Einer der jahrhundertealten und denkmalgeschützten Einöd-Höfe in Geschwend. Würde ein Neubau im Unterdorf dem Ortscharakter schaden? Foto: /Jonas Mayer

Im Örtchen Geschwend könnte es so traut und friedlich sein. Wäre da nicht der Plan, im denkmalgeschützten Unterdorf mit seinen alten Schwarzwälder Eindachhöfen ein Mehrfamilienhaus zu bauen.

Die Wiese ist von Raureif überzogen. Sie raschelt und knackt unter den Füßen. Die Stare singen und die Elstern, ein Fichtenkreuzschnabel fliegt über die Wiese und verschwindet hinter dem Zaun, welcher die Wiese nach Norden und Westen begrenzt. Alles so wie immer hier an diesem kalten Februarmorgen. Alles wie seit Jahrhunderten. Doch bald könnte auf der Wiese alles ganz anders sein.

 

Die Entscheidung ist gefallen, sagt der Ortsvorsteher. Nein, es soll alles so bleiben wie es ist, sagt die Nachbarin hinter dem Zaun. Er soll gerne bauen, aber auf keinen Fall hier, sagt ein Nachbar. Er ist ein Bürger dieses Dorfs, und es ist sein Grundstück, sagt ein Mann aus dem Dorf. Etwas mehr Wohnraum schade Geschwend nicht.

Geschwend liegt im Südschwarzwald. 371 Einwohner, ein Gasthof, eine Kirche, ein Bankautomat und ein Bach, der Prägbach. Er fließt unter zwei neueren und einer sehr alten Brücke und schließlich unter der B 317 hindurch. Auf der sind es drei Minuten bis nach Todtnau und dann noch mal 15 Minuten bis zum Feldberg. Zumindest dort liegt der Schnee so hoch, wie es zu dieser Jahreszeit sein sollte, und deshalb ist auf der B 317 viel los an diesem Morgen. Auto um Auto zieht vorbei am sehr besonderen Unterdorf von Geschwend.

Ein neues Mehrfamilienhaus im denkmalgeschützten Ensemble?

Das Unterdorf ist das denkmalgeschützte „Schwarzwalddorf Geschwend“. Zehn große Eindachhöfe aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert mit je zwei Stockwerken, darüber eine hohe Scheune und ein mächtiges Walmdach mit grauen Schindeln aus Eternit. Dazwischen liegen Weiden und Wiesen mit Apfel-, Kirsch- und Mirabellenbäumen. Die Wiese mit der Flurstücknummer 91, um die es geht, liegt genau im Zentrum dieses Ensembles, das es so nur hier, nur in Geschwend gibt. Noch jedenfalls.

Denn auf diesem Flurstück 91 könnte bald ein Mehrfamilienhaus stehen. Es hätte dann zwar ebenfalls Wände aus Holz und ein Walmdach, aber 400 Jahre lassen sich halt nicht einfach nachbauen. Das sagen die Bewohner des Unterdorfs, die seit sieben Jahren gegen den geplanten Neubau kämpfen.

Der Bauherr wohnt drei Gehminuten die Straße hinauf im Mitteldorf. Martin Falger ist einer von zwei Landwirten im Ort und angehender Maschinenbauer. Im letzten Sommer hat der junge Mann den Streit vorerst gewonnen. Reden will er nun nicht mehr, weder mit den Bewohnern des Unterdorfs noch mit Reportern. Er findet, die meisten Berichte fallen einseitig gegen ihn und seinen Plan aus. Und zugunsten der Interessensgemeinschaft im Unterdorf.

An diesem Vormittag trifft sich die Interessensgemeinschaft Schwarzwalddorf Geschwend im Blasiushof gleich neben der Wiese, um die es geht. Fünf Nachbarn sitzen am Kachelofen, auf dem Tisch breiten sie Dutzende Seiten Papier aus, die den jahrelangen Streit bezeugen: Anträge, Satzungen, Karten, eine tabellarische Chronik. Sie beginnt im Oktober 2016. Martin Falger stellt beim Amt eine Bauvoranfrage für ein Mehrfamilienhaus: bis zu acht Wohnungen auf drei Stockwerken, mit Tiefgarage. Nur acht Tage später legt Ruth Silveira, die Bewohnerin des Blasiushofs, Widerspruch ein. Mit den Nachbarn druckt sie Flyer und verteilt sie im Dorf. Es gibt eine Bürgerversammlung, der Ortschaftsrat spricht sich gegen die Pläne von Falger aus, der selbst im Rat sitzt und von der Abstimmung ausgeschlossen wird. Es wird das große Thema des Winters.

Auch die Denkmalschutzbehörden sind von Beginn an gegen das „unglückliche Bauvorhaben“. Als eleganten Ausweg beauftragen die Stadt Todtnau und das Landesamt für Denkmalpflege eine historische Ortsanalyse. Im Juli 2017 beschließt die Stadt ihre „Satzung über den Schutz der Gesamtanlage Schwarzwalddorf Geschwend“. Neubau verhindert, Thema abgehakt.

Das Verwaltungsgericht sagt: Falger darf bauen

Doch der Bauherr erkennt Fehler in der Satzung, stellt drei Jahre später eine zweite Bauvoranfrage. Erneut widerspricht Ruth Silveira, wieder springt die Stadt ein und bessert nach, wieder scheint der Neubau verhindert.

Martin Falger schreibt seinen Plan um. Aus acht Wohnungen werden fünf. Er streicht die Tiefgarage und setzt das Gebäude so herab, dass es die alten Höfe nicht mehr überragen würde. Und er klagt vor dem Verwaltungsgericht in Freiburg. Das Urteil: Er darf bauen, solange es denkmalgerecht geschieht. Am 30. März 2022 beantragt Falger die Baugenehmigung für sein Haus. Am 13. Juli 2022 genehmigt ihm das Landratsamt den Bau.

