Mit 120 000 Ziegeln wurde die Holzdachkonstruktion mitsamt dem 21 Meter hohen Turm der Rapunzelwelt in Legau bedeckt. Foto: Markus Guhl

So zeitgemäß sieht ökologische Architektur aus: ein Rundgang durchs preisgekrönte Rapunzel-Gebäude, entworfen von haascookzemmrich STUDIO 2050. Die Stuttgarter Architekten planen derzeit auch für Stuttgarts Innenstadt wichtige Gebäude.

Zuerst der Schreck, die Adresse führt zu einem wenig einladend aussehenden flachsgelben Fabrikgebäude, das kann es doch nicht sein! Wer ein paar Meter weiter geht, entdeckt es dann doch und staunt über ein schnittiges, elegantes Gebäude mit tief hinunter gezogenem Dach und einem feinen Schindelkleid. So zeitgemäß und lässig schaut also gebaute Ökologie aus.

 

Und nicht nur die Architekturkenner, die den Stuttgarter Architekten haascookzemmrich STUDIO 2050 und dem Bauherren, Rapunzelgründer Joseph Wilhelm, schon mehrere Auszeichnungen verliehen haben, schätzen das Haus. Sondern auch die Leute in Legau im Allgäu. Wenn der größte Arbeitgeber vor Ort sich neben der Fabrik ein Gebäude mit Besucherzentrum leistet und damit weitere 50 Arbeitsplätze schafft, denkt man womöglich an eine Visitenkarte, welche die Firmenwerte architektonisch ausweisen. Aber nicht daran, dass das Gebäude in den Ort hineinwirkt.

Das Gebäude wird fast rund um die Uhr bespielt

Das tut es aber, auch an dem Vormittag, an dem der Architekt zu einer Privatführung eingeladen hat. Es sitzen in der Cafeteria jede Menge Menschen, Paare, Familien, Mutter-Kind-Gruppen, eine Schulklasse frühstückt an einem langen Tisch. Röstaromen liegen in der Luft. Heiterkeit, Stimmengewirr, Tellerklappern, manche stehen bewundernd vor der hölzernen Wendeltreppe, andere schauen durch die Glasfenster in die kleine Manufaktur, wo ein Mitarbeiter die Kaffeeprodukte des Unternehmens einpackt.

Auch am Abend ist etwas los, wenn Seminare stattfinden. Und am Wochenende. Legau hat nun nämlich auch eine Disco, die findet sich im Untergeschoss des Gebäudes. Man entwirft ein Gebäude und alle fühlen sich wohl, das dürften sich viele Architekten wünschen, erst recht, wenn sie mit einer komplexen Bauaufgabe betraut werden und es mit einem selbstbewussten Bauherren zu tun haben.

Nachdem das von Martin Haas, David Cook und Stephan Zemmrich gegründete Stuttgarter Büro haascookzemmrich STUDIO 2050 für Alnatura in Darmstadt ein Gebäude mit Lehm als Baustoff geplant hatte, kam der Gründer der Firma Rapunzel mit dem Wunsch nach einem Besucherzentrum auf das Architekturbüro zu. 2018 begann die Planung, Ende 2022 wurde die Eröffnung gefeiert.

Martin Haas sagt: „Wir haben gemeinsam eine Balance zwischen Repräsentanz und Zurückhaltung entwickelt, um die Firmenwerte in dem Gebäude auch zu manifestieren.“ Architektur kann und darf auch didaktisch als Erziehungsmaßnahme zur ästhetischen Schulung des Geschmacks dienen. Mit dem in naiver Malereimanier gestalteten Eine-Welt-Logo an der Betonwand des Besucherzentrums muss der Architekt leben.

Während der Coronapandemie stand das Unternehmen wegen umstrittener Aussagen des Geschäftsführers und Firmengründers zum Impfen in der Kritik; Joseph Wilhelm hat 2024 die Geschäftsführung an drei seiner Kinder übergeben.

Bei der Planung waren sich Bauherr und Architekten einig, dass ein Besucherzentrum für ein Unternehmen, das ökologische Produkte verkauft, nachhaltig geplant wird und Material möglichst aus der Region zum Einsatz kommt, eingebaut von Handwerkern aus der Gegend. „Uns war es auch aus energetischen Gründen wichtig, dass das Gebäude möglichst 24 Stunden am Tag genutzt wird, damit der Aufwand des Bauens sich auch lohnt“, sagt der Architekt Martin Haas.

Eine schützende Hülle aus 120 000 Naturbrandziegeln 

Daher findet sich in dem dreiflügeligen Gebäude nicht nur ein Museum, das über fairen Handel, ökologischen Landbau und die 1974 von Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen gegründete Naturkost-Firma informiert. Im Erdgeschoss werden in einem Laden neben dem Nutella-Gegenentwurf Samba auch andere Produkte verkauft, das Café-Restaurant mit den schönen Holzstühlen von einer Firma aus der Region sorgt für regen Besuch, dazu eine kleine Kaffeemanufaktur, Platz für Bio-Start-up-Firmenpräsentationen, Yoga- und Seminarräume, eine Weinbar und eben eine Disco fürs Wochenende.

