Im Schaufenster von Seifen Lenz wird auf das Problem mit der Baustelle hingewiesen – ganz zu schweigen von den beengten Gehwegen nahe der Leonhardskirche. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auf dem Gelände des Breuninger-Parkhauses an der B 14 entsteht ein Mobility-Hub und das Haus für Film und Medien. Wegen der Baustelle bleibt die Laufkundschaft im Bohnenviertel aus, der Umsatz der Einzelhändler sinkt.

Wenn Waltraud Glaser über die Zukunft ihres Café Königx spricht, schießen der 75-Jährigen die Tränen in die Augen. Der Umsatz sei in den vergangenen Monaten so stark zurückgegangen, dass sie inzwischen ihre Mitarbeiter entlassen musste. Konnte sie nach der Corona-Zwangspause noch alle ihre Fixkosten bezahlen, so „reicht auch das nicht mehr“, erklärt die Wirtin mit Leib und Seele in den liebevoll eingerichteten Räumen in der Wagnerstraße. „Alleine die Stammgäste reichen nicht aus, um zu überleben.“ Vor allem die Laufkundschaft fehlt. Nach 40 Jahren denkt Glaser daher offen über ein Ende des beliebten Treffpunkts nach. „Wenn es so weitergeht, müsste ich Schulden aufnehmen. Es macht einfach keinen Spaß mehr“, betont Glaser. „Vor allem, wenn die Stadt offenbar kein Interesse an uns hat.“ Wie ihr geht es vielen Einzelhändlern im Bohnenviertel.

 
Waltraud Glaser weiß nicht, ob sie das Café Königx weiterführen wird. Foto: Alexander Müller

Seit Anfang dieses Jahres laufen die Arbeiten am ehemaligen Breuninger-Parkhaus im Bohnenviertel. In den kommenden zwei Jahren sollen auf dem 3000 Quadratmeter großen Areal zwischen Esslinger und Hauptstätter Straße (B 14) im Schatten der Leonhardskirche ein neuer Mobility-Hub und das Haus für Film und Medien entstehen. Dafür muss die B-14-Rampe zum Charlottenplatz für den Verkehr gesperrt werden. Die Umleitung verläuft über die schmale Esslinger Straße. Eine enorme Belastung vor allem für die Einzelhändler vor Ort.

„Die Kunden denken, wir haben geschlossen“

Nicht einmal so sehr der Verkehr – der deutlich geringer ist als im Vorfeld befürchtet –, sondern vielmehr die Enge sowie Lärm und Schutt bedrohen die teils alteingesessenen Geschäfte. „Wir fühlen uns abgeschnitten und im Stich gelassen“, macht Susanne Graf, Mitinhaberin des Geschäfts Wau Miau, deutlich. Wo sich sonst Hunde- und Katzenliebhaber die geschmückten Schaufenster anschauen, ist heute kein Platz mehr. Der blickdichte Zaun der Baustelle tue ein Übriges. „Wir werden überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Die Menschen denken, hier haben alle Geschäfte geschlossen“, sagt Graf verärgert. Da helfe auch das Angebot von Breuninger nichts, die Läden aus dem Bohnenviertel mögen den Pop-up-Store Leo & Bones im Dorotheen-Quartier beziehen. Zum einen müsse man dafür auch Pacht bezahlen, zum anderen wird der bereits Ende des Jahres wieder geschlossen. Und auch die Ansage der Kaufhauskette, für die Einzelhändler während der Bauzeit Werbung zu machen, sei eine Luftnummer. „Nur wer dafür bezahlt, wird berücksichtigt“, sagt Graf, die über einen Standortwechsel nachdenkt, sollte sich die Lage nicht verbessern.

So weit will Heinz Rittberger von Seifen Lenz nicht gehen. Schließlich gibt es das traditionsreiche Haus in Stuttgart bereits seit 240 Jahren, seit 211 Jahren am heutigen Standort in der Esslinger Straße. Dennoch: „Der Lärm und der Dreck sind mehr als belastend“, sagt der Seniorchef. Zunächst will er das Weihnachtsgeschäft abwarten, bevor er ein endgültiges Urteil fällt, aber die Hoffnungen sind gering: „Wir können aufgrund des schmalen Gehwegs nicht einmal einen Aufsteller mit Servietten oder Kerzen vor unser Geschäft stellen.“ Angst und bange könne einem aus Sicht des erfahrenen Einzelhändlers angesichts der Tatsache werden, wenn vom kommenden Jahr an, wie von der Bauleitung angekündigt, die Breuninger-Unterführung in Richtung Marktplatz für die gesamte noch ausstehende Bauzeit geschlossen werden muss. Denn auf der Fläche der bisherigen Rotunde soll dann das neue Haus für Film und Medien entstehen. „Dann kommt gar niemand mehr ins Bohnenviertel“, sagt Rittberger und wirft die Idee eines Stegs über die Hauptstätter Straße als Verbindung zur Innenstadt in den Raum, die bereits im Bezirksbeirat Mitte und auch im Gemeinderat diskutiert wurde.

Bauliche Verbesserungen, wenn Breuninger-Unterführung schließt

Nicht zuletzt ist auch die Verkehrssituation schwierig. „Kunden können nicht mehr kurz halten, um große Bilder oder Rahmen auszuladen“, moniert Martin Rexer vom Kunsthaus Fischinger. Einige Lieferanten weigerten sich bereits, bestellte Waren zu bringen. Denn die Verkehrsführung bei der Anfahrt durch das Bohnenviertel ändere sich fast täglich. „Wir sind daher dazu übergegangen, Kunden als auch Waren in unsere Werkstatt im Stuttgarter Osten zu bestellen.“ Ein Zustand, den die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle, so nicht akzeptieren will: „Die Stadt kann nicht traditionsreiche, inhabergeführte Geschäfte sehenden Auges in den Ruin treiben lassen.“ Eine Baustelle über mehrere Monate hinweg sei vielleicht noch verkraftbar, aber angesichts von mehreren Jahren sorgt sie sich um den Einzelhandel im Bohnenviertel und sieht die Stadt in der Pflicht. Unter anderem solle das Versprechen von versenkbaren Pollern im Boden umgesetzt werden. Mit dem Abbau der Baustellen-Abschrankungen mit ihren breiten Fußständern wären die Gehwege statt teils gerade einmal 80 Zentimeter dann bis zu 1,80 Meter breit. Zudem kann sie sich vorstellen, dass die Autos komplett aus der Esslinger Straße genommen und nur noch die Busse mit maximal 20 Stundenkilometern durch den verkehrsberuhigten Bereich geleitet werden. Grundsätzlich müsse die Attraktivität gesteigert und eine Zugänglichkeit von der Innenstadt gesichert werden. Auch von der Wirtschaftsförderung komme nichts. Die Beschwerden seien massiv, aber es gebe keine Reaktion von der Stadt. Grundsätzlich würden in Stuttgart Einzelfälle nicht gezielt unterstützt, aber „wir benötigen in diesem Fall eine Ausnahmeregelung“, sagt Kienzle. Sonst könne man zusehen, wie auf der einen Seite ein schöner Neubau entsteht, während auf der anderen Seite die Geschäfte im Bohnenviertel dafür zugrunde gehen.