Zum Saisonauftakt im Schauspielhaus Stuttgart inszeniert Dušan David Pařízek „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin – und kommt dabei ganz ohne Berlin aus. Funktioniert die Dramatisierung des Romanklassikers?
Wohin nach dem Knast? Erst einmal ins Pornokino, nackte Frauen gucken. Aber huch, da setzt sich ein Mann mit Nylonstrümpfen (Michael Stiller) neben einen und fängt an zu fummeln. Franz Biberkopf (Rainer Galke) fällt schier in Ohnmacht. Er blickt hilfesuchend nach rechts zu seinem anderen Ich (Sylvana Krappatsch), das ihm feixend den Ellbogen in die Rippen haut. Trieb frisst Verstand, und Franz Biberkopf ist einer, der viel will und wenig kann. Das ist ein Charakterzug des Helden aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, der in eine wunderbare, mit Witz inszenierte Spielszene mündet, was ja mit zu dem Schwierigsten gehört, wenn man einen Roman für die Bühne bearbeitet.
Schon zu Beginn seiner Inszenierung am Samstag zum Saisonauftakt im Stuttgarter Schauspielhaus gelingt es dem Regisseur Dušan David Pařízek klarzumachen, warum der Held gleich zweifach auftreten muss. Seine innere Zerrissenheit mündet in eine doppelte Gestalt. Sylvana Krappatschs Franz will immerzu etwas, und Rainer Galkes Biberkopf hat Angst, weiß aber nicht warum. Dabei zeigt sich indes gleich das Problem: Dass Döblin die seelische Verfasstheit des Mannes wenig interessiert, die Frage, warum die Stadt einen wie ihn verschluckt und wieder ausspuckt, was den Frauentöter und Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf antreibt.
All das wird nach Döblins Romanlektüre nicht klar – auch nicht nach dem Besuch der gut zweistündigen Inszenierung. Döblin hat aber auch keinen bürgerlich psychologischen Roman geschrieben, sondern das Porträt einer Stadt. Was die Menschen in diesem Moloch so treiben, beschreibt der Autor lakonisch und mit ironischer Distanz, sezierend wie ein Arzt, der Döblin ja auch war.
Nun ist im Theater die Aufsplittung einer Figur nicht neu, und inflationär ist derzeit die Adaption von Romanen aus den 1920ern und 30ern auf deutschen Theaterbühnen. In Stuttgart finden gleich zwei statt, im Juni 2025 steht Horváths „Zur schönen Aussicht“ an. Und zählt man Joseph Roths „Hotel Savoy“ hinzu, das Ende der vergangenen Saison Premiere hatte, sind es gar drei Arbeiten, die sich die Zeit des aufkommenden Faschismus vornehmen.
„Döblin Alexanderplatz“ am Tag vor einer Landtagswahl in Ostdeutschland auf den Premierenspielplan zu setzen, darf als Kommentar zum vermuteten (und bei den zwei Landtagswahlen jüngst stattgefundenen) Wahlerfolg extremer Parteien verstanden werden, prompt fällt auch der Begriff „Alternative für Deutschland“.
Ebenso wie die Regie aber jüngst bei „Hotel Savoy“ Roths melancholische Poesie ignoriert hat, ist jetzt wenig von Döblins lakonisch kühlem Sound zu merken. Was erstaunlich ist, da es Pařízek bei seiner Adaption des Romans „Annette – ein Heldenepos“ 2022 in Stuttgart so hervorragend gelungen ist. Der Regisseur und seine Dramaturgin Katja Prussas sind weniger am Literarischen des Romans interessiert, an den verschiedenen Stilformen, der Collagetechnik, die dem Roman Weltruhm beschert haben. Geschweige denn an dem, was Döblin ins Zentrum stellt, die Zumutungen einer Großstadt, der Lärm, die Geschwindigkeit, das Chaos, in dem der Mensch winzig wie eine Ameise umhereilt.
