Nach fast 80 Jahren soll eine Baulücke in Stuttgart geschlossen werden. Doch die Bauherren müssen feststellen, wie schwierig Bauen mitten in der Stadt ist – obwohl solche Vorhaben politisch gewollt sind.
Gearbeitet wurde auf dieser Baustelle schon lange nicht mehr. Verlassen liegt die Baugrube in der Gutenbergstraße im Stuttgarter Westen – ein Bauzaun versperrt seit Monaten die halbe Straße. Zwar steht der Kran noch, doch Container hat die Rohbaufirma schon abtransportiert. Wäre der Plan von Jörg Henne aufgegangen, sollte hier längst ein neues Mehrfamilienhaus mit sieben Wohnungen stehen.
Sein Großvater hatte das Trümmergrundstück nach dem Krieg gekauft und eine Autowerkstatt dort gebaut. Nach dessen Tod wurde die Werkstatt jahrzehntelang verpachtet. Bis vor einigen Jahren die Stadt darauf aufmerksam wurde.
Im Frühjahr 2015 erhielten die Erben vom Amt für Städteplanung ein Schreiben mit der Anfrage, ob sie das Grundstück verkaufen oder vielleicht sogar selber bauen wollen. Mehr Wohnraum schaffen in existierenden Wohngebieten – im Amtsdeutsch Innenentwicklung – ist ein erklärtes politisches Ziel auch vom amtierenden Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). Nach einiger Beratung entscheidet die Familie, selbst zu bauen – irgendwie hängt Jörg Henne noch am Grundstück des Großvaters. Die Verwandtschaft hilft bei der Finanzierung. Zusammen mit seinem Bruder und einem Geschäftspartner tritt Jörg Henne als Bauherr auf.
Heute sagt der IT-Unternehmer: „Das war der größte Fehler meines Lebens.“ Denn inzwischen zieht sich das Bauvorhaben seit vier Jahren. 2018 stellen sie die Bauvoranfrage. Ein Nachbar – ausgerechnet die städtische SWSG – stellt immer neue Bedingungen, erst Mitte 2019 kann der Bauantrag gestellt werden. Weitere Monate vergehen, bis alles unter Dach und Fach ist – und dann fehlen die Handwerker.
Probleme mit der Statik
2021 kann mit Abriss und Aushub begonnen werden. Der Kampfmittelräumdienst muss anrücken. Wegen des schwierigen geologischen Untergrunds auf der ehemaligen Bombenbrache soll die finale statische Planung erst nach dem Aushub gemacht werden. Ein übliches Vorgehen, heißt es von den beteiligten Planern. Doch genau das wird jetzt zum Problem. Denn beim Graben tauchen alte Keller auf, das Fundament eines Nachbarhauses ragt einen halben Meter auf das Grundstück.
Und es stellt sich heraus: Eine Decke über dem Erdgeschoss muss verstärkt werden. Um das Gebäude in den genehmigten Ausmaßen vor allem bei First und Trauf zu halten, werden die Höhen der übrigen Stockwerke reduziert. Eine einfache Sache, sagen die Planer. Das Gesamtbild des Gebäudes werde ja nicht merklich verändert.
Doch das Stuttgarter Baurechtsamt bewertet die Rechtslage anders. Ein neuer Bauantrag muss gestellt, die Nachbarn müssen noch einmal angehört werden. „Nur weil der Bauherr der Meinung ist, seine Änderungen seien minimal, verlieren die Nachbarn nicht ihre gesetzlich verbrieften Rechte“, erklärt das Amt sein Vorgehen auf Anfrage.
Der neue Antrag heißt für die Bauherren: wieder warten. Nach drei Monaten Hin und Her geht Ende Juni der Antrag durch, das Amt warnt, die Genehmigung könnte noch einmal so lange dauern. Allerdings sei man mit seinen Aufgaben auch schon drei Monate in Verzug. Immer wieder sucht die Familie den Kontakt, um eine Lösung zu finden. Denn der Verzug kostet die Bauherren jeden Monat viel Geld.
Keine Antwort vom Baubürgermeister
Jörg Henne wendet sich in seiner Not in einer E-Mail an den Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Mit einem vereinfachten Verfahren, argumentiert er, würde auch das Amt entlastet. Und schließlich erinnert er daran, dass die Idee zu bauen von der Stadtverwaltung kam. Doch eine Antwort erhält er von Peter Pätzold nicht. Stattdessen schreibt ihm die Leiterin des Baurechtsamtes zurück, ihre Mitarbeiter bemühten sich trotz Personalmangels, die Dauer der Genehmigungsverfahren so gering wie möglich zu halten. Eine zweite Mail an den Bürgermeister bleibt gänzlich unbeantwortet. Auf Anfrage unserer Zeitung lässt Pätzold mitteilen: „Die Innenentwicklung ist ein zentrales Ziel der Landeshauptstadt Stuttgart. (. . .) Die Stadt unterstützt die Schließung von Baulücken im Grundsatz.“
Klare Ansagen fehlen
Doch im Grundsatz heißt eben nicht im Einzelfall. Eine Vorzugsbehandlung fordert Jörg Henne auch nicht, ihm geht es um etwas anderes. Er hätte gern klare Ansagen vom Amt: „Die Kommunikation ist eine Katastrophe“, sagt er und klagt über die „Salamitaktik“. „Sie kriegen keine klare Aussage“, kritisiert er.
Damit ist er nicht allein. Immer wieder schildern vor allem private Bauherren in Stuttgart ihre Probleme. Die Gründe sind vielfältig. Allen Fällen ist gemein, dass sie die Kommunikation mit dem Baurechtsamt als zeitraubend beschreiben. Doch Zeit ist angesichts der aktuellen Inflation ein teures Gut. Im zweiten Quartal 2022 sind die Baupreise für Wohngebäude laut Statistischem Bundesamt gegenüber dem Vorjahr um 17,6 Prozent gestiegen.
Doch das Baurechtsamt leidet unter chronischem Personalmangel, bewegt sich in einem engen rechtlichen Rahmen. Je besser und vollständiger der Antrag, der eingereicht werde, desto zügiger die Bearbeitung, teilt das Amt auf Anfrage mit. „Es kann nicht derjenige Antragsteller bestraft werden, der alle anstehenden Fragen vorher klärt und ein ausgereiftes Projekt einreicht.“ Im Fall in der Gutenbergstraße sei die Bearbeitung erst nach Nachbesserungen möglich gewesen.
Die Bauherrengemeinschaft in der Gutenbergstraße darf erst einmal weiterbauen. Bis zur Decke über dem Erdgeschoss werde der Weiterbau auf eigene Verantwortung geduldet, teilt das Amt Anfang Juli mit. Doch die Rohbaufirma ist längst abgezogen, sie hat einen Folgeauftrag. Fachkräfte fehlen. Mit etwas Glück rückt der Bautrupp in einigen Wochen wieder an. Die Unsicherheit für die Bauherren bleibt. „Ob wir mit einem blauen Auge davonkommen, wissen wir in einem Jahr“, sagt Henne.
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