Wer ist die anonyme Person hinter der neuen Ausstellung im Kunsthaus Bregenz? Diese lädt ein, es sich im Museum bequem zu machen. Aufs Klo sollte man hier aber nicht gehen.
Ist das jetzt eine Schnapsidee oder ein genialer Coup? In jedem Fall ist die Angelegenheit kompliziert, denn wie soll man über jemanden schreiben und reden, ihn loben oder kritisieren, wenn man nicht mal seinen Namen kennt? Der oder die Künstlerin selbst bezeichnet sich als „die Person“ und verrät weder Alter noch Herkunft. In den Ankündigungen und Broschüren wurden die Stellen, an denen gewöhnlich der Künstlername steht, wie auf Geheimdokumenten mit schwarzen Balken versehen, sodass sich nur eines mit Gewissheit sagen lässt: Eine Person stellt derzeit im Kunsthaus Bregenz aus.
Die Persönlichkeit ist das A und O
Dabei ist die Künstlerpersönlichkeit doch eigentlich das A und O in der Kunst. Eine erfolgreiche Künstlermarke ist oft mit einem Mythos verquickt: Beuys war der, der als Flieger im Krieg abgeschossen und – angeblich – von Krimtartaren aufgepäppelt wurde; Picasso war der Frauenheld und Marina Abramović ist die, die sich Schmerzen zufügt. Bei Banksy rätselt die Öffentlichkeit bis heute, wer da dahintersteht, aber seine Bilder, die er in Guerilla-Taktik im Stadtraum hinterlässt, lassen sich ihm als Schöpfer klar zuweisen.
Die Person, die nun den schicken Kubus in Bregenz bespielt, will genau diesen Kunstmythos entmystifizieren und der Öffentlichkeit das nehmen, woran sie sich doch so gern klammert: den berühmten Namen. Im – freilich anonymisierten – Interview erzählt die Person, was den Reiz dieses Projekts für sie ausgemacht hat: Sie konnte und musste bei Null beginnen, ohne wie üblich auf dem aufzubauen, was bereits existiert – sei es eine Arbeitsweise, ein Stil oder eine Legende. Stattdessen machte sich die Person zum Ziel: Wenn das Publikum schon nicht mit einem ideellen Wert belohnt wird, so soll das Werk zumindest nützlich und zweckmäßig sein.
Eine Art Tiny House zum Kauf
Und deshalb kann man jetzt im Kunsthaus Bregenz eine Dusche mitten im Ausstellungsraum nehmen oder auf einem Futon ein Nickerchen machen. Denn im Obergeschoss steht eine Art Tiny House, ein großer Raum aus spiegelglattem Aluminium, der mit allem aufwartet, was man zum Überleben braucht: Toilette, eine kleine Küche, Tisch, Bett, Steckdosen. Wer mag, kann sich auch mal eben die Hände waschen in dem metallenen Becken. Wohnlich wirkt dieses sterile Metallheim allerdings nicht, es erinnert eher an die Toilettenanlagen auf Autobahnparkplätzen.
Trotzdem hofft die Person, dass eines Tages jemand ihr kleines Häuschen bezieht. Um sich auch dem Kunstmarkt zu entziehen, soll es nach der Ausstellung verschenkt werden, möglichst an jemanden, der es Künstlerinnen und Künstlern als Atelier zur Verfügung stellt – also als Künstlerresidenz. Im Zwischengeschoss werden Dämmplatten aus Steinwolle ausgestellt, mit denen man das Alu-Haus für den Winter rüsten könnte.
Hauptsache, der Strom fällt nicht aus
Die Person spricht von „parasitärer Architektur“, denn ob bei einem Mäzen auf dem Grundstück oder jetzt im Kunsthaus: Wasser und Strom werden abgezapft. Im Zwischengeschoss wurde sogar ein Teil der Decke geöffnet, damit man sehen kann, wie das Abflussrohr von oben ins System des Kunsthauses geleitet wird. Strom sollte man den armen Künstlerinnen und Künstlern künftig aber verlässlich zur Verfügung stellen, denn das Haus besitzt keine Tür, sondern die Wände lassen sich nur komplett per Hydraulik wie ein Garagentor öffnen. Wehe, man sitzt drin und der Strom fällt aus – denn die kleinen Fenster lassen sich auch nicht öffnen.
Das ist nur eine Hürde bei diesem Projekt, das nicht so richtig zu Ende gedacht wurde. Denn so bedeutsam „parasitäre Architektur“ klingen mag, im Kunsthaus stößt sie an viele Grenzen. Die Idee, dass sich die Besucherinnen und Besucher einen Kaffee kochen können, scheiterte an Sicherheitsvorschriften. Auch die Wände oder der im Boden versenkbare Tisch dürfen nur vom Museumstechniker bedient werden, der dreimal am Tag zu festen Zeiten auf den Knopf drückt. Duschen ist zwar möglich, aber nur zu bestimmten Zeiten. Aber der Andrang hält sich bisher auch in Grenzen, zumal es ohnehin nur kaltes Wasser gibt. Und nachdem jemand die Toilette benutzt hatte, stank es tagelang im Ausstellungsraum, weil die Abflussrohre falsch konzipiert sind.
Ist „die Person“ auf dem Foto zu sehen?
Manchmal scheitern eben die besten Ideen an ihrer Machbarkeit – wobei diese Idee vielleicht auch nicht die beste war und konzeptionell eher schwach daherkommt. Im Erdgeschoss steht noch ein Kopierer aus den Büros des Kunsthauses, an dem man sich die ausführliche Anleitung für Auf- und Abbau kopieren könnte. Ihr ist auch schon ein englischsprachiger Vertrag vorbereitet – „The prototype will be gifted to…“. Es fehlt nur noch die Unterschrift. Apropos Unterschrift: Das Team des Museums musste unterschreiben, dass es Stillschweigen über die Identität des Künstlers wahrt.
In der Kopiervorlage sind auch einige Fotos vom Aufbau in Bregenz zu sehen – und natürlich wüsste man allzu gern, ob unter den Personen, die da auf den unscharfen Fotos in den Räumen wuseln, auch „die Person“ zu sehen ist. Denn wo ein Geheimnis so gezielt aufgebaut wird, will man es freilich entschlüsseln. Aber selbst wenn eines Tages die Identität gelüftet werden sollte, bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet: Hätte man das Konzept dieser sterilen Aluminiumarchitektur womöglich begeisterter aufgenommen, wenn ein weltberühmter Name dahinterstünde?
Kunsthaus Bregenz: Ausstellung bis 18. Januar, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
Das Spiel mit dem Ego
Kollektiv
Die Autorschaft ist ein Thema, das immer wieder in der Kunst aufploppt – in jüngerer Zeit aber eher im Zusammenhang mit Kollektiven, bei denen die einzelnen Akteure hinter einem Gruppennamen quasi unsichtbar werden. Auch in früheren Jahrhunderten wurde in den Werkstätten kollektiv gearbeitet, am Ende setzt der Werkstattmeister aber nur seinen Namen unter das Bild oder Deckengemälde.
Info
Ausstellung bis 18.Januar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 – 20 Uhr