Cristina Kaiser Juan kann Brustkrebs schon im Frühstadium ertasten. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Cristina Kaiser Juan ist blind und kann Brustkrebs deshalb besser ertasten als andere – selbst als Ärzte. Seit Mai arbeitet sie in einer Praxis in Stuttgart-Ost. Wo gibt es das Angebot noch in der Region?

Brüste abtasten ist Cristina Kaiser Juans Job. Sie kann damit Leben retten. Die 57-Jährige ist Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU). Sie hat gelernt, beim Tasten schon kleinste Veränderungen zu erkennen. Das kann sie sogar besser als Roland Grau und Meike Werner, die als Gynäkologen in derselben Praxis im Stuttgarter Osten arbeiten.

 

Sie kann es besser, weil sie blind ist. Schon seit ihrer Geburt. Menschen mit starker Sehbehinderung können durch die Ausbildung zur MTU etwa 30 Prozent mehr Veränderungen im Gewebe erkennen als Ärzte. Auch deutlich kleinere Knoten finden sie laut Studien bis zu 50 Prozent häufiger. So erkennen sie Brustkrebs bestenfalls schon früh.

Jede Frau in Stuttgart darf einen Termin buchen

Deswegen hat die Praxis Dr. Grau Cristina Kaiser Juan im Mai mit ins Boot geholt. Immer mittwochs ist sie für Frauen in ganz Stuttgart da. Ob sie Patientinnen in der Praxis sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Jede Frau darf sich auf der Webseite der Praxis einen Termin bei Cristina Kaiser Juan buchen. „Es besteht auch kein Zwang, dann zu uns zu wechseln“, sagt Meike Werner.

Wie läuft die Untersuchung ab? Nach einem kurzen Gespräch über die bisherige Gesundheit der Frau beginnt die Untersuchung im Sitzen. Cristina Kaiser Juan erfühlt die Größe und Form der Brust, um sich zu orientieren. Auch die Temperatur ist wichtig. „Eine Stelle kann wärmer werden, wenn sie erkrankt“, erklärt sie.

Mit diesem Band orientiert sich Cristina Kaiser Juan. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Dann reißt sie Stücke von einem speziellen Klebeband ab. Jeder zweite Zentimeter ist mit Blindenschrift markiert, die sie erfühlen kann. Auch alle zehn Zentimeter sind Punkte. So kann sie sich orientieren. Die Streifen klebt sie zwischen, auf und neben die Brüste. Nun untersucht sie die Frau im Liegen. Sie drückt mit Kreisbewegungen ins Brustgewebe. Erst ganz leicht, dann etwas tiefer, um alle Gewebeschichten zu erfühlen. Zentimeter für Zentimeter tastet sie sich am Klebestreifen entlang.

Wenn sie etwas Auffälliges findet, gibt sie sofort Roland Grau oder Meike Werner Bescheid. Die schauen dann mit dem Ultraschallgerät nach. „Wir können uns so perfekt ergänzen – sie durch den speziellen Tastsinn und wir sehenden Auges mit dem Ultraschallgerät“, sagt Meike Werner. Seit Cristina Kaiser Juan im Mai in die Praxis kam, sei das aber noch nicht vorgekommen. „Toi toi toi“, fügt sie hinzu.

Cristina Kaiser Juan hat das schon erlebt. Sie arbeitet schon seit einigen Jahren in dem Beruf, war zuvor in einer Praxis im Stuttgarter Westen und an der Filderklinik tätig. Wenn sie etwas tastet, versucht sie, die Frau nicht zu beunruhigen. „Meistens schauen die Ärzte es sich an und es ist nichts Schlimmes“, sagt sie. Eine Zyste, zum Beispiel. Das Gute: Es wird gleich abgeklärt. „Bei der Mammografie muss man oft einige Tage warten“, sagt sie.

Bald soll sie Frauen in der Praxis dazu anleiten, wie sie sich selbst abtasten können. Das macht sie jetzt schon regelmäßig bei Unternehmen. Bei Daimler Truck war sie schon, bei Mahle und bei Bosch in Reutlingen. „70 Prozent der Auffälligkeiten findet man selbst“, sagt sie. Deshalb buchen immer mehr Unternehmen sie, um ihren Mitarbeiterinnen an der eigenen Brust zu zeigen, wie sie sich selbst abtasten können.

Marginalisierte Menschen können hier ihre Stärken zeigen

Auch Roland Grau stellt seit Jahren sicher, dass seine Patientinnen wissen, wie das geht. Schon in den 1980er-Jahren lernte er das systematische Abtasten als medizinische Methode kennen und schätzen. Deshalb war er gleich Feuer und Flamme, als Meike Werner auf die Idee kam, eine MTU in die Praxis zu holen. Sie nahm Kontakt zu dem Unternehmen auf, das MTUs ausbildet und anstellt – Discovering Hands. So entstand die Zusammenarbeit mit Cristina Kaiser Juan. Das Schöne: „Man kann marginalisierten Gruppen einen Raum bieten, wo sie ihre Stärken zeigen können und der Fokus nicht auf den Schwächen liegt“, sagt Meike Werner.

Das sieht auch Cristina Kaiser Juan so. Sie ist nicht schon immer MTU. Die 57-Jährige hat in Altgriechisch promoviert und in ihrem Heimatland Spanien Latein und Altgriechisch gelehrt. Als sie keine Festanstellung bekam, kam sie nach Deutschland, wo ihre Schwester schon wohnte. Sie erfuhr von Discovering Hands und ließ sich zur MTU ausbilden.

In Stuttgart ist sie die einzige, die diesen Beruf ausübt. In der Region nicht. Auch in Winnenden (Rems-Murr-Kreis), Schönaich und Herrenberg (Kreis Böblingen) arbeiten Kolleginnen von ihr. Ab Juli soll laut Discovering Hands auch in Tübingen eine MTU beginnen.

Praktische Informationen

Für wen?
Die taktile Brustuntersuchung wird laut Meike Werner für alle Frauen empfohlen. Da Angebote wie die Mammografie erst ab 50 Jahren gelten, sei es besonders für junge Frauen wichtig, die Untersuchung durchführen zu lassen. Auch Männer können sich von MTUs untersuchen lassen, wenn ein familiäres Risiko besteht.

Wie oft?
Einmal im Jahr empfiehlt Cristina Kaiser Juan die Untersuchung.

Was kostet das?
Bisher hat die Untersuchung etwa 60 Euro gekostet, bald wird sie laut Discovering Hands etwas erhöht. Das sei aber ein fairer Preis für die Leistung der hoch qualifizierten Untersucherinnen, sagt Meike Werner. Laut Discovering Hands bezahlen rund 40 Krankenkassen die Untersuchung. Die Leistung könne man aber auch privat bezahlen.