Alb-Beben 1978 Der nächste Sechser kommt bestimmt

Von Heino Schütte 

Alb-Beben 1978: Auch Südwesten kann jederzeit wieder erschüttert werden.

Stuttgart - Viele ältere Menschen im Land erinnern sich noch: 3. September 1978, 6Uhr morgens. In den nächsten zehn Minuten wird auf der mittleren und westlichen Schwäbischen Alb sowie im Großraum Stuttgart nichts mehr so sein wie zuvor. Zehn, 20 Sekunden - je nach Standort - rumpelt es kräftig. Fast wie ein Donnerschlag. Wer im Bett liegt, wird hin und her geschaukelt. Möbel, Regalbretter, Türen und Fenster wackeln und klirren. Putz und Staub rieseln von der Decke. Überall stehen Menschen, oft nur im Schlafanzug auf der Straße, blicken ratlos den Nachbarn an. Kinder weinen. Ist's hoffentlich nur ein schlechter Traum? Nein. Die Älteren wissen gleich um die Realität und was passiert war, so wie schon 1943 und 1911. Erdbeben!

Die Stärke des Albstadt-Bebens (benannt nach dem Epizentrum) wird später mit 5,7 auf der Richterskala angegeben. Die Erschütterungen sind im Umkreis von 400 Kilometern deutlich zu spüren. Angst und Schrecken auch in der Landeshauptstadt Stuttgart. Hunderte Gebäude im Umkreis von etwa 50 Kilometern um das Epizentrum wurden mehr oder weniger schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Schäden an vielen Häusern insbesondere in Tailfingen und in Onstmettingen waren so schlimm, dass von Bausachverständigen ein Abriss empfohlen wurde. Der Sachschaden an Gebäuden betrug 275 Millionen Mark - für damalige Verhältnisse eine gigantische Summe.

Erdbeben von 1978: Schaden läge heute in Milliardenhöhe

Es gibt zwischenzeitlich Hochrechnungen: Würde sich ein solches Beben heute in einem gefährdeten Ballungsraum wie Basel oder Köln ereignen, läge die Schadenssumme im Milliardenbereich. Einerseits wird heute erdbebensicherer gebaut, andererseits sind die anfälligen Glasfronten an modernen Gebäuden großflächiger und wertvoller denn je. Auch hochwertige Industrieanlagen würden entsprechend zu Buche schlagen, sollten an ihnen Schäden auftreten. Risikobehaftete Bereiche sind Gasleitungen und Heizungsanlagen; die Gefahr von Bränden ist auch bei mittelschweren Beben hoch.

Wie stark ist überhaupt das Erdbebenrisiko in Deutschland einzuschätzen? Im globalen Vergleich liegt Deutschland in der Gesamtbetrachtung eher in einer sanfteren Erdbebenzone. Aber auch hier gibt es lokale erdgeschichtliche Verwerfungen. Diese haben zwar nicht das Zerstörungspotenzial wie die großen Spalten, doch auch die Erdbeben im Rheingraben, im Vogtland, in der Kölner Bucht oder auf der Schwäbischen Alb können immer wieder Angst und Schrecken verbreiten.

Vor etwa 50 Millionen Jahren entstand der Rheingraben und trennte den Schwarzwald von den Vogesen. Die dortige Erdkruste ist seither beständig unruhig. Vor 15 Millionen Jahren ergab sich im Bereich der Schwäbischen Alb durch den enormen Druck bei der Auffaltung der Alpen gleichfalls eine punktuelle Verwerfung, der Zollerngraben. Nur etwa 30 Kilometer lang und 1,5 Kilometer breit, kommt es in bis zu zehn Kilometer Tiefe immer wieder zu Ab- und Überschiebungen der Schichten, die auch an der Oberfläche wahrgenommen werden können - so wie 1911, 1943 und 1978. Fazit: aller Erfahrungswerte und derzeit vorliegenden Aussagen der Wissenschaft: In den deutschen Erdbebenzonen muss jederzeit mit einem Sechser-Beben - statistisch etwa alle 50 Jahre - gerechnet werden.

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