Privatschulen erfreuen sich in Stuttgart großer Beliebtheit. Warum ist das so? Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Eltern erzählen.
Wenn es um den Bildungsweg des eigenen Kindes geht, fällt die Wahl in deutschen Großstädten immer häufiger auf eine Privatschule. Das gilt auch für Stuttgart: Im Schuljahr 2023/24 besuchten hier knapp 11 000 Schülerinnen und Schüler eine allgemeinbildende Einrichtung in nicht-öffentlicher Trägerschaft – rund 1000 mehr als zehn Jahre zuvor.
Wie lässt sich diese Entwicklung aus Elternsicht erklären? Was bringt sie dazu, sich für eine Privatschule zu entscheiden? Drei Eltern aus Stuttgart sprechen über ihre Gründe.
Kim Jens Witzenleiter, zwei Kinder an den Lessing-Schulen
Kim Jens Witzenleiter ist für seine Kinder zum Frühaufsteher geworden. Unter der Woche klingelt der Wecker des zweifachen Vaters häufig gegen 5 Uhr. An diesen Tagen muss der Hörspielproduzent und Grafikdesigner schauen, dass er seine beiden Töchter rechtzeitig zur Schule bringt. Vom Wohnort der Familie in Ludwigsburg kämpft sich Witzenleiter dann mit dem Auto durch den Stuttgarter Berufsverkehr. Das Ziel: die Lessing-Schulen im Stadtteil Münster. Dort besucht die Ältere die sechste Klasse des Gymnasiums, die Jüngere die dritte Klasse der Manfred-Ehringer-Grundschule.
Das frühe Aufstehen nimmt Witzenleiter allerdings gerne in Kauf, ebenso wie die Gebühren von monatlich rund 250 Euro pro Kind (die einkommensabhängige Staffelung startet bei 110 Euro). Schließlich sagt der 39-Jährige: „Ich will die beste Förderung für meine Töchter.“ An den Lessing-Schulen sieht er dies gegeben. Als vor einigen Jahren die Einschulung der älteren Tochter bevorstand, seien ihm an den öffentlichen Einrichtungen vor allem die Defizite aufgefallen: Lehrermangel, Ausfälle, große Klassen. „Ich kenne meine Tochter, die wäre dort untergegangen“, sagt er. Deshalb fiel die Wahl letztlich auf die Manfred-Ehringer-Grundschule der Lessing-Schulen. „Dort sind die Klassen mit maximal 20 Kindern schön überschaubar.“
Dass sich die Entscheidung bezahlt gemacht habe, untermauert Witzenleiter mit einer Anekdote. Schon nach vier Monaten in der ersten Klasse habe ihm seine Tochter Namen und Ortsschilder vorgelesen. Dem Nachbarkind – eingeschult an einer öffentlichen Schule – sei das Lesen dagegen selbst in der zweiten Klasse noch schwer gefallen. Witzenleiter sagt: „Der Trend zur Privatschule ist aus meiner Sicht wichtig, um die Kinder optimal zu fördern.“
Kirsten Franceschetti, drei Kinder an der Waldschule (zwei bereits fertig)
Kirsten Franceschetti erinnert sich noch gut, warum ihr Ältester 2012 an der Waldschule in Degerloch landete. Sie sagt: „Das war die Entscheidung meines Sohnes.“ Die aufgeschlossene Atmosphäre beim Tag der offenen Tür habe ihn überzeugt, dort ab der fünften Klasse auf die Realschule zu gehen. Schon in der ersten Woche habe sich der gute Eindruck dann bestätigt. „Die Waldschule tut viel dafür, die Klassen schnell zusammenzuschweißen“, lobt Franceschetti. Und weiter noch: „Im Foyer kennen sich dort alle.“
Heute ist die dreifache Mutter Vorsitzende des Elternbeirats der privaten Einrichtung. Nachdem ihr Ältester seine Realschulzeit hinter sich hatte, setzte er auf der Waldau zudem das Abitur obendrauf. Genauso lief es später bei Franceschettis zweitgeborenem Sohn ab. Inzwischen besucht ihr Jüngster das Waldschul-Gymnasium, aktuell in der neunten Klasse (Kostenpunkt: je nach Einkommen der Eltern zwischen 35 und 375 Euro pro Kind).
„Die Schule hat ein Riesen-Angebot“, sagt Franceschetti. Das gelte einerseits für außerschulische Aktivitäten wie Musical-AGs, Kochkurse oder Abstecher in die nahegelegene Kletterhalle. Franceschetti hebt aber auch die Betreuung während des Unterrichts hervor. „Die Menge an Sozialarbeit ist enorm“, erzählt sie, „sowohl im Grundschul- als auch im Realschulbereich“. Dort sei die Lehrkraft nie allein im Klassenzimmer. Stattdessen habe stets auch ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin einen Blick auf die Kinder. Für das Gymnasium nennt Franceschetti weitere Vorzüge, etwa das dortige Lerncoaching. Ihr Fazit zur Waldschule: „Das Rundum-Paket ist für viele Eltern extrem wichtig.“
Klaus Eichenberg, drei Kinder am Heidehof-Gymnasium (zwei bereits fertig)
Klaus Eichenberg stellt klar: „Ich bin kein Gegner von staatlichen Schulen.“ Als seine älteste Tochter vor gut zehn Jahren in die fünfte Klasse kam, fiel die Wahl mit dem evangelischen Heidehof-Gymnasium dennoch auf eine private Einrichtung. „Das war eine Bauchentscheidung“, erzählt Eichenberg, der inzwischen dem Elternbeirat der Schule vorsitzt.
Einer der Gründe damals: die Ganztagesbetreuung in Klasse fünf bis sieben. „Wenn Eltern das brauchen, fallen schon einmal viele Schulen raus“, sagt Eichenberg. Als weiteren Positivfaktor nennt er das evangelische Profil des Heidhofs. Das äußere sich unter anderem in einem Sozialfonds für zahlungsschwächere Eltern. „Hier wird niemand ausgeschlossen, weil er die Gebühren [Anm. d. Red: 110 Euro monatlich] nicht finanzieren kann“, sagt Eichenberg. „Ich würde mich deshalb gegen die Bezeichnung Eliteschule wehren.“
Auch das inhaltliche Profil des Gymnasiums überzeugt den 58-Jährigen. Dazu gehören ein praktisches Fach in Klasse sieben – etwa Schreinern, Nähen oder Kochen – sowie ein starker Fokus auf Musik und Theater. Außerdem sagt Eichenberg: „In den Schulkonferenzen sitzen zu gleichen Teilen Lehrer, Eltern und Schüler.“ Gemeinsam beschließe man dort Regeln und Organisatorisches. Dass Eltern den Stundenplan fürs kommende Schuljahr bereits vor den Sommerferien erhalten, gehe beispielsweise auf eine solche Konferenz zurück. Eichenberg lobt: „Wir werden dort wirklich gehört.“