Erst werden mit Overhead-Projektoren einige Berlin-Bilder an die drei Betonwände geworfen, hernach muss die Stadt weichen. Das Regieteam rückt Biberkopf auf die Pelle, will man doch den Niedergang eines Mannes, der ohnehin schon unten ist, nacherzählen. Und es will zudem die Relevanz des 1929 erschienenen Romans unter Beweis stellen, dabei etwas krampfhaft nach aktuellen Bezügen suchend, die wie in einer dunklen Revue hintereinander abgehakt werden.
Die Aktualität von „Berlin Alexanderplatz“
Toxische Männlichkeit ganz generell. Femizid, wenn geradezu physikalisch exakt nachgestellt wird, wie Biberkopf seine Freundin Ida (Celina Rongen) ermordet hat. Das Tierwohl, wenn David Müller mit vorwurfsvollem Blick und von dumpfem Sirren begleitet am Bühnenrand steht und ins Mikrofon hinein schildert, was passiert, wenn im Schlachthof Schweine und Kälber getötet werden. Immer wieder wird lautmalerisch das Knacken der Knochen, das Platzen der Adern versinnbildlicht.
Der darstellerischen Übersichtlichkeit halber übernimmt David Müller nicht nur den Tiertötungstext, sondern stellt auch eine Figur dar, die Menschen umbringt: Reinhold, der Biberkopfs Freundin Mieze wie im Vorbeigehen im Wald ermordet. Celina Rongen spielt die ausschließlich positiv dargestellten Frauen-Opfer. Und Michael Stiller im Goldglitteranzug verkörpert souverän die politischen Parts vom Arbeiterkämpfer über den Turbokapitalisten bis zum Parlamentarismushasser und Faschisten mit seinen „Maul und Schritt halten!“-Parolen.
Franz Biberkopf – ein fast netter Proll
Franz Biberkopf? Er ist hyperaktiv, nervös und macht ständig viel Wind bei Sylvana Krappatsch. Er ist wuchtig, sympathisch täppisch und politisch orientierungslos bei Rainer Galke. Ein Typus Mann, der für vieles Schlechte steht. Einer, der zunächst recht harmlos wirkt, aber doch extrem unter seiner Triebkontrolle leidet, Frauen erschlägt oder auf den Strich schickt. Einer, der keinen moralischen Kompass besitzt und nicht wirklich weiß, was das sein soll, was er sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis vornimmt: „Anständig sein!“. Ein fast netter Proll und doch einer derjenigen, die die Demokratie stürzen helfen, die Frauen das Leben unerträglich machen.
Das Konzept, Berlin Berlin sein zu lassen und sich nur auf die Stationen in Biberkopfs Leben zu konzentrieren, ist mutig, es funktioniert aber nur bedingt, so fabelhaft das Doppel Sylvana Krappatsch-Rainer Galke sich ins Biberkopfzeug legt, die Figur bleibt unterkomplex.
„Shit happens“ steht auf Biberkopfs T-Shirt. Damit ist alles gesagt. Ja, schlimme Dinge passieren. Warum sie passieren? Keiner weiß es. Die Lektüre des Romans immerhin lohnt dank seiner immer noch gewaltig beeindruckenden Sprachkunst.
Info
Vorstellungen von „Berlin Alexanderplatz“
29. Oktober, 7., 13., 15., 23., 25. Oktober, 8., 10., 25. November im Schauspielhaus Stuttgart.
So geht’s weiter im Schauspiel
Außer „Berlin Alexanderplatz“ steht derzeit mit der Wiederaufnahme von Kafkas „Amerika“ nur eine weitere Romanadaption auf dem Spielplan, zudem am 29. September eine Premierenmatinee für die nächsten zwei Produktionen und am 5. Oktober eine neue Folge von Harald Schmidts – wie üblich bis auf Restkarten ausverkaufter – Spielplananalyse.
Nächste Premieren
Dea Loher: „Frau Yamamoto ist noch da“ am 11. Oktober im Kammertheater, Dead Centre: „Die Erziehung des Rudolf Steiner“ am 12. Oktober im Schauspielhaus.