Einmal darf sich Stuttgart noch als Gastgeber bei der Fußball-EM 2024 präsentieren. Was denkt man eigentlich (bislang) im Ausland über die Schwabenmetropole?
Wiederholt sich das Sommermärchen aus dem Jahr 2006? Vor 18 Jahren hatte Deutschland die Weltmeisterschaft ausgerichtet, das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ wurde – mit tatkräftiger Unterstützung der Bevölkerung – mit Leben gefüllt. Zwar war die Hoffnung groß, dieses Szenario möge sich bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 wiederholen. Dass die Euphorie vom Rasen auf die Ränge, und dann auch in die Innenstädte schwappen würde – garantiert war das vor dem Turnier nicht.
Inzwischen ist klar: Man hätte den Slogan von 2006 wohl recyclen können – auch wenn nicht die Welt, sondern ‚nur’ Europa zu Gast ist. Perfekt ist die EM sicherlich nicht, aber an vielen Tagen werden in den zehn deutschen Städten, die die EM ausrichten, die deutschen Gastgeber-Qualitäten offenbar. Auch in Stuttgart.
Stuttgarter Geschichte und Architektur: für den Briten außergewöhnlich
Der britische Reporter Michael Timbs hat der Landeshauptstadt unlängst ein Zeugnis ausgestellt, das jedem Schwaben das Herz höher schlagen lassen dürfte. Timbs begleitet für den Sender Fox die EM in Deutschland – unter anderem mit einem Social-Media-Tagebuch. Dafür kam er auch nach Stuttgart.
Dass das Wetter an dem Tag nahezu perfekt war, war für den Journalisten nur ein Grund eine Lobeshymne anzustimmen. Die sang er auch auf Stuttgarts Geschichte und Architektur, zum Beispiel über die Königsbau Passage. Das kulinarische Highlight stellt für den Briten die lokale Spezialität „deutsche Ravioli“ dar – Maultaschen. Einige Ortskundige erklärten ihm bereitwillig die Geschichte des „versteckten Fleischs“.
Mit Blick aus dem Neuen Schloss auf die Fanmeile auf dem Schlossplatz kam bei Timbs gar „royale Stimmung“ auf. Am Ende des Spieltages kam er zu dem Schluss, die Landeshauptstadt sei die „perfekte Gastgeberstadt für die EM“.
Lob hin, Lob her. Eines wird auch den ausländischen Fans bei dieser EM klar: der deutsche Nahverkehr ist schlecht – viel schlechter jedenfalls als viele erwartet haben. Besonders sein Fett weg, bekam dabei Gelsenkirchen. Beklagt wurden dort unter anderem mangelnde Kapazitäten beim ÖPNV. Das Erscheinungsbild der Stadt im Ruhrpott verleitete den Engländer Paul Brown gar dazu sie als „Drecksloch“ zu bezeichnen.
Ganz so schlimm wie in Gelsenkirchen scheint die Situation in Stuttgart aus Sicht der Gäste nicht zu sein. Zumindest suggerieren das Videos im Netz. Dort sind gut besuchte Stadtbahnen zu sehen, im Fall von Renzo aus Italien unterlegt mit stimmungsvollen Gitarrenmelodien.
@renzo19vincenzo ♬ sunet original - un om pierdut
Zusätzlich zu den kulinarischen Spezialitäten, schätzen die ausländischen Schlachtenbummler offenbar auch das kulturelle Angebot in Stuttgart: Nach ausreichend Bier und Brezeln blieb zwei amerikanischen Fußballbloggern vor dem Stadionbesuch offenbar noch Zeit für einen Abstecher im Mercedes-Benz-Museum. Ihr Urteil: „Stuttgart war eine Wucht.“
Wie die amerikanischen Fußballblogger reisten auch belgische Gäste für das Spiel am 26. Juni an. Eine Gruppe junger Belgier genossen eine andere Facette kulturellen Lebens und feierten am Vorabend im La Concha. „Es wird so viel darüber geredet, wie schlecht es um Europa und die EU bestellt ist“, meinte ein junger Belgier, und seine Freunde nicken. „Aber hier in Stuttgart und überhaupt bei der EM sieht man, dass Europa eine tolle Sache ist.“ Alle seien friedlich, überall werde gefeiert. „Die EM ist ein unglaubliches Erlebnis für uns alle.“
Wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten – auch im Fall von Stuttgart? Die schottische Zeitung Daily Record hatte durchaus etwas zu kritteln, was aber weniger mit der Kesselstadt an sich zu tun hatte. Sie monierte mangelnde Ausstattung und Größe der Fanmeilen in Stuttgart. Besonders stieß den Reportern auf, dass auf dem Schlossplatz – der Fanzone mit der größten Kapazität – am Tag des Schottlandspiels in Stuttgart (0:1 gegen Ungarn) das Parallelspiel Deutschland gegen Schweiz übertragen wurde. Daher mussten die schottischen Fans in den wesentlich kleineren Stadtgarten ausweichen.
Die Zeitung schrieb davon, dass die schottischen Anhänger auf unattraktive Plätze innerhalb der Stadt „verbannt“ worden seien. Der schottische Fan Craig Anderson bezeichnete die Organisation der Faninfstrastruktur in Stuttgart als „Chaos“ und „Trümmerhaufen“.
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Letztlich – und das dürften viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter auch so empfunden haben – tat das Drumherum der Stimmung der „Tartan Army“ (zu deutsch: Schottenmuster-Armee) keinen Abbruch. Über die schwäbische Landeshauptstadt hatten die Gäste von den britischen Inseln nur Gutes zu erzählen. Beispiel gefällig?
In der Marshall Bar in Stuttgart hatten sich am Spieltag gleich mehrere Gruppen von schottischen Fans versammelt, ausnahmslos Männer, alle in Kilt, und alle mit reichlich Bier auf den Tischen. Er habe Stuttgart vorher nur dem Namen nach gekannt, sei aber total begeistert, erzählt ein junger Schotte. „Die Leute hier sind ganz anders, als man es von Deutschen erwartet - alle sind unglaublich nett und fröhlich.“ Einigen gefiel es in der Landeshauptstadt wohl so gut, dass sie sogar ein bisschen schwäbische Redensart mit nach Hause nahmen.
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Eine Möglichkeit hat Stuttgart noch, sich bei der EM als hervorragende Gastgeberstadt zu präsentieren. An diesem Freitag um 18 Uhr steigt das Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Spanien. Wie die Gäste von der iberischen Halbinsel Stuttgart in Erinnerung behalten, dürfte vermutlich auch vom Ausgang der Partie abhängen ...