Der Führerschein ist in den letzten Jahren viel teurer geworden – das hat unterschiedliche Gründe. Foto: /IMAGO/Michael Bihlmayer

Heutzutage geben angehende Autofahrer viel mehr Geld für ihren Führerschein aus als noch vor ein paar Jahren. Wir haben ausgerechnet, wie viel teurer die Fahrerlaubnis für Stuttgarter Fahrschüler geworden ist.

Wer heutzutage einen Führerschein machen möchte, muss tiefer in die Tasche greifen als noch vor einigen Jahren. Auch in der Fahrschule macht sich die Inflation bemerkbar. Wie viel mehr Fahrschüler mittlerweile zahlen, zeigt die Preisstatistik des Statistischen Bundesamts. Auf dieser Basis hat unsere Redaktion nachgerechnet: Etwa 3800 Euro geben Fahrschüler in Stuttgart aktuell für ihren Führerschein aus – 1600 Euro mehr als noch vor fünf Jahren.

 

Für diese Zahlen gibt es mehrere Gründe. Der erste: Fahrschulen erhöhen ihre Preise. Seit 2020 sind laut dem Verbraucherpreisindex die Kosten für Praxisfahrten um etwa 40 Prozent gestiegen. Für Theorieunterricht müssen Fahrschüler etwa 47 Prozent mehr bezahlen. Der Index misst dabei, wie sich die Preise für Waren und Dienstleistungen in Deutschland entwickeln – und gibt auch detailliert darüber Auskunft, wie viel teurer Praxisfahrten, Theoriestunden und Führerscheingebühren geworden sind. Mit Führerscheingebühren sind die Kosten gemeint, die für das Ablegen der Fahrprüfungen anfallen.

Wie viel die höheren Preise ausmachen, zeigt ein Rechenbeispiel für Stuttgart: Allein für die Fixkosten des Führerscheins – also Theorieunterricht, die verpflichtenden Sonderfahrten und die Prüfungsgebühren – zahlen Fahrschüler mittlerweile rund 1850 Euro, 500 Euro mehr als noch vor fünf Jahren.

Zumindest in der Theorie. Hinter den Zahlen steckt folgende Rechnung: Anhand einer Stichprobe Stuttgarter Fahrschulen, deren Preise öffentlich einsehbar sind, hat unsere Redaktion durchschnittliche Preise für Praxis- und Theoriestunden sowie Prüfgebühren berechnet. Dies sind die Kosten im Jahr 2024. Wie hoch die Preise vor fünf Jahren waren, ist eine Annahme - nämlich, dass sich die Preise der Fahrschulen exakt so entwickelt haben wie der Preisindex für ganz Deutschland. Die Kosten der Vorjahre zeigen also nicht die tatsächlichen früheren Preise Stuttgarter Fahrschulen, sondern sind eine Modellrechnung.

Fahrschulen erhöhen zwar die Preise, doch eine goldene Nase würden sie sich trotzdem nicht verdienen, sagt Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg. Die Kosten für Reparaturen und auch für die KfZ-Versicherung seien in den letzten Jahren stark gestiegen. Zahlen des Statischen Bundesamts zeigen: Zumindest für Privatleute sind Reparaturen seit 2020 tatsächlich um ein Viertel, Versicherungen fast um die Hälfte teurer geworden.

Was im obigen Beispiel noch nicht enthalten ist, sind die Kosten, die für normale Fahrstunden anfallen. Gesetzlich vorgeschrieben sind sie nicht, doch kaum ein Fahrschüler kommt ohne aus. Für die folgende Berechnung gehen wir von 20 Übungsfahrten aus, die ein Fahrschüler bis zur Prüfung absolviert.

Bezieht man diese Übungsstunden mit ein, bringt das die Gesamtkosten für den Führerschein derzeit auf rund 3200 Euro. Davon machen die Praxisstunden allein etwa 70 Prozent aus.

Über die Jahre haben sich allerdings nicht nur die Preise der Fahrstunden geändert. Angehende Autofahrer brauchen laut Fahrlehrerverbänden mittlerweile weit mehr Praxisstunden bis zur Prüfung als noch vor einigen Jahren. 2020 seien Fahrschüler noch mit mindestens 20 Übungsfahrten durch die Prüfung gekommen – heute seien bestandene Prüfungen unter 30 Übungsfahrten in Stuttgart äußerst selten, sagt Jennifer Spazier. Sie ist Dritte Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg und Inhaberin einer Stuttgarter Fahrschule.

Dafür bekommen die Fahrschüler im wahrsten Sinne des Wortes die Rechnung. Wie viel ein paar mehr Fahrstunden ausmachen zeigt die folgende Kalkulation, die 2020 noch von 20 Übungsfahrten ausgeht, 2024 von 30. In den Jahren dazwischen nimmt die zugrunde gelegte Stundenzahl sukzessive zu.

Knapp 3900 Euro müssen Fahrschüler nach dieser Rechnung heute für ihre Fahrerlaubnis locker machen. Die zehn zusätzlichen Fahrstunden im Modell schlagen 700 Euro auf den Preis der vorherigen Modellierung auf. Im Referenzjahr 2020 hätten Fahranfänger ihre Lizenz gemäß Modellrechnung noch für ca. 2300 Euro bekommen – 1600 Euro weniger als heute.

Ein Grund für die gestiegene Stundenzahl sei die Anpassung der Prüfzeit der praktischen Fahrprüfung, sagt Spazier. Seit 2022 müssen Prüflinge nicht mehr 45, sondern 55 Minuten am Steuer überzeugen. Für Fahranfänger gar nicht so leicht. Ist man das Autofahren nicht gewohnt, seien 10 Minuten mehr Prüfzeit eine echte Herausforderung für die Konzentration, berichtet Spazier. Außerdem würden Fahrassistenzsysteme für den Fahrunterricht immer wichtiger, sagt Spazier. Bis die gelernt seien, brauche es manchmal fünf oder zehn Erklärungen. Um den Zusatzstoff herum kommen die Prüflinge nicht. In der Prüfung müssen sie beides können: Mit und ohne Assistenzsystem fahren.

Warum Fahrschüler heute mehr Fahrstunden brauchen, sei auch eine Generationenfrage, sagt Jochen Klima vom Fahrlehrerverband Baden-Württemberg. „Als ich meinen Führerschein gemacht habe, habe ich schon Wochen vorher bei Mama und Papa nachgefragt, wie alles funktioniert.“ Diese aktive Mitfahrerfahrung fehle heute vielen Fahrschülern. „Die meisten sitzen sonst auf der Rückbank und schreiben am Handy. Dadurch müssen wir vieles neu beibringen“, sagt er.

Wer beim Führerschein Geld sparen will, kann nur versuchen, mit weniger Übungsfahrten auszukommen. Das kann allerdings nach hinten losgehen: Verpatzen Fahrschüler durch zu wenig Übung die Praxisprüfung, muss nicht nur die Prüfungsgebühr erneut gezahlt werden. Die Fahrstunden, die sie vorher gespart haben, fallen zur Vorbereitung der nächsten Prüfung wohl trotzdem an.