Vor vier Jahren floh der ukrainische Autor Oleksandr Volodarskyi vor dem Krieg nach Stuttgart. Hier schreibt er weiter. Sein Traum: Seine Stücke auf einer deutschsprachigen Bühne.
Es dauert keine halbe Minute, da reißt Oleksandr Volodarskyi den ersten Witz. Der Fotograf solle ja darauf achten, dass seine schönen Haare im Bild seien, schließlich sei er gestern noch beim Friseur gewesen. Was angesichts seiner Glatze schon lustig ist.
Dass der 71-Jährige Spaß hat an der Pointe, am Wortwitz, am schnellen Pingpong-Spiel der Dialoge, das merkt man, obwohl die Übersetzerin Julia dazwischengeschaltet ist. Am Blitzen in den Augen, am verschmitzten Lächeln unter dem grauen Schnauzbart. Der Ukrainer, der seit der russischen Vollinvasion 2022 in Stuttgart wohnt, lernt Deutsch. Aber für einen, für den das Wort und seine Nuancen der Beruf ist, der viel schneller denkt, als die fremde Sprache hinterherkommt, geht das alles viel zu langsam. „Ich habe keine Angst zu sprechen – ich nehme Deutsch, Englisch, Ukrainisch, Russisch, und wenn es sein muss auch die Hände und die Füße“, sagt er. „Ich will, ich muss kommunizieren.“ Seine Frau Hanna, die mit ihm ins Familienzentrum Fabis in der Weimarstraße 1 im Stuttgarter Westen gekommen ist, lächelt wissend.
Leider geht es einem guten Menschen nicht überall besonders gut und einem schlechten nicht überall besonders schlecht.
Aphorismus von Oleksandr Volodarskyi
Oleksandr Volodarskyi ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker, Humorist, Satiriker. In den 1990er Jahren gab der Kiewer die erste unabhängige humoristische Zeitung der Ukraine heraus: „Blin“ – Pfannkuchen. Er schrieb Drehbücher fürs ukrainische Fernsehen, Bücher und Theaterstücke. Auch nach seiner Flucht schreibt er weiter. „Ich muss schreiben. Das ist, was ich tue.“
In der Sowjetunion ist Humor gefährlich
Geboren ist Oleksandr Volodarskyi, den seine Freunde Sascha nennen, 1954 in Kiew. Nach der Schule geht er zum Studieren nach Moskau, nichts Kreatives, ein technischer Studiengang. Schon da ist er aber Mitglied in einem Studententheater. Es sind die 1970er-Jahre, in der Sowjetunion ist Leonid Breschnew an der Macht, ein bisschen zu viel Spaß kann gefährlich sein. „Es herrschte Zensur“, erinnert der 71-Jährige sich zurück. Als die Studenten ein satirisches Stück aufführen, sitzt ein Vertreter des Staatsapparats im Publikum. Nur um ein Haar behalten sie ihren Studienplatz.
1977 fängt Volodarskyi in einer Kiewer Fabrik an, die Motorräder baut. Er heiratet, wird Vater eines Sohnes, Dmitrij. Aber er hat Sehnsucht nach dem Kreativen. Er schreibt humoristische Erzählungen, die er in Zeitungen veröffentlicht. Ende der 1980er Jahren geht er wieder nach Moskau, bekommt ein Stipendium und belegt Kurse an der Russischen Akademie für Theaterkunst, eine der ältesten und renommiertesten Schauspielschulen Russlands.
