Sie arbeitet nebenbei als Kommissarin, hat sich im Handball alles hart erkämpft, nun steht Antje Döll als Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft mit 37 vor ihrem Karrierehöhepunkt.
„Ein Traum geht in Erfüllung.“ Diese Redewendung wird gerade im Sport inflationär benutzt und hat deswegen fast schon etwas Floskelhaftes. Im Fall von Antje Döll und ihrer Teilnahme an der Handball-Weltmeisterschaft stellt sich der Fall anders dar. Dass die Rechtshänderin im Alter von 37 Jahren die deutsche Nationalmannschaft als Kapitänin bei den Titelkämpfen im eigenen Land aufs Feld führt, ist außergewöhnlich. Es ist das Erreichen eines lang ersehnten Ziels, wofür sie jahrelang gekämpft hat. Und – genau – tatsächlich geht für sie damit ein Traum in Erfüllung.
Umschulung zahlt sich aus
„Ich kann mir wenig Besseres vorstellen, das macht mich sehr, sehr stolz, und ich bin sicher, dass das was ganz Besonderes wird“, sagt sie vor dem Eröffnungsspiel am 26. November (18 Uhr/Porsche-Arena) gegen Island. Für Antje Döll ist es der Lohn für ganz viel harte Arbeit. Zum einen hat die nur 1,70 Meter große Sportlerin – wegen ihres vergleichsweise zierlichen Körpers – vor Jahren von Kreisläuferin auf Linksaußen umgeschult. Zum anderen hat sie während ihrer Karriere schon immer auch in ihrem Beruf gearbeitet. Seit vielen Jahren bei der Polizeidirektion Ludwigsburg.
Ein Leben zwischen Handballfeld und Handschellen? Nicht ganz: Antje Döll überführt die Täter vom Schreibtisch aus. Nach der Ausbildung arbeitete sie eineinhalb Jahre im Streifendienst, kletterte nach Nachtschichten schon mal direkt in den Mannschaftsbus. Inzwischen bearbeitet sie Straftaten im Bereich Erpressung und Internetkriminalität, reduziert auf zehn Stunden pro Woche. „Ich brauche das für den Kopf. Für mich ist das ein super Ausgleich“, sagt sie und betont, dass das Ganze ohne die Sportförderung Baden-Württemberg nicht funktionieren würde.
Neue Herausforderung Sport-Union Neckarsulm
Von daher war sie sehr glücklich, dass sie nach der überraschenden Insolvenz der HB Ludwigsburg (für Vorgängerclub SG BBM Bietigheim spielte sie seit 2015) im vergangenen Juli in der Region bleiben konnte – und die Arbeitsstelle sowie den Wohnsitz in Bietigheim nicht wechseln musste: „Es war schon ein glücklicher Umstand, dass mit der Sport-Union Neckarsulm ein Erstligist Bedarf auf meiner Position hatte“, sagt Antje Döll.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie nun nicht mehr für ein Topteam und damit auch nicht mehr auf der europäischen Bühne unterwegs ist. Zudem ist sie die einzige deutsche Nationalspielerin in Neckarsulm. Die 150 gemeinsamen Trainingseinheiten pro Jahr, mit ihren zahlreichen Nationalmannschaftskolleginnen auf höchstem Niveau in Ludwigsburg, sind Geschichte. Auch der Umstand, dass Co-Trainer Frederick Griesbach und Torwarttrainerin Jasmina Jankovic-Rebmann in ihren jeweiligen Funktionen für den DHB und für Ludwigsburg arbeiteten, war ein Glücksfall.
Trotz alledem: Antje Döll ist richtig guter Dinge, dass es erstmals seit der EM 2008 in Mazedonien wieder zu einem Einzug ins Halbfinale reicht und es nicht wie bei der Heim-WM 2017 zum ernüchternden, vorzeitigen Aus kommt (damals 17:21 im Achtelfinale gegen Dänemark). „Wir sind bereit. Bereit für ein geiles und erfolgreiches Turnier“, sagt sie voller Überzeugung.
Warum? „Weil wir uns entwickelt haben, ein gewachsenes Team sind, sich bei uns im Team viel internationale Erfahrung angesammelt hat und wir uns in so vielen Bereichen verbessert haben.“ Und dann ist da ja auch noch dieser Heimvorteil: „Wir haben zuletzt gezeigt, dass wir vor heimischer Kulisse eine Schippe drauflegen können. Wir wollen die Zuschauer mitreißen und uns mit der Unterstützung in einen Flow spielen und uns Selbstvertrauen holen.“
Drei Vorrundenspiele in Stuttgart
Die Auslosung meinte es bei dem ersehnten Griff nach den Medaillen dabei ganz gut mit dem deutschen Team. Die Vorrundenspiele in Stuttgart gegen Island (26. November), Uruguay (28. November) und Serbien (30. November, jeweils 18 Uhr) bieten die Möglichkeit, den kompletten Kader ins Turnier zu holen. In der Hauptrunde (2. bis 6. Dezember) in Dortmund warten mit (voraussichtlich) Montenegro, Spanien und den Faröer auch noch nicht die ganz großen Schwergewichte, ehe es – wenn alles nach Plan läuft – am 9. Dezember zum Viertelfinal-Showdown vor 12 000 Zuschauern in der Westfalenhalle gegen Norwegen oder Schweden kommt.
Dann geht es darum, ob diese WM zum sportlichen Meilenstein für den Frauenhandball wird. Und sich für die Grand Dame des deutschen Handballs nach dem Gewinn der U-20-Weltmeisterschaft 2008 jetzt mit 37 Jahren ein Traum erfüllt – und vielleicht der Kreis schließt? „Die Frage nach dem Karriereende stellt sich für mich noch nicht. Ich bin ehrgeizig, habe Ziele und würde weiter den Weg mit der Nationalmannschaft gehen, um auch zu sehen, was noch passiert.“
Gut möglich, dass der DHB auf diese grundsätzliche Bereitschaft einer gestandenen Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung gerne zurückkommen wird.
Buch zur WM
SHEROES
Zum Start der Handball-WM der Frauen erscheint das Buch „SHEROES – Faszination Frauenhandball: Mit Tipps & Tricks wie du selbst zur Heldin wirst“. Es rückt die Sportart in all ihrer Vielfalt ins Rampenlicht und beleuchtet den Frauenhandball mit Reportagen, Porträts, spannenden Anekdoten und Interviews. Zudem dient es auch als informativer Ratgeber. Autoren sind Christoph Stukenbrock und Moritz Löhr. Das Buch ist 315 Seiten dick, kostet 24,95 Euro. Info: www.frauenhandball-buch.de (jüf)
Spielplan
Deutschland spielt in der Vorrunde in der Stuttgarter Porsche-Arena gegen Island (26. November), Uruguay (28. November) und Serbien (30. November, alle 18 Uhr). Außerdem spielen in Stuttgart Serbien – Uruguay (26. November, 20.30 Uhr), Island – Serbien (28. November, 20.30 Uhr) und Island – Uruguay (30. November, 15.30 Uhr). Die ersten drei qualifizieren sich für die Hauptrunde, die am 2., 3. und 6. Dezember in der Dortmunder Westfalenhalle ausgetragen wird. Das Viertelfinale geht am 9. Dezember in Dortmund über die Bühne. Das Halbfinale (12. Dezember) sowie das Spiel um Platz drei und das Finale (jeweils 14. Dezember) in der Rotterdamer Ahoy Arena. (jüf)