Protestparole: Wo beginnt der Rassismus? Foto: IMAGO/Müller-Stauffenberg

Der Gazakrieg schürt den Antisemitismus. Kritik am Vorgehen des israelischen Militärs ist legitim, pauschale Hetze nicht, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Auf den ersten Blick erscheint der Zusammenhang geradezu irre: Seit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 ist der Antisemitismus in Deutschland (wie vielerorts in der Welt) explodiert. Dabei markiert dieses Datum die schlimmste Gewalt gegen Juden seit dem Holocaust. Ungeachtet dessen erfahren Landsleute und Glaubensgenossen der Opfer vielfach mehr Hass als Mitgefühl. Das ist eine Schande. Polemik und Gewalt gegen Juden sind und bleiben niederträchtig, diskriminierend, verachtenswert.

 

Gewiss: Nicht allein am 7. Oktober 2023, auch danach ist im Nahen Osten Schreckliches passiert. Die israelische Militäroffensive im Gazastreifen hat zigtausend Menschen das Leben gekostet, darunter überwiegend Zivilisten, viele Kinder. Vertreibungen und die Blockade von Hilfslieferungen, eine Strategie, die den Hunger als Waffe mit einkalkuliert, werden zurecht angeprangert. Der israelischen Regierung werden Verstöße gegen das Völkerrecht und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zur Last gelegt. Von „Genozid“ ist die Rede – auch wenn dieser Vorwurf fragwürdig bleibt.

Kritik am Staat Israel und am Vorgehen der israelischen Regierung gegen die Palästinenser ist selbstverständlich legitim. Das Entsetzen über die Zustände aus Gaza legitimiert jedoch keine pauschale Polemik oder gar Übergriffe gegen Israelis oder Juden. Wer Staatsangehörige in Bausch und Bogen für das Handeln ihrer Repräsentanten haftbar macht oder gar Menschen, die nur der gleichen Religion angehören, ist ein Rassist.

Viele Israelis und viele Juden kritisieren das Vorgehen des Militärs gegen Palästinenser mit der gleichen Härte, wie es weltweit geschieht. Sippenhaft war eine Methode der Nazis. Sie scheint nun neue Anhänger gefunden zu haben.

Kein Randphänomen

Der alltägliche Antisemitismus in Deutschland ist kein Randphänomen mehr. Er reicht vom rechtsradikalen Milieu bis in die linke Szene und an die Hochschulen. Letzteres spricht für einen Bildungsnotstand: Wer Parolen wie „Free Palestine“ krakeelt und dabei den Schutz der Palästinenser vor ausufernden jüdischen Siedlungsaktivitäten meint, ist allein deswegen noch kein Antisemit. Wer dem Staat Israel damit aber sein Existenzrecht abspricht und Juden insgesamt ein Lebensrecht im Nahen Osten, der denkt in den Schablonen der Nazis, auch wenn er sich für links hält.

Das linke Gefasel, wonach die Juden im Nahen Osten so etwas wie Agenten des Kolonialismus seien, zeugt von historischem Analphabetentum. Davon künden auch wohlfeile Vergleiche zwischen dem Holocaust und dem aktuellen Geschehen in Gaza. Sie sind mit Ignoranz noch höflich umschrieben. Mit spitzfindigen Debatten darüber, wo der Antisemitismus exakt beginnt und endet, lässt sich das nicht kleinreden. Sie haben nur eine Alibifunktion.

Noch einmal: Kollektive Beschimpfungen oder gar Bedrohungen, Hetze, Gewalt zeugen von rassistischem Denken – egal, gegen wen sie sich richten. Kritik am Gazakrieg der israelischen Regierung bleibt realitätsblind, wenn sie den Blick vor den Schuldigen an dieser neuerlichen Eskalation der Gewalt verschließt: der Hamas. Bei ihr handelt es sich nicht um eine Befreiungsorganisation, sondern um ein Terrornetzwerk, welches das Leiden der eigenen Landsleute ignoriert oder gar billigend in Kauf nimmt.

Die zombiehafte Wiederkehr des Antisemitismus in Deutschland wird andauern, solange der fatale Konflikt nicht befriedet ist, der ihm als Projektionsfläche und Rechtfertigungsgrund dient. Doch wer dem Hass huldigt, der wird nicht einfach zum Gutmensch, wenn ihm ein Motiv dafür abhandenkommt.