Aufgrund einer ME/CFS-Erkrankung hat der Baseballer Daniel Zeller seine Karriere beenden müssen. Für das nächste Spiel planen die Stuttgart Reds eine besondere Aktion.
Es ist eine Geste mit Tradition und großer Symbolik: der erste Wurf – „First Pitch“ –, der ein Baseballspiel eröffnet. Beim Bundesligaspiel der Stuttgart Reds gegen die Gauting Indians, die an diesem Samstag im TVC-Ballpark am Schnarrenberg aufeinandertreffen, wird diese Ehre dem ehemaligen Teamkollegen der Reds, Daniel Zeller, zuteil. Allerdings steht er nicht in Person auf dem Pitcher’s Mound, sondern als lebensgroße Pappfigur. Es geht nicht anders. Zeller selbst ist es derzeit nicht möglich, beim Spiel mit dabei zu sein – noch nicht, wie er sagt.
Drei Jahre ist es nun her, seitdem der heute 29-jährige Infielder seine aktive Baseball-Karriere beenden musste: Der Ludwigsburger, der im Alter von neun Jahren zu den Reds gekommen ist und über Jahre zur Stammbesetzung der Bundesligamannschaft gehörte, bekam in Folge einer Corona-Infektion die neuroimmunologische Erkrankung ME/CFS. Es ist eine unerforschte Erkrankung, für die es keine reguläre Therapie oder Medikamente gibt. Nicht immer ist eine Corona-Infektion der Auslöser. Auch anderen virusbedingten Erkrankungen wie einer Influenza oder dem Pfeiffer’schem Drüsenfieber kann eine ME/CFS folgen.
Wer erkrankt, verschwindet vom Spielfeld
Fachverbände gehen von rund 650.000 ME/CFS-Betroffenen aller Schweregrade in Deutschland aus, darunter 80.000 Kinder und Jugendliche. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Die Symptome sind divers: unter anderem Kreislauf- und Muskelschwäche, Schmerzen am ganzen Körper, Wortfindungsstörungen; hinzu kommen Störungen des Immunsystems sowie des autonomen Nervensystems. Charakteristisch ist die zeitverzögerte Verschlechterung der Beschwerden selbst nach leichter körperlicher oder psychischer Belastung, von Ärzten Post-Exertionelle Malaise (PEM) genannt.
Wer erkrankt, verschwindet nicht nur vom Spielfeld, wie Daniel Zeller. Sie verschwinden aus der Öffentlichkeit – so berichten es viele, die entweder selbst betroffen sind oder in ihrer Familie einen Angehörigen mit ME/CFS haben. „Wir wollten als Verein dagegen etwas tun“, sagt Patrick van Bergen, der viele Jahre im Vereinsvorstand aktiv war und dessen zwei Söhne Jonas und Moritz im Bundesliga-Team spielen.
In Anlehnung an die Initiative „Empty Stands“ – leere Ränge – , die in Fußballstadien in Zusammenarbeit mit Fangruppen auf ME/CFS aufmerksam macht, wurde die Idee mit den Pappfiguren ersonnen. „Schließlich ist nicht nur einer unserer Spieler erkrankt, sondern es sind auch Fans von ME/CFS betroffen“, sagt Patrick van Bergen. So auch der beste Freund seines Sohnes Moritz, Liam Schal. Auch für ihn soll an diesem Samstag eine lebensgroße Pappfigur auf den Zuschauerrängen aufgestellt werden. „Um sichtbar zu machen, dass diese beiden sehr gerne hier wären, wenn sie dazu gesundheitlich in der Lage wären.“ Auch soll es an diesem Spieltag einen Infostand geben, an dem sich die Zuschauer über die Erkrankung informieren können.
Daniel Zeller versucht Schritt für Schritt ins Leben zurückzukehren
„Die Erkrankung hat mir die Kraft genommen, als Sportler aktiv zu sein“, sagt Daniel Zeller. Auch den zweiten Lebenstraum, als Sport- und Englischlehrer zu arbeiten, kann er nicht mehr verwirklichen: „Das hat mich ebenso geschmerzt wie mein sportliches Karriereende.“
Doch aufgeben war schon auf dem Spielfeld für Daniel Zeller keine Option. Und so ist er dabei, Schritt für Schritt ins Leben zurückzukehren. „Es ist ein harter Weg“, bestätigt Daniel Zeller. Das Gesundheitssystem ist nicht darauf eingestellt, sich um ME/CFS-Erkrankte zu kümmern. Betroffene wünschen sich daher, dass die Forschung besser finanziert wird. Weil die Erkrankung so vielschichtig ist, können bislang nur Symptome behandelt werden – und das oft nur auf gut Glück: Was dem einen hilft, kann beim nächsten gar nichts bewirken, bestätigt Patrick van Bergen, der als Chefarzt der Unfall- und Orthopädischen Chirurgie an den Medius-Kliniken Nürtingen-Kirchheim arbeitet.
Daniel Zeller kann das Spiel nicht live verfolgen
Daniel Zeller hat neben verschiedenen Therapieansätzen vor allem das sogenannte Pacing geholfen. Eine Maßnahme, die darauf abzielt, sich immer wieder zu schonen und Aktivitäten erst einmal auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. „Ich habe gelernt, meine Kräfte gut einzuteilen“, sagt Daniel Zeller. Er kann sich seinen Hobbys wie Lesen und Kochen öfters widmen. Seiner Liebe zum Sport geht er als Zuschauer nach – verfolgt Leichtathletikwettkämpfe, Formel-1-Rennen und als VfB-Stuttgart-Fan Bundesligaspiele auf dem Bildschirm. Derzeit ist er dabei, beruflich in der Verwaltung neu Fuß zu fassen – in Teilzeit und im Homeoffice.
Der Wunsch, ein Spiel der Reds live im TVC Ballpark zu verfolgen, ist für Daniel Zeller groß. Doch größeren Menschenansammlungen zu begegnen, gelingt ihm noch nicht. Das Match gegen die Gauting Indians wird er daher über die Schalte von Reds-TV verfolgen – und so auch den ihm gewidmeten „First Pitch“.
Das Bundesliga-Spiel Stuttgart Reds gegen die Gauting Indians beginnt am 18. April um 13 Uhr im TVC Ballpark, Am Schnarrenberg 10.