern bekomme, ob ich mit ihnen in den Swingerclub gehe“, sagt sie. Mit ein Grund, warum sie bei der Angabe persönlicher Daten, wie ihrem genauen Wohnort sehr vorsichtig ist. Als Unternehmenssitz liest man noch ihren alten Standort Mainz.
Was der Sache auch nicht hilft, ist, dass der Blick auf vieles in der Branche immer noch männlich geprägt und auf eine männliche Zielgruppe ausgerichtet ist. „Frauen werden von Sexshops zum Beispiel oft genug nicht als potenzielle Zielgruppe und Kundschaft betrachtet“, sagt Semar. Auch beim Thema Sicherheit und Schutz vor Belästigung und Übergriffen, ob auf Apps, Plattformen oder im Swingerclub, sei eine weibliche und/oder diverse Perspektive heutzutage unerlässlich, beteuert die Expertin. Doch gerade da haben viele ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Für Grietje Semar gibt es also mehr als genug zu tun.