Wenige Wochen nach Martina Fehrlen in Urbach wurde nun auch Reinhard Molt in Remshalden als Bürgermeister abgewählt. Dabei waren beide überzeugt, solide Arbeit geleistet zu haben.
Auch der Remshaldener Bürgermeister Reinhard Molt war am Sonntag unter jenen, die bei der Schultes-Wahl die Stimme abgeben durften – und man kann trotz des Wahlgeheimnisses erahnen, wo er sein Kreuzchen gemacht hat. Zwischendurch schaute er auch noch im rund 15 Kilometer remsaufwärts gelegenen Urbach (Rems-Murr-Kreis) vorbei, um der Verabschiedung der im März abgewählten dortigen Amtskollegin Martina Fehrlen beizuwohnen. Da hatte Molt eher nicht damit gerechnet, dass eine ähnliche Zeremonie ausgerechnet für ihn selber in ein paar Wochen folgen würde.
Denn der 61-Jährige hatte klar auf Sieg gesetzt, also auf eine Wiederwahl in der Remstal-Gemeinde mit ihren rund 15.000 Einwohnern. Vor acht Jahren war er schließlich mit rund 71 Prozent der Stimmen mit deutlicher Mehrheit zum Bürgermeister gewählt worden.
Mehr als 80 Prozent gegen Amtsinhaber
Doch jetzt das: Molt wurde am vergangenen Sonntag mit lediglich 15,5 Prozent klar abgewählt. Sein Nachfolger heißt Kevin Latzel; der 46-Jährige ist derzeit noch Bezirksvorsteher in Stuttgart-Untertürkheim. Er kam auf 51,6 Prozent. Der Zweitplatzierte Felix Wiesner, in Remshalden bekannt als Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion, erreichte 32,6 Prozent – doppelt so viel wie der Amtsinhaber. Die von den meisten Beobachtern erwartete Stichwahl unter den zwei Bestplatzierten war somit gar nicht mehr notwendig.
Nur um die 15 Prozent für ihn, das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr als 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler mit seiner Arbeit nicht einverstanden waren und gegen ihn stimmten. Reinhard Molt muss bei der Antwort, wie es so weit kommen konnte, hörbar schlucken. „Ich kann das alles nur schwer erklären“, sagt er am Telefon. Eigentlich war er davon ausgegangen, wenn nicht gleich im ersten Wahlgang, dann eben im zweiten die Mehrheit zu erhalten und weitere acht Jahre, also die komplette Amtszeit hindurch, die Verwaltung im Rathaus anführen zu dürfen.
„Meine Arbeit in Remshalden ist noch nicht zu Ende“, sagte er etwa in der öffentlichen Kandidatenvorstellung zweieinhalb Wochen vor dem Urnengang. Er wolle weitere wichtige zentrale Projekte für Remshalden umsetzen. Molt benannte als Themen Bildung und Betreuung, Klimaschutz und Krisenvorsorge, Ehrenamt und Vereine und warb generell für eine „Kultur des Miteinanders“.
Honoriert wurde das nicht. „Ich habe auf Erfahrung und Kontinuität gesetzt“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion nach dem Wahldebakel, und auf Ortskenntnis nach „in der Summe 20 Jahren in Remshalden“. Seine Selbsteinschätzung: „Sagen Sie mir, wo es klemmt, ich kümmere mich darum.“
Doch diese Werbebotschaften verhallten im Nirgendwo. Der Gegenwind war zu groß – obwohl die schlechte Stimmung im Wahlkampf gar nicht so offensichtlich war. Die Beifallsbekundungen nach den jeweiligen Reden der drei Kandidaten bewegten sich auf ähnlichem Level, was einen Dreikampf an der Wahlurne erwarten ließ. Ohnehin wurde der Wahl-Wettstreit von den Beteiligten wie auch allen Lokalpolitikern als fair eingestuft.
Ähnlich sachlich und fair verlief offenbar auch der Wahlkampf in Urbach. Doch auch dort gelang es der Amtsinhaberin nicht, durch den Verweis auf die vielen Projekte, die sie angestoßen habe und zu Ende bringen wolle, zu punkten. Sie habe die Ziele von 2018 überprüft, erklärte sie vor der Wahl, hinter jedes könne ein Haken gesetzt werden, nach dem Motto: „Versprochen – gehalten.“ Doch gut drei Viertel wählten den Herausforderer Marcel Schindler aus dem Nachbarort Plüderhausen. Für Fehrlen blieb nicht mal ein Viertel der Stimmen übrig, sodass bei ihr wie kurz danach bei Molt nach einer Amtsperiode als Bürgermeister Schluss war.
Die Muster ähneln sich in beiden Remstalkommunen: „Urbach wollte den Wechsel“, heißt es in der Wahlanalyse, und auch „Remshalden wollte den Wechsel“, wie Molt jetzt erkennen musste. Dabei wurden ihm gar keine großen Verfehlungen zur Last gelegt.
Spürbar war die Verärgerung eher in den Höhenlagen, so im Teilort Buoch, wo eines Tages umstrittene Windräder in den Himmel ragen könnten. Auch bezüglich der geplanten Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Gasthaus Krone in Buoch wurden Molt Fehler in der Kommunikation vorgehalten, die Verwaltung habe nicht ausreichend informiert. Der Rathauschef räumte bei dem Thema bereits vor etlichen Monaten Defizite in der Informationsweitergabe an den Gemeinderat und somit auch an die Öffentlichkeit ein – das Eingeständnis half allerdings nicht mehr so recht.
Und so schaukelte sich all das zu einer Unzufriedenheit hoch, die eher unterschwellig gärte, als dass sie in lautstarken Vorwürfen gipfelte. Auch die beiden Herausforderer hoben darauf ab, dass man eben die Bevölkerung bei Entscheidungen auch mitnehmen müsse.
Molt-Nachfolger Kevin Latzel nennt zumindest indirekt dessen Defizite, indem er darauf abhebt, was in der Lokalpolitik erforderlich sei: „Es geht um Klarheit und Ehrlichkeit“. Man müsse bei schwierigen Themen „mit den Menschen sprechen, man muss sie mitnehmen, dann verstehen sie die Beweggründe fürs jeweilige Handeln auch“. Mit „mangelnder Transparenz“ schaffe man keine Bürgernähe und dürfe man nicht auf Unterstützung oder Glaubwürdigkeit hoffen.
„Keine goldenen Löffel geklaut“
Der nun nur noch bis Anfang Juli amtierende Bürgermeister Molt ist jedenfalls trotz der Abwahl mit sich im Reinen: „Ich habe mir persönlich nichts vorzuwerfen“, sagt er und wählt eine plakative Formulierung: „Ich habe keine goldenen Löffel geklaut.“ Er werde nun wohl in Pension gehen.
Aus seiner Enttäuschung über den Wahlausgang macht er freilich keinen Hehl: „Ich muss mit einer solchen Niederlage umgehen.“ Eine Antwort, warum das Votum „so deutlich, so vehement“ gegen ihn ausgefallen ist, hat er jedoch trotz manch schlafloser Nacht bisher nicht gefunden.