Wenn man für eine Firma mit einem Märchentitel im Namen entwirft (wobei Rapunzel auch ein Synonym für Feldsalat ist), muss man das Gebäude dazu nicht nur nach rationalen Maßstäben und mit rechten Winkeln planen. Wie eine schwebende schützende Hülle wölbt sich das Dach aus 120 000 Ziegeln über dem Gebäude; sie sind engobiert, erläutert der Architekt.

Der hoch aufragende Rapunzel-Turm mit engobierten Naturbrandziegeln. Foto: Markus Guhl

Die noch ungebrannten Ziegel werden bei dem Verfahren mit einer dünnflüssigen Schlämme aus andersfarbig brennendem Ton und Wasser beschichtet, um bestimmte Farbwirkungen zu erzielen. Ein weiterer Vorteil – die Oberflächen sind diffusionsoffen, also durchlässig für Wasserdampf, ähnlich wie der darunter liegende Ziegel selbst. Die Rapunzelziegel wirken aufgeraut, sehr natürlich, von weitem fast wie aus Holz.

Der Eingang ragt hoch auf, die Fenstereinschnitte sind eigenwillig trapezförmig, Maßarbeit vom Fensterbauer. Es ist ein „weit wirkender Willkommensgruß für die Besucher“, sagt Martin Haas. Wer mag, darf an den Turm aus dem Rapunzelmärchen denken.

Ausblick auf die Allgäuer Landschaft

Auf der Seite, die zum Garten und dem Spielplatz mitsamt einer riesigen Holz-Haselnuss führt, öffnet sich das Gebäude mit bodentiefen Fensterfronten, da wirkt das Haus wie ein schlafender Riese, der gerade die Augen geöffnet hat. Über eine mit Alpenblumen bepflanzte Treppe steigt man aufs Dach, auf dem ein Kräutergarten angelet ist – und von dem aus der Besucher einen großartigen Ausblick auf die Allgäuer Landschaft hat.

Mindestens so beeindruckend wie das Dach ist die zwölf Tonnen schwere und 14,5 Meter hohe Spindeltreppe aus Holz, sie verbindet die Geschosse im offenen Haus. Die Treppenwangen, die Bauteile, die die Stufen seitlich tragen, bestehen aus gekrümmtem Furnierschichtholz mit gerade mal 15 Zentimetern Stärke.

Wo immer möglich, wurde regional gearbeitet, „die Ökobilanz des Gebäudes ist richtig gut“, sagt Martin Haas, „es funktioniert im Betrieb klimaneutral.“ Da in dem Haus Lebensmittel hergestellt werden, sind Hygiene- und Sicherheitsanforderungen hoch, weswegen es an manchen Stellen nur mit Beton ging. „Das wäre mit einem Holztragwerk nur schwer umsetzbar gewesen“, sagt Martin Haas.

Eine imposante Holztreppe

Die Steine auf dem Boden kommen vom Steinbruch um die Ecke, das verbaute Holz ist aus der direkten Umgebung. Die 120 000 Naturbrandziegel zu finden, war schwieriger. Die ursprünglich gewählten schönen alten Ziegel aus Dänemark schieden wegen der Entfernung aus, die dann gefundene kleine Firma in Rapperswil in der nahe gelegenen Schweiz hatte Schwierigkeiten mit ihrem historischen Brennofen.

Für den Einbau der Holztreppe halfen auch die Handwerker vor Ort. „Ich bewundere die lokalen Handwerker“, sagt Martin Haas, „die mit so viel Fachwissen mitgedacht und hervorragend gearbeitet haben“.

Eine ausgeklügelte technische Anlage, geplant mit den Ingenieuren von Transsolar Energietechnik, nutzt fürs Heizen sogar die Wärme, die beim Kaffeerösten entsteht, sodass das Haus ohne Klimaanlage funktioniert. „Es ist eine komplexe Anlage mit effizienter Wärmerückgewinnung“, sagt Martin Haas. „Der Gebäudeabluft wird die Wärme entzogen, um damit die frische Zuluft zu beheizen.“ Die Dachüberstände spenden Schatten, sodass kein extra Sonnenschutz vor den Fenstern nötig ist.

Möglichst lange Transportwege vermeiden, so ressourcenschonend wie möglich arbeiten, das bestimmt den Arbeitsalltag des Stuttgarter Büros, das in einem Nachkriegsgebäude in der ehemaligen Filmgalerie nahe der Liederhalle residiert. Martin Haas ist einer der Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Der Zusatzname STUDIO 2050 gemahnt daran, dass man in Europa ab dem Jahr 2050 klimaneutral sein will.

