Ein landesweites Modellprojekt: Die Akutzimmer in den Pflegeheimen in Altbach und Deizisau sind oft der letzte Rettungsanker – Die Auslastung liegt bei fast 80 Prozent.
Wenn bei Gerda Schmid das Handy klingelt, ist irgendwo in Deizisau oder in der näheren Umgebung jemand in großer Not und sucht händeringend ganz kurzfristig vorübergehend einen Pflegeplatz für einen lieben Angehörigen. Sei es, weil dieser aus dem Krankenhaus entlassen wird, aber sich noch nicht zu Hause alleine versorgen kann oder pflegende Angehörige plötzlich selbst ins Krankenhaus müssen. Manchmal kommt es vor, dass ein bereits ins Auge gefasster Pflegeplatz in einem Heim nicht rechtzeitig frei wird, oder jemand mit der Pflege eines sterbenden Angehörigen überfordert ist.
Bis vor zehn Jahren noch wurden Betroffene mit solchen und ähnlichen Problemen weitgehend alleine gelassen. Doch dann haben sich die Hospizgruppe Deizisau und Altbach zusammen mit dem Johanniterstift Plochingen dieses Problems angenommen. Das Ergebnis: Im Februar 2017 ging im Deizisauer Pflegeheim Palmscher Garten, das erst vier Monate zuvor mit 50 Zimmern eröffnet worden war, das so genannte Cicely-Saunders-Zimmer in Betrieb. Benannt ist es nach der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung und Pionierin der Palliativmedizin.
Auch in Altbach gibt es ein Notfallzimmer
Ein solches Zimmer für pflegerische Notfallsituationen gibt es inzwischen auch im Altbacher Seniorenzentrum mit seinen 60 Zimmern, das im Jahr 2021 eingeweiht worden ist. Noch immer gelten die beiden Zimmer als ein landesweites Modellprojekt. Die Fäden laufen bei Gerda Schmid zusammen. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der Hospizgruppe und koordiniert über das Hospizhandy, das rund um die Uhr erreichbar ist, gemeinsam mit Andrea Hägele vom Bewohnerservice des Palmschen Gartens die Belegung der beiden Zimmer. „Die Angehörigen sind immer nur noch erleichtert, wenn ich ihnen helfen kann“, sagt Schmid, die frühere langjährige Einsatzleiterin der Hospizgruppe. Seien beide Zimmer belegt, müsse sie Hilfesuchende manchmal auch abweisen. „Das ist für mich persönlich dann immer ein großes Problem“, sagt Schmid. Sie weiß, hinter jedem Anruf steckt zumeist große Not.
Fachgerecht gepflegt werden die Gäste auf Zeit von den Mitarbeitenden der beiden Pflegeheime. Auf Wunsch stehen den Angehörigen sterbender Menschen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hospizgruppe zur Seite. Medizinisch betreut werden die Patienten in Deizisau von den Ärzten Wolfgang Pils, Eszter Meder und Elke Henn von der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis Deizisau und in Altbach von den Ärzten Christoph und Claudia Zeh – oder von den jeweiligen Hausärzten der Bewohner. Diese gesicherte medizinische Betreuung war laut Wolfgang Pils eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das baden-württembergische Sozialministerium seinerzeit der Einrichtung des Notfallzimmers zuerst in Deizisau und dann in Altbach zugestimmt hat, wenn auch nur zögerlich. „Da haben wir lange Überzeugungsarbeit leisten müssen“, erinnert sich Pils.
Wer zahlt die Zimmer, wenn sie leer stehen?
Während im Belegungsfall die Pflegekasse weitgehend die Kosten trägt – Angehörige können in den Zimmern kostenlos mit übernachten – musste im Vorfeld geklärt werden, wer für die Zeit bezahlt, in der die Zimmer leer stehen. Doch auch diese Hürde konnte schließlich überwunden werden. Die Kosten teilen sich der Förderverein für die Hospizarbeit in Deizisau und Altbach, die beiden Gemeinden und in Altbach ist auch noch der Träger des Pflegeheims, die Bruderhausdiakonie, finanziell mit im Boot.
Gingen alle Beteiligten anfangs davon aus, dass die Zimmer nur zu 50 Prozent aller Tage im Jahr belegt werden können, entpuppte sich die Nachfrage schnell als viel größer. Im Jahr 2024 war das Akutzimmer in Deizisau an 299 Tagen belegt und in Altbach an 274 Tagen. Das Jahr zuvor waren es 319 beziehungsweise 226 Tage. Die Frage, ob die beiden Zimmer langfristig ausreichen werden, macht Gerda Schmid nachdenklich. „Ich weiß nicht, ob wir bei der immer älter werdenden Gesellschaft nicht immer mehr Notfälle bekommen werden“, sagt sie. Es gebe zwischendurch immer mal wieder Wochen, da könnte sie fünf Zimmer belegen.