Eine laue Frühlingsnacht bringt in Böblingen Tausende auf die Straßen. Aus offenen Fenstern – oder dem Shuttlebus – klingen Schlager, Soul, Rock oder Italodisco.
20 Grad um 20 Uhr: Wer in dieser Nacht nicht in Böblingen unterwegs ist, ist selbst schuld. Die Polarnacht am Samstag, die nichts mit Eiseskälte, sondern einem gleichnamigen Bier des Hausponsors Schönbuch Braumanufaktur zu tun hat, hat Tausende begeistert.
„Wir wissen nicht, wo wir sind und wohin wir wollen!“, schreit eine Mittfünfzigerin im Shuttle-Bus, worauf sie lautstark vom griechischen Wein singt und sich wechselweise am Haltegriff oder ihrem ebenso laut singenden Gatten festhält. Das Shuttle verbindet die rund 20 Kneipen, es ist aber auch selbst eine Lokalität. Ralf Brendle und seine zwei eingequetschten Musiker an Schlagzeug und Gitarre haben im ganzen Bus Liederbücher verteilt und spielen „wünsch Dir was“.
Das ist derart mitreißend und ansteckend, dass ganze Gruppen wohl nur mit diesen drei Unverdrossenen herumreisen und großen Spaß haben bei „Atemlos“ oder – einem großartigen Song – „Mein Killerbulldog Isidor“. Wer das nicht kennt, dem hilft auch die Mundorgel nicht mehr. „Der Bus hat keine Bremse“, schreien und singen alle zusammen – bis halt der Bus doch mal hält. Schließlich gibt es noch viele andere Orte, wo man in dieser Nacht sein muss.
Die Polarnacht lockt den halben Landkreis nach Böblingen
Da sind das Seegärtle mit einem mitreißenden Rock’n’Roll und Boogie-Mix der Band Lucky. Der halbe Böblinger Rock’n’Roll Club ist am Schwofen, bestätigen Anke und Rüdiger und legen einen aufs Parkett. Oder im Platzhirsch oben in der Stadt, wo White Water mit tollen Sängern am Start sind. Der Raum ist proppenvoll, es wird wie aus einer Kehle „In the Air tonight“ von Phil Collins gesungen – nicht zu vergessen das ikonische Schlagzeugintro, das lautmalerisch intoniert wird.
Zwischendrin hört man alle paar Meter, wie sich Bekannte begrüßen. „Hey, ihr auch hier?“, rufen sich Freude auf der Alba-Brücke zu. Es scheint, als ob halb Holzgerlingen auf der Gasse ist. Kurz bevor Sandra, Yvonne und ihre Männer Klemens und Georg dort landen, waren sie noch bei Rosetta Manoccio im La Toscana und haben zur Italodisco die Hüften bewegt. Wobei: „Wir Mädels wollten italienische Musik. Die Jungs eher Rock“, sagt Sandra. Man trifft auf eine zweite Gruppe aus der Heimatgemeinde, große Umarmungen und Freude darüber, sich ungeplant zu treffen. Dann hält schon wieder der Shuttle-Bus. „Das ist doch der Schwager vom – wie heißt der nochmal?“, ruft einer, winkt und hüpft rein. Die anderen vier schauen sich das Feuerwerk an, das auf dem Dach der Kongresshalle gezündet wird. Dazu wird gelacht, erzählt und geknutscht. Dolce Vita am Oberen See. Schöner geht es kaum.
Mitreißende Musiker und begeisterte Fans feiern sich selbst
Dann aber Rock. Den gibt es in der Kongresshalle, wo oben Diet Dope mit Pop, etwas Indie und Rock zum Tanzen einladen. Noch viel mehr unten im Gebäude. El Creepo heben fast die eher niedrige Decke des Raumes mit dem biederbraven Namen Schwarzwaldsaal – eine Fanbase ist dabei, die frenetisch jubelt, wenn die Band Johnny Cashs „Ring of fire“ abliefern.
Dazu kommen noch ein gutes Dutzend weitere Locations mit bekannten Musikern, tolle Ein-Personen-Bands wie Max Mes oder auch einem ganz anderen Genre wie zum Beispiel of Chors. Der Chor unter der Leitung Gregor Kissling singt Pop, Rock und Balladen in der St. Bonifazius-Kirche. Drei Sets vollgepackt mit tiefen Klängen, starken Melodien, in lila Licht getaucht. Ein Kontrapunkt zum lauten Getöse wenige Hundert Meter weiter im Stadtzentrum. „Trotzdem war gerade der Auftakt super voll“, erzählt der Chorleiter und freut sich über viel Applaus.
Man kann in dieser Nacht nicht alle Bands erleben, aber wer sich treiben lässt, erlebt mit das Schönste: Musik und eine offene und ausgelassene Stimmung, friedlich, laut Polizei ohne jedes Vorkommnis. Böblingen war ein bisschen wie in Frank Sinatras Hommage an den Big Apple – eine Stadt, die zumindest an diesem Samstag nicht geschlafen hat.