„Als ich die Nachricht bekommen habe, bin ich aus allen Wolken gefallen“, sagt Ruth Silveira. „Ich bin gerade dabei, den Glauben an den Rechtsstaat zu verlieren“, sagt Bernhard Ortlieb. Sein Ortliebhof liegt südlich der Wiese. Als er 1995 anbauen wollte, durfte er das nicht. „Nach dem Gerichtsurteil konnten die Stadt und der Denkmalschutz einfach nichts mehr tun“, sagt Alfred Zielinski, der Ortsvorsteher von Geschwend.

Zielinski hat sich immer gegen den Neubau von Martin Falger ausgesprochen. Jetzt versucht er, das Gute darin zu sehen. Geschwend wächst und braucht Wohnraum für junge Familien. In die Grundschule gehen 24 Kinder. Gegenüber, auf der anderen Seite des Prägbachs, sitzt Zahoransky, der weltgrößte Formenbauer für die Zahnbürstenindustrie, der hier 360 Leute beschäftigt.

„Geschwend ist kein Museumsdorf, Geschwend ist lebendig“, sagt Thomas Maier. Auch er sitzt im Ortschaftsrat und hat Martin Falgers Neubau als Einziger im Gremium befürwortet. Ihn ärgert, wie die Interessensgemeinschaft aus dem Unterdorf den Geschwender Bauherrn als Investor dargestellt hat. Wie einen Großstädter, der nur auf Rendite aus ist, findet er.

„Bewahrt den historischen Ortskern von Geschwend!“

Ruth Silveira und die Nachbarn gehen aus der Wohnstube des Blasiushofs nach draußen, über den Vorhof, die Mättlestraße an der Wiese entlang. Sie ist 770 Quadratmeter groß und liegt einen halben Meter über dem Niveau der Straße. Getragen wird sie von einer Trockenmauer aus Granit. Auch die wird weichen müssen.

Mit Metallstangen und Leinen hat die Gruppe drei Banner aufgespannt: eine Luftaufnahme des Unterdorfs mit einer signalroten Animation des Neubaus. Und in dicken Buchstaben: „Bewahrt den historischen Ortskern von Geschwend! Warum wurde hier ein Neubau genehmigt?“

Nach der Baugenehmigung hat sich die mittlerweile 18-köpfige Interessensgemeinschaft schnell zu wehren versucht: Fachanwalt, Einspruch, Unterschriftensammlung, Treffen mit Politikern, Medienberichte, die Banner, eine Seite bei Facebook, eine Ortsbegehung mit dem Landratsamt, das den Bau genehmigt hat. Alle zu spät.

Es ist gut, dass der Martin Falger bauen will, sagt Wolfgang Frech, der Mann mit dem zweitältesten Hof. „Wir sind nicht gegen ihn, wir sind gegen das Urteil aus Freiburg.“ Er ist überzeugt: Hätte das Verwaltungsgericht sich das Schwarzwalddorf in aller Ruhe angesehen, es hätte anders entschieden. Jetzt aber hat die Nachbarschaft Angst, dass Martin Falgers Neubau den Präzedenzfall für noch mehr Neubauten um die jahrhundertealte Eindachhöfe schafft.

Die Interessensgemeinschaft hat Einspruch beim Regierungspräsidium Freiburg eingelegt, will notfalls bis vor das nächsthöhere Gericht ziehen. Und wenn man da nicht weiterkommt, könnte man dem Bauherrn das Grundstück ja auch einfach abkaufen. Rein theoretisch jedenfalls. „Wir sind weder Schwarzwaldromantiker noch sind wir reiche Leute“, sagt Wolfgang Frech, „aber dieses Dorf ist wirklich einzigartig.“ Die Sorge der Gruppe um Frech, Silveira und Ortlieb ist zudem, dass mit dem Neubau die Touristen ausbleiben. Die seien hier in der Vergangenheit manchmal mit zwei, drei Bussen am Tag gekommen, sagt Ortlieb. Auch wirtschaftlich geht es um was.

Der Ortsvorsteher hat zu einem Gespräch eingeladen.

Je weiter man in den mittleren und oberen Teil von Geschwend geht, desto weniger scheinen die Bewohner am Schicksal des Unterdorfs teilzunehmen. Als St. Wendelin 13 Uhr schlägt, gehen an der Dorfkirche zwei junge Männer vorbei: Mitarbeiter von Zahoransky auf dem Weg aus der Mittagspause. Von dem Streit um die Wiese haben sie schon gehört. Eine Meinung haben sie nicht. Eine ältere Frau kehrt vor ihrem Haus und sagt nur: „Ich find’s schade.“ Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen und sagt: „Wir brauchen halt Wohnraum für die jungen Leute. Der Martin sollte dafür nicht an den Pranger gestellt werden.“ Nach sieben Jahren sei diese Sache vielen egal, sagt der Ortsvorsteher Alfred Zielinski.

Er und die Interessensgemeinschaft haben Martin Falger noch mal zum Gespräch eingeladen. Ihre große Frage an ihn ist, ob er nicht an anderer Stelle bauen kann. Die größere Frage ist, ob einer, der sich nach Jahren des Streits gegen ein halbes Dorf und den Denkmalschutz durchgesetzt hat, jetzt noch eine Kehrtwende macht.

Am frühen Nachmittag wirft der Walnussbaum von Bernhard Ortlieb schon einen langen, verzweigten Schatten auf die Wiese. Der feuerrote Südbadenbus biegt in die Mättlestraße ein, fährt an den Bannern und der Trockenmauer vorbei. Schulkinder aus dem Nachbarort steigen aus. Alles wie jeden Tag, wie jedes Jahr.