Ein Workshop in Marbach (Kreis Ludwigsburg) bringt Demenzkranke und ihre Angehörigen zusammen. Eine Geschichte von flottem Tanz, unerwarteter Nähe und einem magischen Moment.
Ruth hat plötzlich Angst vor der Dunkelheit. „Da kommt etwas Gewaltiges“, sagt sie. Wenn ein Brief im Briefkasten liegt, kriegt die 87-Jährige Panik. Sie vergisst Dinge und verliert die Orientierung. Aber wenn sie Musik hört, dann tanzt sie wie ein junges Mädchen. Mit wachen Augen, einem Lächeln im Gesicht.
An diesem Nachmittag im Marbacher Martin-Luther-Haus legt sie sogar einen flotten Walzer aufs Parkett, leichtfüßig fast, konzentriert, aber strahlend. Es ist einer dieser Momente, in der die Demenz in den Hintergrund rückt – und die Lebenslust in den Vordergrund.
Leidenschaft fürs Tanzen
Ruth hat schon immer gern getanzt. Sie ist neben einer Tanzschule groß geworden. Ihren Fernseher zuhause kann sie nicht mehr bedienen, aber wenn die CD von André Rieu läuft, dann tanzt sie. Ihre Tochter hat sie zum Tanz- und Bewegungsworkshop für Menschen mit Demenz angemeldet. Er richtet sich an die Erkrankten selbst, aber auch an ihre Angehörigen. Sieben Paare sind an diesem November-Nachmittag in den Gemeindesaal nach Marbach gekommen. Frauen mit ihren demenzerkrankten Ehemännern, Töchter mit ihren demenzerkrankten Müttern. Unter ihnen Ruth und ihre Tochter Meike.
Die Demenz, sagt Meike, ist bei der Mama ganz schleichend gekommen. Als der Vater gestorben ist, merkten sie und ihre Geschwister, was er alles aufgefangen hatte. Jetzt kümmern sich die Kinder um ihre Mutter, so gut sie können. „Die Krankheit ist schwer greifbar“, sagt Meike. Die Mutter hat kein Zeitgefühl mehr, kann nicht mehr kochen oder mit Geld umgehen. „Du weißt nie, was als Nächstes kommt. Ob sie zum Beispiel zum Tanzworkshop mitwill oder nicht.“
Heute ist sie mitgekommen zu dem Workshop, den die AWO Demenz-Allianz Marbach-Bottwartal in Kooperation mit dem Stuttgarter Ballett veranstaltet. Das Projekt kam auf recht ungewöhnlichem Weg zustande. Hans-Jürgen Stritter, der Vorsitzende des AWO-Ortsvereins, und seine Frau Inès sind große Ballett-Fans. Bei einer Veranstaltung des Stuttgarter Balletts sprach Stritter den Intendanten Tamas Detrich einfach mal an, ob man nicht einmal etwas für demenziell Erkrankte machen könnte. Und er sagte „ja, machen wir“. „Herrgott’s Blechle, das hätt‘ ich nicht gedacht. Da kriegst du Puls“, sagt Hans-Jürgen Stritter und lacht.
Aber: Gesagt, getan, seit Ende September läuft der Workshop in Marbach – übrigens ein Pilotprojekt. „Im Fokus stehen die gesundheitsfördernden Aspekte des Tanzens“, heißt es im Flyer, „aber auch die Erfahrung positiver Selbstwirksamkeit“. Oder, wie es der Tänzer, Choreograf und Kursleiter Adrian Turner ausdrückt: „Bewegung ist für uns ein Lebensmittel, Bewegung ist Gedächtnis und so vieles mehr.“ Turner ist Tanzvermittler beim Stuttgarter Ballett Jung plus – gemeinsam mit seiner Kollegin Marieke Lieber arbeitet er mit Jugendlichen, mit Behinderten und neuerdings mit demenziell Erkrankten.
Im Gemeindesaal in Marbach bewegen sich gesunde und demenzerkrankte Menschen zusammen, holen Luft, atmen, strecken sich, drücken die Handflächen nach vorn, kreisen die Schultern – erst im Sitzen, dann im Stehen. Sie fühlen in sich hinein. „Seid ihr jetzt schon etwas leichter im Oberkörper?“, fragt Turner – die meisten nicken zustimmend.
Dann sitzen sich die Paare auf den Stühlen gegenüber. Adrian Turner und Marieke Lieber machen es vor. Sie berühren nur ihre Hände, doch Adrian führt Marieke nach oben, zur Seite, nach unten. Ihre Körper wiegen ausdrucksstark und im Einklang zu der langsamen Klaviermusik.
„Und jetzt ihr. Ihr könnt das genauso“, sagt der Tanzvermittler zu den Teilnehmern des Workshops. Zweifelnde Blicke. „Es ist nur anders verpackt“, sagt Adrian. „Wir haben alle eine andere Verpackung.“ Und: „Es gibt kein Falsch und kein Richtig.“
Etwas zögernd nehmen sich Mütter und Töchter, Frauen und Männer an den Händen. Die Musik setzt ein und dann geschieht etwas fast Zauberhaftes. Die Paare wiegen sich zur Musik, improvisieren sanfte Bewegungen. Die plötzliche Nähe, die dieser Tanz erzeugt, füllt den Raum, fesselt die Teilnehmer und Zuschauer – es ist berührend.
Hier kommen sich Menschen nahe, die sich lange kennen, aber denen die Demenzerkrankung mehr als den gewohnten Alltag miteinander genommen hat. Ehepaare blicken sich tief in die Augen, Ruth und ihre Tochter lächeln sich an. Später wird Meike sagen: „So nah waren wir uns noch nie.“ Der Tanz gleicht einem magischen Moment, der alle im Raum anrührt. Es ist, als würden sich die Paare neu begegnen. Nicht wenige haben Tränen in den Augen, als die Musik vorbei ist, als sich die Hände voneinander lösen.
„Jeden Tag lachen“
Liebe, Vertrauen, Respekt. Das sind die Worte, die sie danach finden, als Adrian Turner sie fragt, was sie gefühlt haben. „Berührung“, sagt Adrian, „ist auch Sprache. Wir tragen alle dicke Geschichten mit uns herum.“ Gabi, eine der Teilnehmerinnen, die mit ihrem an Demenz erkrankten Mann da ist, sagt, dass sie die Nähe in der Bewegung gefunden hat. „Es ist, wie eine Lücke zu füllen.“
„In jeder Beziehung muss man Nähe üben“, sagt Adrian Turner. Er sagt auch, dass man mindestens einmal am Tag lachen muss. Gelacht wird viel bei dem Workshop, trotz des ernsten Themas, mit dem sich hier alle beschäftigen müssen.
Hans-Jürgen Stritter von der AWO hält die Workshop-Nachmittage mit Fotos fest. Zum dritten Termin hat er sie ausgedruckt und für alle zum Mitnehmen mitgebracht. Wenn Ruth, die das Tanzen so liebt, das dann wieder einmal vergessen sollte, kann Meike ihr die Fotos zeigen.