Patrick Matzenmiller und sein Mercedes CLA 45, AMG, Baujahr 2014. Foto: sichtlichmensch/Andy Reiner

Für manche ist die Zeit der Verbrenner vorbei. Für andere ist diese Diskussion weit weg. Patrick Matzenmiller, 25, schraubt in jeder freien Minute an seinem Mercedes CLA, Baujahr 2014.

Diesen Donnerstag sind die Dörfer des Donautals leer gefegt, zwischen zwei Orten drückt links ein Wald dicht an die Fahrbahn, rechts glänzt im Hochsommerlicht ein Schild im Maisfeld: „Woiza-Bierfeschd“. Es wirkt, als lebten nicht Menschen in dieser Gegend östlich von Sigmaringen, sondern Häuser und Autos. In Einfahrten parken Trecker und Kleinwagen, Fahrzeuge schlafen gut verpackt unter Planen. Die Höfe stehen wie Zuschauer entlang der Straßen, als wollten sie sehen, ob doch irgendwann wieder wer durchfährt. Zu Fuß kommt hier wohl kaum einer vorbei.

 

„Ach, hallo“ – Patrick Matzenmiller streckt den Kopf aus der Haustür. Also doch wer da. „Soll ich den CLA mal rausfahren?“ Eine Doppelhaushälfte in Mengen-Ennetach, rechts wohnen die Schwiegereltern, hinten im Garten hat Matzenmiller, gelernter Zimmermann, eine Holzterrasse mit Whirlpool und Ofenheizung selbst gebaut. Er ist 25, trägt das hellblonde Haar kurz rasiert über dem kreisrunden Gesicht. In Schlappen und Shorts geht er zum Garagentor, schließt auf und setzt sich in den schwarzen Sportwagen. Es ist ein Mercedes CLA 45 AMG, Baujahr 2014.

Mit dem Auto war es Liebe auf den ersten Blick

Wenn er rational sagen soll, warum dieses Auto, muss er überlegen. Warum diese Frage? Gut, wer auf den Tacho schaut, sieht gleich, wo bei anderen die 20 ist, steht hier schon die 100. Dann sagt Matzenmiller: „Viel Echtcarbon im Armaturenbrett, gute Verarbeitung, schön viel Platz, aber kein Schlachtschiff, viele Kanten, Drückleuchten, leicht rot, aber nicht zu rot, phänomenal gut, sportlich und elegant.“ Das mit ihm und dem CLA war aber nie rational. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und es ist Liebe im Bestand, seit sechs Jahren. Doch die Geschichte beginnt eigentlich viel früher.

Patrick Matzenmiller ist ein kleiner Junge und schiebt mit der Hand kleine Spielzeugautos über den Hof. Der Vater fährt nach Feierabend mit der Mercedes S-Klasse vor. Wie die Erwachsenen den Wagen lenken! Das muss das Größte sein. Ohne Auto kommst du in der Gegend nicht weit. Mit 16 kauft sich Matzenmiller vom gesparten Geld einen Peugeot Speedfight 3. Der Roller schenkt ihm Freiheit. Er kann rumdüsen, zum Kumpel, zur Tankstelle, an den Bauwagen.

Er schafft, um auf sein erstes eigenes Auto zu sparen

Der Freund der Mutter ist Motorradschrauber, er hat Ideen, was man an dem Roller machen könnte. Matzenmiller stellt mit seiner Hilfe den Vergaser ein, tauscht den Luftfilter und die Spiegel. Die neuen sind eckiger als die alten, und er wählt nur die Zugelassenen, also die mit einem E-Prüfzeichen. Auf den Roller klebt Matzenmiller eine Folie, jetzt ist er schwarzmatt und blau, ein Jahr später dann wieder ganz schwarz. So fängt das an. Matzenmiller merkt: Du kannst fast alles machen.

In den Ferien jobbt er in der Zimmerei seines Vaters. Er schafft, wenn andere in Urlaub fahren. Sparen will er auf sein erstes Auto. Es wird ein Seat Leon. Als Matzenmiller den Führerschein besteht, fährt er 100 000 Kilometer in einem dreiviertel Jahr. Es läuft. Und wie ein Jugendlicher, der zum ersten Mal ein Mädchen küsst, will er das wieder, möglichst auch mit anderen. Matzenmiller nimmt den Automarkt ins Visier.

