Auch Trainer Mustafa Ünal hat Fehler gemacht, doch in Summe verdient seine Arbeit bei den Stuttgarter Kickers großen Respekt. Sportdirektor Marc Stein steht auf dem Prüfstand und muss zeigen, dass in einer neuen Konstellation mehr herauszuholen ist, kommentiert Jürgen Frey.
Dass es in dieser Konstellation nicht weitergehen konnte, war schon länger klar. Von Trainer Mustafa Ünal und Sportdirektor Marc Stein hatte keiner verlangt, dass sie gemeinsam ihren Urlaub verbringen oder ein Bier trinken gehen, aber eine verlässliche Kommunikation, eine konstruktive und auch vertrauensvolle Zusammenarbeit im Sinne des Vereins muss zwischen den Schlüsselpersonen in einem leistungsorientierten Fußballclub möglich sein. War es aber nicht. Von Beginn an stimmte die Chemie nicht. Dass es bei den Stuttgarter Kickers lange Zeit so erfolgreich lief, glich fast einem Wunder, da solche atmosphärischen Störungen an einer Mannschaft im Normalfall nicht spurlos vorübergehen. Die Führungscrew um Präsident Rainer Lorz hätte mit deutlich mehr Entscheidungsfreudigkeit viel früher klare Kante zeigen müssen.
Nach dem verspielten Aufstieg ist die Trennung von Ünal die einfachere Lösung. Durch den Leistungsabfall nach der Winterpause und den verspielten Zehn-Punkte-Vorsprung auf den VfB Stuttgart II, lässt sich ein Trainerwechsel noch am ehesten plausibel verkaufen. Natürlich haben auch der Coach und sein Trainerteam (das in Yannick Dreyer und Jakob Braun wichtige Säulen verloren hatte) Fehler gemacht, aber was Ünal seit seinem Amtsantritt im September 2021 in Summe geleistet hat, verdient großen Respekt. Er passte mit seiner Nähe zum Verein, seiner Nähe zur Region nicht nur zu den Blauen, er hat den Verein mit dem WFV-Pokal-Sieg 2022, den DFB-Pokal-Highlights gegen die SpVgg Greuther Fürth und Eintracht Frankfurt sowie dem Regionalliga-Aufstieg 2023 auch wieder zu Erfolgen geführt – nach einer von Tiefschlägen geprägten Leidenszeit.
Die Mannschaft war nicht immer leicht zu führen, Ünal hat sie mit einer offenen, transparenten, konsequenten und ehrlichen Art zu einem schlagkräftigen Kollektiv geformt, bei dem auf der Zielgeraden der abgelaufenen Saison dann aber doch die im Konkurrenzvergleich nicht ausreichend ausgeprägte Qualität durchschlug. Die Mannschaft war nicht so gut, wie sie in der Hinserie eindrucksvoll auftrumpfte, sie war nicht so schlecht, wie sie sich nach der Winterpause mit teils blutleeren Auftritten ihrem Schicksal ergab. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Die Verantwortlichen um Stein müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, den Kader in der Winterpause nicht so verstärkt zu haben, damit man sich von Schlüsselspielern wie Kevin Dicklhuber oder Niklas Kolbe unabhängiger macht.
Der Sportdirektor wird nun mutmaßlich einen Trainer seines Vertrauens installieren, der Ünal nie war. Der Coach war schon da, als der Sportdirektor bei den Kickers einstieg. Darauf kann sich Stein nun nicht mehr berufen. Auch er steht mehr denn je auf dem Prüfstand und stark unter Druck – und muss zeigen, dass in der neuen Konstellation mehr herauszuholen ist. Noch mehr als die Vizemeisterschaft.