In „Prange – Man ist ja Nachbar“ spielt Bjarne Mädel einen muffeligen Mietshausbewohner, der sich in eine Paketbotin schockverliebt. Was reizt ihn an einer solchen Figur?
Bjarne Mädel sieht bei sich selbst durchaus Gemeinsamkeiten mit der Titelfigur der tragikomischen ARD-Romanze „Prange – Man ist ja Nachbar“, wie er im Interview verrät. Und er sagt, warum Serienrollen auch ein Fluch sein können.
Herr Mädel, Ralf Prange, der Titel-Antiheld des gleichnamigen Films, ist ein spießiger Kleinbürger mit großem Empörungspotenzial. Würden Sie zustimmen, dass gerade Ihre Serienfiguren von „Stromberg“ über „Der kleine Mann“ und „Mord mit Aussicht“ bis zu „Tatortreiniger“ oft nicht auf Anhieb sympathisch sind und sich die Zuneigung des Publikums daher erst erarbeiten müssen?
Nicht ganz. Diese genannten Rollen sind im ersten Eindruck vielleicht nicht besonders attraktiv, aber sie sind bei aller Unterschiedlichkeit auch keine „fiesen“ Charaktere. Sie eint, dass sie alle ehrlich sind; sie sagen, was sie denken. Sie haben also nichts Falsches oder Berechnendes in ihrem Verhalten, sie sind weder rücksichtslos noch arrogant.
Figuren, die mit sich kämpfen – das mag Bjarne Mädel
Sind das die schönsten Rollen für einen Schauspieler, weil sie Ecken und Kanten haben, weil sie authentisch sind und viel mehr Spielmaterial bieten als zum Beispiel ein TV-Kommissar?
Ja, völlig richtig. Am meisten reizen mich Figuren, die mit sich oder ihrer Ungeschicklichkeit zu kämpfen haben. Man braucht zum Spielen Widerstände, und wenn die schon in der Rolle selbst angelegt sind, gibt das den Figuren Tiefe und oft auch eine schöne Komik; vorausgesetzt, das ist im jeweiligen Fall auch gewünscht. Kommissare können allerdings durchaus mehr zu bieten haben als die reine Polizeiarbeit. Kommissar Sörensen zum Beispiel, den ich in zwei Filmen für den NDR spielen durfte, hatte in dieser Hinsicht mit seiner Angststörung einiges zu bieten.
Was ist dieser Prange für ein Typ, was ist Bjarne Mädel für ein Typ – und was sind die größten Unterschiede beziehungsweise die größten Parallelen zwischen den beiden?
Ralf Prange ist ein einsamer, hausmeisterlicher, eigentlich sehr scheuer Mann, ein pöbelnder, liebenswerter Prinzipienreiter mit einer Vorliebe für weiche Dinge wie etwa Schaumtapeten und Hausschuhe aus Cord. Was Bjarne Mädel für ein Typ ist, kann ich selber schwer sagen. Er hat mit Prange gemeinsam, dass er ebenfalls in Hamburg geboren ist und Empathie auch ihm nicht fremd ist. Die beiden sehen sich irgendwie schon auch ein bisschen ähnlich.
„Prange – Man ist ja Nachbar“ ist die Verfilmung eines Romans von Andreas Altenburg. Kannten Sie das Buch, haben Sie womöglich schon bei der Lektüre gedacht: Das ist eine Rolle für mich, die will ich unbedingt spielen?
Ich habe den Roman von Andreas bekommen, als klar war, dass Lars Jessen ihn verfilmen würde und ich die Hauptrolle spielen sollte, daher habe ich das Buch erst mit dieser Option und mit großem Vergnügen gelesen.
Altenburg hat in einem Interview verraten, dass er Sie bereits vor Augen hatte, als er das Buch schrieb. Wussten Sie das?
Ist das so? Ich bin davon ausgegangen, dass er den Roman zunächst mit anderen Vorbildern im Kopf geschrieben hat und ich erst ins Spiel kam, als die Frage aufkam, wer den Prange denn spielen könnte. Aber ich frag’ ihn das mal. Moment, das würde ja dann auch heißen, dass er mich quasi „benutzt“ hat … vielleicht schuldet er mir da noch Geld … Ich krieg das raus!
Die ARD kündigt „Prange“ als weihnachtliche Romanze an. Das stimmt natürlich, aber ist es nicht viel mehr eine Geschichte über ganz alltägliche Ereignisse, die selten einen Film dominieren, weil sie so banal wirken?
Ja. Ein Film über die kleinen Dinge und die großen Gefühle.
Gerade das Fernsehen neigt zu einer gewissen Fantasielosigkeit, wenn es um Besetzungen geht. Wie schwierig war es damals für Sie, der „Stromberg“-Schublade zu entkommen?
Das ist in der Tat der „Fluch“ von Serienrollen. Man muss da jedes Mal ein wenig strampeln, um nicht auf einer von ihnen hängen zu bleiben.
Jetzt sind Sie für den Kinofilm ein weiteres Mal in die Rolle von Berthold „Ernie“ Heisterkamp geschlüpft. Mit großer Begeisterung oder gemischten Gefühlen?
Ich fand die Herausforderung, mir den Ernie nach zehn Jahren Pause noch mal anzuziehen, wirklich toll. Es war sehr spannend, eine nun „erwachsene“ Version des neurotischen Heisterkamps zu kreieren. Und der Dreh mit den ganzen Graupen von damals vor und hinter der „Doku“-Kamera war 28 Tage lang ein Fest.
Die schwierigste Frage zum Schluss: Können Sie sich Ihren Erfolg erklären? Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich denke mal, es muss am Ende wahrscheinlich mein gutes Aussehen sein. Oder einfach das Glück, dass ich immer wieder mit wirklich tollen Leuten zusammenarbeiten darf. Und natürlich, dass ich immer meinen Text kann.
Es gibt noch einen zweiten „Prange“-Roman. Wartet der NDR erst mal ab, wie der erste Film ankommt, oder gibt’s schon Signale für eine Fortsetzung?
Sehr gute Frage, weil tatsächlich beides stimmt: Es gibt Überlegungen und sogar vorsichtige Signale.
Vielfach preisgekrönt: Bjarne Mädel
Erfolg
Bjarne Mädel (57), geboren und aufgewachsen in Hamburg, hat in den letzten 15 Jahren Dutzende Auszeichnungen erhalten, darunter gleich zwei Grimme-Preise für die NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ (2012/13). Mädel stand nach seinem Schauspielstudium an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen erst mal einige Jahre in Rostock und Hamburg auf der Bühne. Bekannt wurde er durch die vielfach ausgezeichnete Pro-Sieben-Serie „Stromberg“. Es folgten weitere Hauptrollen in Serien wie „Mord mit Aussicht“ und „Der kleine Mann“ sowie ein weiterer Grimme-Preis für „How to Sell Drugs Online (Fast)“ (2020). 2022 bekam er den wichtigsten deutschen Fernsehpreis gleich dreimal: als Hauptdarsteller des Films „Geliefert“ sowie als Hauptdarsteller und Regisseur des Krimidramas „Sörensen hat Angst“.
Termin
Die ARD zeigt Lars Jessens Tragikomödie „Prange – Man ist ja Nachbar“ am Mittwoch, 10. Dezember, um 20.15 Uhr; in der ARD-Mediathek ist der Film schon abrufbar.