Zuerst schaut er 2019 dann einen Audi RS3 an, der macht was her. Doch dann die erste große Enttäuschung: „Von innen hat er mir einfach nicht gefallen.“ Matzenmiller ist gefrustet. „Das Innere ist wichtig. Du sitzt doch die ganze Zeit drin und musst alles anlangen. Wenn dann das Lenkrad zu schnell abgegriffen ist, das ist doch nichts.“

Er will das Autohaus gerade wieder verlassen, als er in der hintersten Ecke ein anderes Auto sieht. Es ist ein schwarzer CLA 45 AMG. Matzenmiller geht nach hinten, sieht ein Schild am Fahrzeug: „Ich bin neu hier, sprich gerne den Verkäufer an, wenn du mehr über mich wissen willst.“ Er bittet darum, den Wagen in den Hof zu fahren. Dort öffnet er die Fahrertür und schaut nach innen, sieht das Armaturenbrett, die Sitze mit Alcantara. Da ist es um ihn geschehen.

Andere schauen bloß auf den Hubraum, er schaut aufs Heck

Es hilft nichts, als in den folgenden Tagen andere aus der Szene sagen, das sei kein richtiger AMG, also wohl nicht leistungsstark genug – wegen des Vierzylindermotors. Matzenmiller merkt beim Probefahren, er kommt supergut weg, er liegt toll in den Kurven, die ganze Straßenlage ist besser als bei den Achtzylindern, eben weil er weniger Kraft bewegen muss. Und: „Er ist untenrum definitiv schneller.“ Ist es nicht genau das, was man braucht? Matzenmiller muss nicht 300 fahren, so einer ist er nicht. Diese hochzylindrigen Diven gefallen anderen, aber „da kriege ich Schweißperlen“. Viele schauen bloß auf den Hubraum, Matzenmiller schaut aufs Heck: „Der CLA hat das schönste Heck von allen Mercedeswagen“.

Er kauft das Auto. Und eine fantastische Zeit beginnt. 2020 nach der Gesellenprüfung bleiben ihm vier Tage bis zum neuen Job, ein Kumpel schlägt vor: „Lass uns in dein Auto sitzen und einfach losfahren.“ Matzenmiller wirft das Campingzeug in den CLA, in wenigen Stunden sind sie am Gardasee, fahren nach Sirmione, Desenzano, legen das Handy weg – „der schönste Urlaub mit dem Auto“.

Die Zeit der Verbrenner ist vorbei, heißt es in den Städten. Aber Matzenmiller wäre mit dem Lastenrad ganz schön lang unterwegs ins Geschäft. Das wär mal was. Seine Autoliebe teilt er hier in Oberschwaben mit vielen anderen, bedauert, dass oft die Rede sei von den „bösen Tunern“. Er stellt fest, sie hätten keinen Platz, um sich zu treffen, würden kontrolliert und verscheucht. Dabei seien sie anders als Poser. „Die Tuner stecken ihre ganze freie Zeit ins Auto, das ist ihnen viel wert, sie würden nie rücksichtslos durch Städte rasen“, glaubt er.

2020 gründet Patrick Matzenmiller zusammen mit Freunden die BC Car Days auf dem Obi-Parkplatz in Biberach. Um den Tunern einen offiziellen Ort zu geben. Hier treffen sich zweimal im Jahr 3000 bis 4000 Fahrzeugliebhaber. Die Termine haben sich in der Szene fest etabliert, „für viele ist es ein Jahresziel, ihr Auto dafür herzurichten“, sagt Matzenmiller. Es kommen Tuner mit Oldtimern oder Rennwagen – alles vom Flügeltüren-Lupo bis zu hochgezüchteten Autos.

Jede Woche schrubbt er das geliebte Auto

Als Patrick Matzenmiller vor einigen Jahren seine spätere Frau kennenlernt, sagt er ihr gleich beim ersten Treffen: „Ich bin ein unkomplizierter Mensch, aber du musst wissen, dass ich mindestens einmal die Woche mein Auto wasche.“ Sie lacht, ja, ja, das passe schon. Den CLA nennt sie seine „erste Liebe“. Matzenmiller hat einen Ikea-Schrank voller Putzmittel für ihn. „Die Drei-Phasen-Wäsche“, sagt er. Das bedeutet: verschiedene Shampoos außen für den Lack, die Fenster, den Innenraum, Lederpflege, damit alles geschmeidig bleibt. Das Alcantara an den Sitzen halten viele für Wildleder. Muss man auch richtig pflegen.

