Mit der Spinnerei haben der Verein Kultur am Rande und sein Gründer Werner Bolzhauser einen Ort der Kreativität geschaffen. Ein Künstlerkollektiv führt die Arbeit weiter.
Der Verein Kultur am Rande und seine Spinnerei sind feste Größen in der Esslinger Kultur. Ob Theater, Literatur, bildende Kunst, Musik oder originelle Projekte aller Art – das kleine Haus am Rossneckar bietet einen reizvollen Rahmen für viele Facetten der Kreativität. Zwei Jahrzehnte lang war Kultur am Rande untrennbar mit dem Namen des unbändig aktiven und unerschöpflich einfallsreichen Kulturaktivisten Werner Bolzhauser verbunden – nach seinem Tod 2024 hing die Zukunft des Vereins und seiner Spinnerei zunächst am seidenen Faden. Nun führt das Künstlerkollektiv Die Versponnenen den Verein mit neuen Ideen und doch ganz im Sinne von Bolzhauser weiter. Dafür werden die früheren und die heutigen Macherinnen und Macher von Kultur am Rande am Sonntag mit dem Förderpreis „Frederick“ der Stiftung Esslinger Kulturpreis ausgezeichnet.
Der Schauspieler Gerhard Polacek, der zusammen mit Sabine Christiane Dotzer, Antonio Lallo, Marion Jeiter und Felix Jeiter Die Versponnenen aus der Taufe gehoben hat, ist Werner Bolzhauser seit einer kleinen Ewigkeit eng verbunden. Sie haben für eine starke Esslinger Kultur gekämpft und zusammen manches auf den Weg gebracht. „Werners Tod war ein Schock“, verrät Polacek. Doch für ihn und seine Mitstreiter war klar, dass sie Bolzhausers Erbe in Ehren halten und weiter pflegen wollen – einschließlich seiner Offenheit für immer neue Ideen. Und weil ihnen auch die Stadt hilfreich zur Seite stand, konnten Die Versponnenen den Verein und seine Spinnerei im Frühjahr 2025 neu beleben.
Seither hat sich viel getan. Die Spinnerei einschließlich des Theatersaals mit 25 Plätzen wurde einfallsreich aufgehübscht. Ein bunter Strauß von Kulturveranstaltungen jeder Couleur ließ das kleine Haus erblühen. Drei Pop-up-Wochenenden haben ausgelotet, was dort möglich ist. Gemeinsam mit vielen Gästen haben Die Versponnenen in einem dreitägigen Festival Facetten des Ankommens gezeigt. Bildende Künstler haben in der Spinnerei ihre Arbeiten präsentiert, auch bei „ES funkelt“ war man beteiligt.
Ein offener Ort für kreative Ideen
Für Andreas Roos und seinen Lyrik-Salon ist das einstige Fabrikationsgebäude wie zu Bolzhausers Zeiten eine künstlerische Heimat geblieben, die „Suppkultur“ fühlt sich dort zuhause, das Acoustic-Grunge-Duo Alice Pumpkin Pilots weiß die Möglichkeiten der Spinnerei zu schätzen. Und wenn Bands auftreten wollen, müssen sie nur ein Mitglied des Kollektivs begeistern, das die Organisation des Konzerts übernimmt. „Gage können wir leider nicht bezahlen, aber die Einnahmen gehen an die Künstler“, beschreibt Sabine Christiane Dotzer das Prinzip. Und Felix Jeiter ergänzt: „Wir sind keine Veranstalter, aber wir sind offen für alle, die einen Ort suchen, an dem sie ihre Projekte umsetzen können.“
Und schließlich ist das historische Gebäude ein Ort, an dem die kreativen Ideen und Projekte der Versponnenen gedeihen können. Jeder der fünf Künstlerinnen und Künstler kann sich dort perfekt entfalten, Zusammenarbeit wird großgeschrieben. So hat Felix Jeiter bei Gerhard Polaceks Solostück „Der Herr Karl“ Regie geführt, und wenn Antonio Lallo am 1. April um 19.30 Uhr die Premiere von „Adam und der Krug“ frei nach Heinrich von Kleist feiert, ist Marion Jeiter als Regisseurin mit dabei. „Solche Projekte sind für unser Kollektiv besonders reizvoll“, betont sie. „Einer hilft dem anderen, jeder gibt sein Bestes, und alle freuen sich über den Erfolg, auch wenn man selbst an einer Produktion gar nicht beteiligt sein sollte.“
Wer sich mit Gerhard Polacek, Sabine Christiane Dotzer, Antonio Lallo, Marion Jeiter und Felix Jeiter unterhält, der spürt sofort, dass Kultur am Rande und die Spinnerei Herzensangelegenheiten für die fünf Künstler sind. Das muss auch so sein, schließlich hat jeder seine eigenen Projekte in Schauspiel, Regie, Theaterpädagogik oder Musik. Und auch wenn der Terminkalender noch dichter gedrängt ist als ohnehin schon und auch wenn Kultur am Rande reines Ehrenamt ist, wollen die fünf Kreativen dieses Engagement nicht missen.
Förderung durch Stiftung Esslinger Kulturpreis
„Es ist ein großes Geschenk, einen solchen Ort zu haben, an dem man all seine Ideen und Visionen verwirklichen kann“, sagt Antonio Lallo. Das weiß man auch bei der Stiftung Esslinger Kulturpreis zu schätzen, die den Versponnenen am Sonntag, 29. März, um 11 Uhr in der Spinnerei ihren mit 3000 Euro dotierten Förderpreis „Frederick“ verleiht. „Für uns ist das eine ganz besondere Unterstützung – nicht nur finanziell, sondern auch ideell, weil dadurch unsere Arbeit gewürdigt wird und weil wir mit dem Preisgeld neue Projekte angehen können, die sonst für uns nicht finanzierbar wären“, sagt Gerhard Polacek. Und eines ist sicher: An Ideen wird es den Versponnenen auch in Zukunft nicht fehlen.
Kultur am Rande und seine Auszeichnung
Das Haus
Die denkmalgeschützte Spinnerei am Rande des Esslinger Lorch-Areals wurde 1620 erstmals urkundlich erwähnt und gilt heute als eines der ältesten noch existierenden Fabrikationsgebäude im Land. Der 2024 verstorbene Werner Bolzhauser und sein Verein Kultur am Rande hatten die Spinnerei 2005 zu einem lebendigen Ort der Kleinkunst gemacht – ihr Motto „Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt“ war stets Programm.
Die Auszeichnung
Der Esslinger Kulturpreis wurde 1987 von Renate Unkrodt auf den Weg gebracht und später als Stiftung etabliert. Ausgezeichnet werden Künstler, Kulturschaffende und Institutionen aller Sparten, deren Engagement Maßstäbe setzt und die sich durch Erfindungsreichtum und vorbildliche Arbeit auszeichnen. Damit soll ihre Arbeit gestärkt werden. Der Esslinger Kulturpreis wird jährlich verliehen, zuletzt an den Kulturförderer Heinz Weiler. Außerdem werden mit dem Förderpreis „Frederick“ Projekte von Esslinger Kulturschaffenden unterstützt, „die bedeutende kulturell schöpferische Leistungen erwarten lassen“.
Verleihung
Der Verein Kultur am Rande erhält den mit 3000 Euro dotierten Förderpreis am Sonntag, 29. März, um 11 Uhr in der Spinnerei (Maille 3 am Kommunalen Kino).