Alltagsszenen aus dem 19. Jahrhundert werden von Jürgen Oman in Videos zum Leben erweckt. Diese Ausschnitte aus einem der Videos sind KI-generiert. Foto: Jürgen Oman

Jürgen Oman nutzt KI, um aus alten Postkarten und Aufnahmen kurze Videos zu erstellen. Sein Clip über Stuttgart wurde mittlerweile tausendfach geklickt.

Ein Gespann aus Kutsche und Pferden fährt über den Schlossplatz, vor dem 1456 erbauten Stuttgarter Rathaus im Stil der deutschen Renaissance wird an den Marktständen emsig eingekauft und auf der Halbhöhe säumen sich prächtige Villen die Hügel hinauf und runter: Der kurze Clip über Stuttgart, wie es vor 125 Jahren ausgesehen haben könnte, wurde innerhalb kürzester Zeit tausendfach auf Instagram angeklickt.

 

Mit Prompts zurückblicken

Erstellt hat ihn der Österreicher Jürgen Oman. Der Linzer Mediendesigner setzt Künstliche Intelligenz ein, um aus historischen Kupferstichen und alten Stadtaufnahmen kurze Animationsvideos für Social Media zu erschaffen. „Ich beschäftige mich seit etwa drei Jahren mit KI und probiere verschiedene Modelle aus“, so der Österreicher, der seine Arbeit als eine Verbindung aus technischer Experimentierfreude und persönlicher Leidenschaft beschreibt. Auf Basis oft detailarmer Kupferstiche und historischer Fotografien formuliert er präzise Anweisungen – sogenannte Prompts –, mit denen die KI animierte Videos aus vergangenen Zeiten generiert.

Der österreichische Mediendesigner Jürgen Oman. Foto: Jürgen Oman

„Alles begann mit meiner Heimat Linz, dann ging es weiter mit dem Umkreis. Danach folgten Städte wie Wien oder Orte, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe“, erklärt Oman. Trotz der stetigen technischen Fortschritte kommt es immer wieder zu grotesken Fehlinterpretationen, wenn etwa die KI Ausschnitt dazu erfindet. „Bis ein brauchbares Ergebnis entsteht, braucht es viele Durchläufe und Anpassungen“, so der Medienkünstler.

Die Bilder aus Stuttgart hat Oman alle im Internet gefunden und zu einem Video generiert. Er prüft, ob die Fotos und Bilder zur gleichen Epoche passen und steckt viel Zeit in die Recherche. Oft verwendet er auch Kupferstiche, die bis zu 400 Jahre alt sind, und wandelt sie mithilfe von KI in fotorealistisches Videomaterial um.

„Man kann die Vergangenheit nicht idealisieren“

War früher alles besser? Von wegen! Dass sich unter seinen Videos auch verklärende und teilweise rassistische Kommentare finden, stört den Österreicher. „Meine Videos romantisieren sicherlich auch ein wenig die alte Zeit und viele wünschen sich, einmal einen Tag in der Vergangenheit zu erleben“, sagt er. Rassistische Kommentare löscht er sofort. „Man kann die Vergangenheit nicht idealisieren – ohne den Fortschritt und die Moderne würden wir an einem Blinddarmdurchbruch oder bei einem Kaiserschnitt sterben.“

Der Österreicher geht auch auf seine Community ein und nimmt Vorschläge entgegen. Momentan hat er schon 14 weitere animierte Videos in seinen Entwürfen. Auch Auftragsarbeiten mit dem österreichischen Rundfunk (ORF) sind in Planung. Ob er mit so großem Erfolg gerechnet hat? „Nein“, sagt Oman lachend. „Ich habe es aus Spaß gemacht – dann ist es völlig explodiert.“