Die Instandhaltung der Optik darf ruhig etwas kosten, nur dann wirkt sie auch. Andere geben eben zweihundert Euro für den Friseur aus. Selbst die Frau staunt, als ihr beim Putzen des Wintergartens der Scheibenreiniger ausgeht und sie sich den aus Matzenmillers Autopflegeschrank leiht: Alle Achtung, wie das glänzt!

Matzenmiller hat sich die Fahrgestellnummer seines Wagens auf den Arm tätowieren lassen. Foto: sichtlichmensch/Andy Reiner

Matzenmiller schraubt in seiner Freizeit viel an dem CLA rum. Die Schweller waren früher grau, jetzt sind sie schwarz. Die hinteren Scheiben hat er getönt, die Ansaugung verändert – für das sportlichere Geräusch beim Fahren. Sein Kennzeichenhalter ist einer mit Magneten, das sieht einfach eleganter aus. Dem Wagen flößt er mit der Zapfpistole nichts Billiges ein, nur das Beste. Er könnte Super tanken, entscheidet sich aber für Ultimate bei Aral – hat mehr Oktan, ergibt eine bessere Verbrennung. „Auf diese Weise verbraucht er weniger und verbrennt besser, das kommt am Ende gar nicht wirklich teurer, einen Cent vielleicht.“

Matzenmiller hat ein schrecklichen Unfall mit dem Wagen

Dann geschieht das Unvorstellbare. Als Matzenmiller nach der Arbeit heimfährt, fällt das ESP-Steuergerät aus. Er verliert die Kontrolle und prallt gegen eine Mauer. Wie durch ein Wunder steigt er Sekunden später unverletzt aus der Fahrertür. Doch leider ist er der einzige Unversehrte an dieser Unfallstelle. Es offenbart sich ein Bild der Verheerung. Im Abendlicht glänzt die zerstörte Motorhaube seines Wagens in Fragmenten. Es ist ein schrecklicher Anblick. Es tut weh, den CLA so zu sehen. Matzenmiller weißt sofort: das Auto ist reif für die Schrottpresse. Der Gutachter sagt: „Sei einfach froh, dass du heil raus gekommen bist.“ Patrick Matzenmiller stellt sein geliebtes Auto im Hof ab. Es zu verschrotten bringt er nicht übers Herz.

Vielleicht um sich abzulenken besorgt er sich einige Zeit später einen C63, einen echten Hingucker. „Ein C-Klasse 63er AMG, der ältere, der geilere, würden Kenner sagen“. Matzenmiller gelingt es, nicht mehr dauernd an den CLA zu denken. Viele staunen über seinen neuen Wagen. Nur die Frau merkt, dass ihm der alte trotzdem nicht aus dem Kopf geht. Ohne Matzenmiller etwas zu sagen, bringt sie einige seiner Kumpels und Bekannten aus der Autotunerszene dazu, sich des schrottreifen CLAs anzunehmen. Es gelingt ihnen innerhalb eines Jahres, den Wagen zu richten. Und eines Tages, die ganz große Überraschung: Der CLA ist ganz wie zuvor, ein Kumpel fährt ihn bei Matzenmiller vor die Haustür. So fühlt sich Liebe an.

Er tätowiert sich die Fahrgestellnummer auf den Arm

Matzenmiller schrubbt den CLA innen und außen, er schraubt an ihm rum wie eh und je und kann sein neues, altes Glück kaum fassen. Nur in dieser ungeahnten Neuauflage hat der C63 keinen Platz mehr. Matzenmiller studiert jetzt Eventmanagement. Als Student zwei AMGs zu fahren, das erscheint selbst ihm übertrieben. Eine verzwickte Lage, so zwischen zwei Wagen. Er will den C63 einem guten neuen Besitzer zuführen, einem, der ihn richtig pflegt. „Du kannst so viel kaputt machen, Warm-Kalt-Fahren zum Beispiel“. Allein die Vorstellung schmerzt Matzenmiller. Zum Glück kann er das Auto an einen anderen Liebhaber verkaufen.

Er wird auch den CLA wohl nicht bis zum Lebensende fahren können, das ist Matzenmiller schon klar. Doch der Wagen bleibt nah an seinem Herzen, er hat sich die Fahrgestellnummer groß auf den Arm tätowieren lassen – mit Baujahr, Kilowattzahl, selbst der Farbcode und die Sitze lassen sich ablesen. Das hatte Patrick Matzenmiller zuerst so ähnlich bei einem anderen Autoliebhaber gesehen, sagte damals lachend: „Alter, wie krank bist du eigentlich?“ Aber eigentlich dachte er: Das will ich auch.