Nach mehreren Anschlägen mit Autos steht jedes Fest auf dem Prüfstand. In Stuttgart arbeiten Stadt und Veranstalter eng zusammen. Ein Platz bereitet Sorgen.
Das Henkersfest hat im vergangenen Jahr seine 30. Auflage in der Innenstadt auf dem Wilhelmsplatz gefeiert. Dass es die letzte Feier dieser Art an dieser Stelle sein würde, hätte Mitbegründer Michael Helmstädter damals wohl nicht gedacht. „Wir müssen das Fest verlegen“, sagt er jetzt. Nicht weit, immerhin. „Wir ziehen hundert Meter weiter in die Altstadt“, so Helmstädter.
Der Grund sind Sicherheitsbedenken. Nach zahlreichen Anschlägen zuletzt in Deutschland und darüber hinaus steht praktisch jede Veranstaltung unter besonderer Prüfung. Dabei gilt das Augenmerk vor allem der Abschirmung gegenüber Angriffen mit Fahrzeugen. Ein wirksamer Schutz davor ist auf dem nach drei Seiten offenen Wilhelmsplatz offenbar nicht möglich. „Unser Bestreben ist, dass alle Veranstaltungen stattfinden können“, sagt der Ordnungsbürgermeister Clemens Maier (Freie Wähler). Es gelte in Stuttgart der „Grundsatz der Ermöglichung“, weil man der Meinung sei, dass die Feste einen hohen Stellenwert für die Gesellschaft und deren Zusammenhalt haben.
Daher gehe man alle Rahmenbedingungen mit den Veranstaltenden durch und suche gemeinsam nach Lösungen. Stuttgart bewerte jede Veranstaltung aufgrund einer Handreichung der Polizei. Das sei ein großer Aufwand für das Ordnungsamt und die Organisationsteams der Feste. „Eines ist mir wichtig: Die klare Haltung der Stadt ist, dass Schutz vor Terror keine Aufgabe der Veranstalter ist“, betont der Bürgermeister. Sprich: Stuttgart zahlt für die Schutzmaßnahmen. Poller kaufen, mieten, lagern, transportieren und aufstellen, all das ist in Maiers Wertesystem nichts, was die Veranstaltenden belasten soll.
Was der Umzug für das Henkersfest bedeutet
Das Ergebnis der Beratungen am Wilhelmsplatz ist ernüchternd: „Man kann den Platz nicht sicher machen“, fasst Helmstädter mehrere Ortsbegehungen mit der Stadt zusammen. Das betrifft auch eine Veranstaltung bereits an diesem Samstag: Der Flohmarkt tagsüber kann stattfinden, die anschließend geplante Livemusik muss entfallen. Für sie gilt eine höhere Gefährdungseinschätzung als für Märkte.
Dem Umzug des Henkersfests kann er aber durchaus positive Seiten abgewinnen. Die nächste Ausgabe vom 30. Juli bis zum 2. August firmiert nun unter dem Namen „Henkersfest downtown“ und bietet neue Möglichkeiten. „Wir werden zwei Bühnen statt einer haben, außerdem eine Lounge-Ecke für ein jüngeres Publikum.“ Mit der Veranstaltung könne man zudem den Wandel der Altstadt unterstützen. „Wir müssen uns den neuen Zeiten anpassen“, so der Veranstalter. Das Miteinander mit der Stadt sei sehr gelungen.
Ähnlich positive Worte kommen auch von diversen anderen kleineren Veranstaltern in Stuttgart. Gerade die Vereine, die Feste auf die Beine stellen, stoßen angesichts der Sicherheitsherausforderungen oftmals an Grenzen – auch finanziell. „Wir sind da immer auf Kante genäht. Der erhöhte Aufwand für die Sicherheit kostet uns und die Teilnehmer Geld“, sagt Thomas Rodens vom HGV Bohnenviertel, der das überaus beliebte Bohnenviertelfest organisiert. Trotz aller Herausforderungen wird es auch in diesem Jahr stattfinden, vom 24. bis 26. Juli. „Die Stadt hat uns sehr gut beraten und unterstützt uns, indem sie einen Teil der Sicherheitsmaßnahmen übernimmt“, so Rodens. Dennoch dürften sich die Mehrkosten im Vergleich zu Festen vor einigen Jahren in fünfstelliger Höhe bewegen.
Das gilt auch für andere Veranstaltungen wie das Marienplatzfest. Vom 17. bis 20. Juli soll sicher gefeiert werden. „Die Stadt kümmert sich und übernimmt die Kosten, etwa für Poller“, sagt Reiner Bocka vom Verein Marienplatzfest.
Komplizierter wird die Sache bei Umzügen. Das hat schon die Faschingszeit gezeigt, als Straßen mit quer gestellten Lkw oder Polizeifahrzeugen dicht gemacht worden sind. Besonders schwierig stellen sich die Überlegungen für den Volksfestumzug dar. Der ist zwar erst Ende September, doch der Cannstatter Volksfestverein, Stadt, Polizei und andere Akteure diskutieren bereits. Ein schlüssiges Konzept liege noch nicht vor, sagt Vorstandsmitglied und Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler. Bei der Länge der Umzugsstrecke sei das auch schwierig: „Da bräuchte man schon fast eine hauseigene Pollerfabrik.“ Bis in einigen Wochen will man weiter sein. Auch die Parade des CSD werde man schützen und stattfinden lassen, sagt der Ordnungsbürgermeister Maier – eventuell müsste die Strecke angepasst werden.
Wie sieht das Innenministerium das Thema?
Stuttgart bewerte jede Veranstaltung aufgrund einer Handreichung der Polizei. Doch das ganze Thema hat für Maier auch noch eine politische Komponente. „Nicht jede Stadt ist personell und finanziell so aufgestellt wie Stuttgart“, sagt er. Er sehe das Land in der Pflicht – denn Terror sei nichts, was in den Kommunen seinen Ursprung habe, sondern höhere Gewalt. Aber das Innenministerium habe auf eine Anfrage aus dem Landtag klargestellt, dass die Verantwortung für die Gefahrenabwehr bei den Veranstaltern liege. Er hoffe auf eine Änderung, sagt Maier.
Ein Warnschuss auf den Fildern
Sozusagen einen Warnschuss hat es für das Krautfest in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) gegeben. Ein Autofahrer hatte seinen Wagen im Oktober 2024 in die gesperrte Hauptstraße gesteuert und dabei eine 80-jährige Fußgängerin angefahren. Anschließend setzte er seine Fahrt fort, wendete und fuhr in einer Seitenstraße davon. Der Mann konnte zunächst unerkannt entkommen – erst später wurde ein 73-Jähriger ermittelt. Inzwischen soll er seinen Führerschein los sein.
Was hätte er sonst noch alles anrichten können – und wie wird das künftig verhindert? „Auch für das Krautfest 2025 wird es ein Gespräch der am Sicherheitskonzept Beteiligten geben, um das Konzept an die neuen Anforderungen anzupassen“, sagt Stadtsprecher Thomas Krämer. Man habe 2024 Zufahrtssperren angebracht, „die Überfahr-Taten verhindern sollen“. Gleichzeitig sei aber auch an entscheidenden Stellen an Zufahrtsmöglichkeiten für die Rettungskräfte gedacht worden. Dort habe man spezielle Sperrmittel und Sicherheitspersonal eingesetzt. Der Vorfall habe sich „im Zeitraum der Schließung der Zufahrtssperren“ abgespielt. Zu dieser Zeit habe allerdings noch kein Festbetrieb stattgefunden. Ein glücklicher Umstand.