Inzwischen ist Michail Gorbatschow im Politbüro an der Macht, will mit Glasnost und Perestroika die verknöcherte, wirtschaftlich desolat dastehende Sowjetunion reformieren. Doch auch die alten Kräfte sind noch da: Als Oleksandr Volodarskyi einer Schauspielerin für ein Konzert im Kreml einen kritischen Monolog schreibt, wird die Aufführung in der letzten Minute aus dem Programm genommen. In Sowjetzeiten, sagt der 71-Jährige, habe man gelernt, in seine Witze doppelte Böden einzubauen, zweideutig zu schreiben: „Man las immer zwischen den Zeilen.“
Als die Sowjetunion zerfällt und die Ukraine 1991 unabhängig wird, befreit das auch den Humor. 1991 gründet Volodarskyi zusammen mit Mitstreitern „Blin“, die erste unabhängige humoristische Zeitung des Landes. „Da mussten wir uns erst einmal dran gewöhnen, dass man auf einmal alles schreiben kann – und die Leser auch.“ Eine Zeit des Aufbruchs. Ein Jahr zuvor hat Oleksandr Volodarskyi seine zweite Frau Hanna geheiratet, eine Architektin. Sie bekommen eine Tochter, Anastasia. Seit 36 Jahren sind die Volodarskyis verheiratet.
In dieser Zeit wird er auch gebeten, fürs ukrainische Fernsehen eine Satiresendung nach dem Vorbild der russischen „Puppets“ zu kreieren. Die Show, eine Art „Spitting Image“ oder „Les Guignols“ auf Russisch, mit Puppen, die Politiker verkörpern, reizte Wladimir Putin so, dass sie 2002 von den Bildschirmen verschwand. Die ukrainische Version hält sich nicht lange, sie wird schon nach sechs Episoden eingestellt.
Eine altersgemischte Ehe: Sie schreibt ihre Diplomarbeit, er sein Testament.
Aphorismus von Oleksandr Volodarskyi
Immer wieder bekommt Oleksandr Volodarskyi auch Angebote, für ukrainische Politiker zu schreiben, aber er lehnt ab. Lieber veröffentlicht er Glossen und humoristische Kolumnen in Zeitungen, schreibt Drehbücher fürs Fernsehen und Theaterstücke. In diesen Jahren läuft er in Kiews Kulturszene auch einigen talentierten jungen Schreibern über den Weg, die später für die Produktionsfirma eines gewissen Wolodymyr Selenskyi arbeiteten – damals noch der größte Comedystar der Ukraine, seit 2019 Präsident eines Landes, das heute um sein Überleben kämpft.
Es ist der 24. Februar 2022, als Putins Russland die gesamte Ukraine angreift. In dieser Nacht ändert sich alles. Auch für die Volodarskyis. Sie sitzen im Flur, möglichst weit weg von den Fenstern, während Kiew unter Beschuss steht. Um sich abzulenken, schreibt Oleksandr Volodarskyi auf Facebook humorvolle Miniaturen, kleine Betrachtungen aus einer Stadt im Krieg. „Eigentlich war das nur für mich selbst, um mir mit diesen vielen unterschiedlichen Emotionen zu helfen“, erinnert er sich. „Aber dann schrieben mir ganz viele Menschen, wie viel ihnen diese Textchen geholfen habe.“ Sein liebstes Genre, sagt der 71-Jährige, sei die Tragikomödie: „Weil es im Leben das eine nicht ohne das andere gibt.“
Der Hund musste nach Stuttgart
Und so ist auch die Fluchtgeschichte der Volodarskyis nicht ohne Komik: Hannas Schwester lebt seit 2017 in Stuttgart. Zur Zeit der russischen Vollinvasion ist ihr Hund Bastia bei den Volodarskyis in Kiew. „Der war wirklich sehr klug: Wenn wir zwischen den Angriffen kurz spazieren gingen, machte er immer sofort sein Geschäft“, erzählt der 71-Jährige. „Und danach sah er mich an, als wollte er sagen: Ich bin fertig, schnell, lass uns wieder reingehen.“