Auch bei anderen Projekten zeigt sich diese Haltung. Das Büro hat den Wettbewerb für das Neue Stöckach in Stuttgart gewonnen – doch da die EnBW als Bauherrin das Projekt vorläufig gestoppt hat, steht noch in den Sternen, ob und wann die 800 Wohnungen entstehen werden. Die Baukrise macht sich bemerkbar: „Früher hat man sich gefreut“, sagt Martin Haas, „wenn man einen Wettbewerb gewonnen hat.“ Heute sei die Freude erst dann wirklich groß, wenn die Nachricht das Büro erreicht, dass auch wirklich gebaut und der Auftrag umgesetzt werden soll.

Umnutzung und recycelbare Baustoffe

Andernorts geht es voran. So etwa beim Leibniz-Innovationshof in Potsdam mit einer Forschungshalle, Laboren und Büros, die bis 2026 fertiggestellt sein wollen. Hier wird das Architekturbüro das Bauen mit möglichst geringem CO2-Fußabdruck umsetzen. „Der Plan ist“, sagt Martin Haas, „viele nachwachsende und Recycling-Baustoffe zu verwenden. Wir haben beispielsweise in der Umgebung der Baustelle eine alte ungenutzte Halle gefunden, die wir versetzen können, sodass keine neue Halle gebaut werden muss.“ Geplant ist ein Komplex mit Räumen für Büros und Wissenstransfer, eine Forschungshalle mit Laboren, ein Fasertechnikum, eine Maschinenhalle sowie ein Areal für eine Biogasanlage für Studienzwecke.

Die Bagger angerollt sind zudem im Herzen der Stadt Stuttgart – für den Mobility-Hub. Aktuell wird das Breuninger-Parkhaus abgebaut. „Im Untergeschoss bleibt der Betonparkraum erhalten“, sagt Martin Haas, „darüber wird der Hub in Holzbauweise mit Fahrradreparaturwerkstatt, Fahrradparkplätzen, einem Café, einem Restaurant und Supermarkt umgesetzt.“ Auch hier gilt die Maxime der Durchmischung von Nutzungen, damit das Gebäude dauerhaft bespielt wird und nicht stunden- und tagelang ungenutzt da steht.

Begonnen wurde dieser Tage mit einem weiteren Großprojekt, welches das Gesicht der Stadt grundlegend verändern will, in der Königstraße 1a/b. Das Architekturbüro konnte mit seinem Ansatz, so viel wie möglich im Bestand umzubauen, das Dach zu begrünen, die Aufstockung in Holzbauweise zu planen, die Bauherren überzeugen.

Gelehrt wurde Umbau früher an den Universitäten kaum. Vieles lernen die Architekten heute durchs Ausprobieren, Experimentieren. Manches mutet vermutlich nicht nur Laien eigenartig an, je geradezu absurd. Bauteile, die erst abgebaut, später wieder eingebaut werden, „dürfen beispielsweise die Baustelle nicht verlassen, sonst gelten sie als Abfall und Müll und müssen entsorgt werden“, erklärt Martin Haas.

Da beim Königstraßenprojekt eine Menge Platz im Untergeschoss ist, können alte Bauteile dort zwischengelagert werden. Seit Juni wird konkret geplant, zu hoffen bleibt, dass der Bauantrag dann nicht über ein Jahr im Amt liegt, bevor es ein Go gibt.

Und so enthusiastisch Martin Haas selbst von derlei Hürden und ihrer Überwindung spricht, scheint das Bauen im Bestand mindestens so spannend und architektonisch herausfordernd zu sein wie ein Neubau.

Doch auch der große Baumeistertraum, der Entwurf aus dem Nichts, hat heute noch seine Berechtigung, wie das Rapunzel-Besucherzentrum zeigt, eine zauberhaft gebaute Welt, die schon die jüngsten Besucher für gute Architektur begeistern dürfte.

Info

haascookzemmrich STUDIO 2050
Der Architekt Martin Haas hat mit David Cook und Stephan Zemmrich erst im Büro Behnisch Architekten in Stuttgart gearbeitet, 2012 haben die drei Architekten das Stuttgarter Architekturbüro haascookzemmrich STUDIO 2050 gegründet.

Auszeichnungen
Der Rapunzel-Bau mit einer Bruttogrundfläche von 7560 Quadratmetern hat mehrere Nominierungen (etwa für den DAM-Preis 2023) und Auszeichnungen erhalten: Im Jahr 2023 gab es den German Design Award 2024 Gold in der Kategorie Excellent Architecture. Im Juni 2024 kam der „Platin Gewinn beim International Architecture & Design Award 2024 hinzu. Gewonnen hat Rapunzel den World Design Award 2023 von TAC (The Architecture Community). Eine besondere Anerkennung gab es für die Rapunzel Welt als „Winner“ beim International Architecture Award 2023. Der International Architecture Award ist das älteste und prestigeträchtigste Programm zur Auszeichnung neuer und innovativer Bauwerke weltweit.