„Feierabendziegel“ heißt die nächste Ausstellung im Stadtmuseum Echterdingen, die an diesem Sonntag um 11 Uhr in der Zehntscheuer eröffnet wird.
Wer heute seinem Haus etwas Besonderes geben möchte, der macht eine möglichst große Glasfassade drumherum. Das ist inzwischen zwar nicht mehr originell, kündet aber je nach Größe von viel Wohlstand, auch was die Folgekosten solcher Glaswände betrifft.
Das Bedürfnis freilich, seinem eigenen Heim eine unverwechselbare Note zu geben, etwas Individuelles, das ist uralt, und das zeigt sich früh zum Beispiel durch Malerei an der Fassade, durch die Verwendung von teuren Materialien.
In der neuen Ausstellung im Stadtmuseum Echterdingen, die an diesem Sonntag um 11 Uhr in der Zehntscheuer eröffnet wird, geht es um Dachziegel. Die sind heute längst ein Massenprodukt, das sind sie auch schon seit gut 200 Jahren. Ein Massenprodukt freilich mit ordentlich Gewicht: Von einem Kilo pro Ziegel kann man ruhig ausgehen.
In der Ausstellung sind freilich die besonderen Ziegel zu sehen. In diese sind fromme Sprüche eingraviert, einfache bildliche Motive, die Reichtum, Gesundheit oder eine gute Ernte versprechen. Da sind auch etliche mit religiöser Motivik dabei oder solche, die dem Christentum entlehnt sind.
So gab es einst an vielen Häuser am Dachfirst zum Abschluss einen Wetterhahn. Hier aber haben anonym gebliebene Menschen Figuren aus Ton geformt. Die erinnern etwas an die fratzen- und dämonenhaften Gestalten an gotischen Kirchen. Aber hier in der Ausstellung sind es eben nicht möglichst perfekt empfundene Nachbildungen, sondern eigene Kreationen. Da schwingt auch viel Aberglaube und heidnische Kultur mit. Die Fratzen schauen da noch etwas grimmiger drein, die Gruselfiguren wirken noch unheimlicher.
300 Exemplare aus der Sammlung
„Feierabendziegel“ werden diese Arbeiten gerne genannt und so heißt auch die Ausstellung im Stadtmuseum Echterdingen. Aber das ist wohl eher ein romantischer Glaube, dass Handwerker, die in einem Zwölf-Stunden-Tag etwa 800 bis 1000 Ziegel geformt und aufs Dach ausgetragen haben, danach noch bildnerisch anspruchsvolle Ziegel geformt haben. Auch da werden Kompensationsgeschäfte die Basis gewesen sein.
Etwa 300 solcher Ziegel sind jetzt im Stadtmuseum aus der Sammlung von Tobias Reiff zu sehen, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert, darunter auch einer der wenigen Vor-Ort-Ziegel aus Echterdingen. Schon vor 25 Jahren hat Wolfgang Haug, der ehrenamtliche Leiter des Stadtmuseums, die Sammlung in das Haus gebracht. Und jetzt ist eben wieder die Zeit gekommen für eine neue Schau. „Es ist eben ein Großes Plus der Ausstellungen bei uns, wenn man möglichst nah bei den Exponaten sein kann“, so Haug, „solche Ausstellungen kommen besonders gut an“.
Und die einen oder anderen Moosrückstände an einigen Ziegeln geben auch Auskunft davon, wie mühsam die Sammelarbeit von Reiff war und ist. Reiff: „Heute findet man so gut wie keine uralt gedeckten Dächer mehr. Im zweiten Weltkrieg wurde viel zerstört, danach in den 1950er Jahren beim Wiederaufbau ebenso viel“. Reiff ist dazu unzählige Kilometer durch Dörfer und Städte gefahren stets mit dem geübten Blick dafür, ob dies noch ein uraltes Dach ist oder nicht und ob dies auch einen besonderen Ziegel hat. „Da ist es schon mal vorgekommen, dass ich 30 oder 40 Dörfer durchfahren bin ohne Erfolg“, erinnert sich Reiff.
Ein komplettes neues Dach wird im Stadtmuseum übrigens auch gedeckt. Reiff: „Da gibt es etwa 40 Ziegel mit Vögel- und Blumenmotiven, vor allem mit Tulpen, lange Zeit, die für Wohlstand sorgen sollten. Und daneben gibt es ein kleines gedecktes Dach mit farbigen Wellenbändern“. Real hat es die so vermutlich nie gegeben, aber als Idealvorstellung dürften die schon präsent gewesen sein.
Ausstellung bis 15. November. Geöffnet Sonntags 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr sowie um 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr sowie nach Vereinbarung. Die Eröffnung ist am Sonntag, dem 19. April um 11 Uhr in der Zehntscheuer. Es sprechen Oberbürgermeister Otto Ruppaner und der Sammler Tobias Reiff.