Am 3. März, zehn Tage nach der Vollinvasion, entscheiden sich die Volodarskyis, Kiew zu verlassen. „Mir schrieben Leute aus Frankreich und Italien: Kommt zu uns, wir haben eine Wohnung für euch.“ Aber der Hund muss zurück nach Stuttgart. Mit dem Bus geht es Richtung Westen. „Der Busfahrer wusste selbst nicht, wo seine Endstation ist“, erinnert sich Volodarskyi. An der Grenze kommt ein Soldat in den Bus, kontrolliert die Passagiere und kehrt dann mit einer riesigen Torte zurück. „Nehmt die, sagte er, uns wurden so viele Torten und Kuchen gebracht, dass sie bis zum Kriegsende reichen“, erzählt Volodarskyi. „Da wusste ich: Ein Land, das solche Menschen hat, kann man nicht kaputt machen.“
Erster Anlaufpunkt in Stuttgart: Die Schwester in Weilimdorf
Zunächst kommen die Volodarskyis bei Hannas Schwester in Weilimdorf unter. Drei Wochen bleiben sie dort, dann ziehen sie in eine Wohnung der Freien evangelischen Kirche im Stuttgarter Westen um. Eine Anlaufstelle für geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer ist das Familien-, Bildungs- und Kulturzentrum Fabis in der Weimarstraße. Im Sprachcafé treffen sich die Menschen, erzählen sich ihre Fluchtgeschichten, geben sich Tipps, erklären sich gegenseitig Mysterien der deutschen Mentalität – die Leidenschaft für Mülltrennung zum Beispiel. All diese Geschichten und Alltagsminiaturen inspirieren Oleksandr Volodarskyi zu „Syrniki für Beethoven“: Eine Tragikomödie in zwei Akten über eine junge Kiewerin, die bei einem Stuttgarter Musiker unterkommt. Eine szenische Lesung auf Ukrainisch gab es bereits, eine deutsche Übersetzung liegt inzwischen auch vor. In Kiew werden seine Stücke immer wieder gespielt, genauso wie in den USA oder Israel. Irgendwann – das ist sein Herzenswunsch – sollen sie auch auf Deutsch auf einer Stuttgarter Bühne aufgeführt werden.
Stuttgarts Hügel und Kastanienbäume erinnern ihn an seine Heimatstadt Kiew. Er hat hier Freunde gefunden, spielt beim TSV Makkabi Tischtennis, geht in die Synagoge und gibt im Familienzentrum Kindern Schachunterricht. Zusammen mit Hanna sieht er sich Ausstellungen in der Staatsgalerie und im Kunstmuseum an, geht in die Liederhalle zu Konzerten, ins Große Haus zur Oper oder ins Ballett. Und im Theaterhaus oder der tri-bühne schaut er sich auch Theaterstücke an – „ich verstehe nicht alles, aber den Rest denke ich mir dazu.“ Und er schreibt. Vergangenes Jahr ist sein fünftes Buch erschienen, das auch so heißt: „Das fünfte Buch“. Seine Ehefrau ist seine erste Leserin.
Erst später erweisen sich manche Schicksalsschläge als eigentliche Schicksalsküsse.
Aphorismus von Oleksandr Volodarskyi
Vier Mal waren die Volodarskyis seit ihrer Flucht daheim in Kiew, wo Volodarskyis Sohn und zwei seiner vier Enkel immer noch leben. Die Frage, die dem 71-Jährigen oft gestellt wird, ist schwer zu beantworten: Wollen er und seine Frau irgendwann dauerhaft in die Ukraine zurückkehren? „Was der Krieg einen lehrt, ist, nicht zu planen. Mehr als ein paar Tage im Voraus ist nicht drin. Wir sehen auch heute das Ende noch nicht.“
Der Hund übrigens, der die Volodarskyis damals nach Stuttgart führte, schlich ein paar Tage mit eingeklemmtem Schwanz und angelegten Ohren umher. Dann merkte er, dass in Weilimdorf keine Granaten fallen und entspannte sich. „So“, glaubt Oleksandr Volodarskyi, „wird es uns allen gehen - wenn Frieden ist.“