Er fährt nur 18 Stundenkilometer und ist noch auf die Hilfe eines menschlichen Operators angewiesen. Trotzdem hat der in Waiblingen autonom fahrende Mini-Elektrobus wichtige Erkenntnisse geliefert.
Dem Lasterfahrer geht es ganz offensichtlich nicht schnell genug. Er fährt dem winzigen Bus, der mit 18 Stundenkilometern durchs Gewerbegebiet zuckelt, dicht auf, wechselt schließlich auf die Gegenspur – woraufhin der selbstfahrende Bus eine Vollbremsung einlegt. Die Sensoren des Vehikels haben den Laster als mögliche Gefahr erkannt – und einige der Fahrgäste, die sich an den Haltegriffen festhalten, gucken sich etwas verdutzt um.
Seit Juli verkehrt die „Ameise“, ein selbstständig fahrender, elektrisch angetriebener Minibus, zwischen dem Waiblinger Bahnhof und dem Berufsbildungswerk im Industriegebiet Ameisenbühl. Das Projekt läuft offiziell noch bis Mitte des kommenden Jahres, aber die Busse selbst biegen auf die sprichwörtliche Zielgerade ein: Am 20. Dezember um 18.19 Uhr fährt die letzte Ameise in Waiblingen los. Anschließend werden die Beteiligten sich darauf konzentrieren, Daten auszuwerten und Berichte zu verfassen.
Bereits jetzt steht fest: Beim derzeitigen Stand der Technik macht es wenig Sinn, Geräte wie die Ameise einfach in Serie zu bauen und sie auf die Straßen Deutschlands loszulassen. Und auch wenn das Innere des kleinen Busses mit sechs Sitz- und ein paar Stehplätzen gar nicht nach Erprobungsträger aussieht, war die Ameise von Anfang an als Forschungsobjekt geplant. Entsprechend wurden die Fahrten der Ameise unter anderem durch die Hochschule Esslingen, die Uni Stuttgart, das Landratsamt und die Stadt Waiblingen sowie die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart begleitet.
Könnten autonome Busse Dörfer besser anbinden?
„Natürlich ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit ein wichtiger Punkt, bei dem die großen Datenmengen, die wir nun gewonnen haben, helfen werden“, erklärt der Projektsprecher Frank Ulmer. Er und seine Mitstreiter sehen im autonom fahrenden öffentlichen Personennahverkehr die Chance schlechthin, die deutschen Straßen zu entlasten und die dadurch frei werdenden Flächen anders, besser zu nutzen. Allerdings funktioniere das nur mit selbstfahrenden Bussen, erklärt Ulmer – nicht mit autonomen Pkw. „Sonst sitzen am Ende alle mit dem Laptop in ihren selbstfahrenden Autos im Stau, empfinden dies aber nicht mehr als Stress.“
Eine Vision der Macher: Autonome Busse könnten vor allem den ländlichen Raum besser anbinden und so beispielsweise Senioren oder Gehandicapte mobiler machen. Laut einer aktuellen Umfrage des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach sind es allerdings vor allem Ältere über 55, die vor dem Gedanken zurückschrecken, in ein fahrerloses Fahrzeug einzusteigen. Laut Ulmer hat sich das Klischee vom technikkritischen Senioren bei den Tests in Waiblingen aber deutlich seltener gezeigt.
Die Sensoren liefern extrem große Datenmengen
Tatsächlich hält die Ameise auf ihrer Fahrt immer wieder vor vermeintlichen oder echten Hindernissen an. Kreuzungen überfährt sie nur nach einem Okay des stets mitfahrenden menschlichen Bedieners. Alles kein Fehler, sondern eine Vorsichtsmaßnahme, erklärt der Projektleiter, Professor Ralf Wörner von der Hochschule Esslingen.
Dass es aber noch ein weiter Weg ist, bis Robotertaxis die Straßen befahren oder dadurch eine Entlastung spürbar ist, liegt auch an der technischen Infrastruktur. Um die gut zwei Kilometer lange Fahrt durchs Industriegebiet zu bewältigen, musste eigens ein mobiles 5G-Netz aufgebaut werden. „Vor allem die Bildsensoren liefern extreme Datenmengen“, erklärt Alois Widman von der Liechtensteiner Firma Globalmatix, die besagtes Netz aufgebaut hat. Die Strahlenbelastung, so versichert Widman, sei um Vielfaches geringer als bei den derzeit gängigen 4G-Anlagen.
Bleibt noch die Frage, wie die Hightech-Busse finanziert werden könnten. Ein Gedanke der Macher: Auch die riesigen Mengen von Daten, die bei den Fahrten erhoben werden, könnten eine Einnahmequelle darstellen. Wer sich für diese interessieren könnte und wie das Ganze datenschutzkonform ablaufen soll, steht aber noch in den Sternen.
Trotzdem ist man auch in der Landesregierung überzeugt, dass autonome E-Busse Zukunft haben: „Schließlich wollen wir den ÖPNV weiterentwickeln und die Möglichkeit schaffen, dass möglichst viele Menschen ihn nutzen können“, sagt Berthold Fries, Amtschef im Ministerium für Verkehr. Er zeigt sich angetan von dem Projekt – ob dieses oder mögliche Nachfolger wieder bezuschusst werden, müssten die Haushaltsberatungen zeigen. Fries nutzt den Besuch in Waiblingen zu einer Testfahrt. Zurück nach Stuttgart nimmt er dann den Dienstwagen – der fährt zwar noch mit Chauffeur, aber immerhin elektrisch.
Das Projekt Ameise
Fahrer
Derzeit fährt aus Sicherheitsgründen in der „Ameise“ ein sogenannter Operator mit. Die umgeschulten Busfahrer verfügen über eine Fernbedienung, mit der sie Hindernisse umfahren können und die Fahrt fortsetzen, wenn der Bus wegen eines Hindernisses oder einer Kreuzung angehalten hat. Sind Technik und gesetzliche Vorschriften soweit, könnten Bediener aber auch in Zentralen sitzen und – so die Vorstellung der Forscher – mehrere autonome Fahrzeuge gleichzeitig betreuen.
Kleinbus
Die „Ameise“ verfügt nicht über einen Fahrersitz, sondern über sechs Sitzplätze für Passagiere. Zudem finden einige Fahrgäste im Stehen Platz. Ein Monitor im Innenraum zeigt dem Personal, aber auch technisch interessierten Fahrgästen, welche Daten die vielen Sensoren des Fahrzeugs liefern. Die nächsten Fahrtermine der „Ameise“ sind am Montag und Dienstag, 28. und 29. November.