Der Historiker Volker Mall hat die Begegnungen von Überlebenden und ihren Nachkommen im KZ Hailfingen/Tailfingen dokumentiert. Geschichten, die beklemmen.
Es waren 601 Häftlinge, die vom November 1944 im KZ Hailfingen/Tailfingen bis Kriegsende Bäume rodeten, Schotter herstellten, Fliegerstraßen bauten und die Startbahn reparierten. Knapp zweihundert von ihnen starben. Der Historiker Volker Mall hat zusammen mit seinen Mitarbeitern des Vereins „Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen“ ein Buch veröffentlicht, in dem er die Begegnungen mit den Häftlingen und ihren Nachkommen schildert.
Es ist eine Sammlung mit teils rührenden, teils bestürzenden Geschichten. Bestürzend, was die jüdischen und griechischen Zwangsarbeiter dort erlebten, berührend die Begegnungen Jahrzehnte nach dem Krieg.
Der Häftling Israel Arbeiter war Vorsitzender des Vereins der Holocaust-Überlebenden in Boston. Er folgte im Jahr 2008 der Einladung in die KZ-Gedenkstätte: „Täglich mussten 15 bis 20 KZ-Häftlinge des Lagers Hailfingen/Tailfingen hier Steine brechen und mit Kipploren zu dem Schotterwerk bringen, das etwa 50 Meter von hier in unmittelbarer Nähe des Sees stand. Wir kämpften jeden Tag ums Überleben, von morgens bis abends“, berichtete er.
Der feine Faden des Schicksals
Einmal hatte ihn die voll beladene Lore an das Ufer des Wassers gedrängt. Er stemmte sich mit seinem schwachen Körper vergeblich dagegen. „Ich sah mich vor der Wahl, entweder mit der Lore ins eiskalte Wasser gedrückt zu werden und zu ertrinken oder aus Strafe erschossen zu werden. Lange Zeit zum Überlegen blieb nicht, dann kippten die Steine ins Wasser. Eine angsterfüllte Weile verging, aber es passierte nichts, die befürchtete Strafe blieb aus. Der feine Faden, an dem das Schicksal hing, hatte nochmals standgehalten.“
Zu lesen ist auch über die Barmherzigkeit der Anwohner. Etwa die Bäuerin Irmgard von Neurath, die Zwangsarbeiter auf ihren Hof holte, wo sie den Krieg überstanden.
Schicksale und Begegnungen
Der Verein KZ Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen hat nicht nur das Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter dokumentiert, sondern auch Begegnungen ermöglicht. Damit hat er den zutiefst traumatisierten Menschen geholfen, mit der Vergangenheit umzugehen. Der Franzose Robert Wald, dessen Vater Alfred Wald am 12. Dezember 1944 in Tailfingen/Hailfingen umgekommen war, beschreibt ein Treffen der ehemaligen Häftlinge im Sommer 2008:
„Diese Männer begegnen sich wieder, für einige nach 65 Jahren des Schweigens. Ich bin der ergriffene Zeuge ihres Wiedersehens. Mordechai erkennt Simon wieder. Sie waren damals 20 Jahre alt. Ihre alten Hände halten sich. Ihre Augen sind zart und verschleiert von Tränen. Aus ihren zugeschnürten Kehlen kommen einige jiddische Wörter. Sie haben gelitten, viel ausgehalten. Sie sind der Hölle entkommen. Heute umarmen sie sich. Plötzlich halten sie einander fest, wie sie es früher im Lager getan haben, um zu überleben. Mit langsamen Schritten entfernen sie sich, um einfach allein zu sein.“
Volker Mall hat zusammen mit seinen Mitarbeitern nicht nur mit zähem Willen eine Gedenkstätte erschaffen, sondern mit seinem Buch einen Fundus erzeugt, der die Geschichte des KZ aufrecht erhält. Jetzt wo die allerletzten Zeugen der Nazi-Verbrechen bald gestorben sind, werden Bücher wie dieses umso wichtiger.
Auch wenn Volker Mall langsam seine wissenschaftlichen Arbeiten abschließt, die Arbeit des Vereins geht weiter: Am 29. Juni wird um 13.30 Uhr an der Gedenkstätte des KZ Hailfingen/Tailfingen ein Gedenkstein für 75 neben der Startbahn verscharrte Opfer eingeweiht.
Worte des Erinnerns
Buch
Volker Mall: Begegnungen und Besuche 2005 bis 2025: in der KZ Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen. In: Schriftenreihe der KZ Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen. Herrenberg 2025. 40 Seiten, 16 Euro.