Nach einem halben Jahrhundert und 100 Semestern beendet Ulrike Mensing ihre Englisch-Konversationskurse an der Volkshochschule Esslingen.
Im Landolinshof unterm Dach hat sie 1972 begonnen, später hat sie im Faulhaberschen Haus, im Bebenhäuser Pfleghof, in Räumen an sämtlichen Esslinger Gymnasien, im Dick-Center und natürlich in den letzten Jahren auch im neuen VHS-Gebäude auf dem Hengstenberg-Areal unterrichtet. 50 Jahre ist es her, dass Ulrike Mensing ihren ersten Englisch-Kurs an der Volkshochschule (VHS) Esslingen übernahm. In diesem Sommer hört sie damit auf: „Ich habe immer gesagt: Das halbe Jahrhundert mache ich voll. Die 70 Dienstjahre wie die Queen, die schaffe ich eh nicht“, sagt die 74-Jährige lachend. Ihre Kurse bei der VHS Aichwald und ihre privaten Englisch-Gesprächsrunden führt sie weiter: „Damit habe ich später begonnen, da sind es noch keine 50 Jahre.“
Loben ist viel besser als ständiges Kritisieren
Gestartet war sie einst mit einem kleinen rosa Grammatikwerk. 20 Jahre und 40 Semester später hatten Mensings Gruppen sämtliche erhältlichen Lehrbücher durch: „Dann machen wir eben ohne Buch weiter“, entschied die Kursleiterin, die sich regelmäßig im In- und Ausland fortgebildet hat. Es wurde nur Englisch gesprochen in den Konversationskursen. Ausgangspunkt für die regen Gesprächsrunden war meist ein Erlebnis, eine Reise, ein Konzert- oder ein Ausstellungsbesuch, von dem ein Teilnehmer berichtete. „Sie hören aufmerksam zu, sie fragen sich gegenseitig, jeder trägt eigenes Wissen bei, und schon sind wir im schönsten Austausch“, beobachtete Ulrike Mensing. Immer mal wieder machte sie in den 90-minütigen Sitzungen auf grammatikalische oder Aussprache-Fehler aufmerksam, unternahm einen kleinen Exkurs zu Zeitformen oder sprachlichen Besonderheiten und schrieb ein paar neue Vokabeln an die Tafel. Frei nach Mensings Wahlspruch „Wörter allein sind nichts“ wurden neue Ausdrücke aber immer sofort in einen Satz eingebaut. Vehement plädiert Ulrike Mensing für lebendige Konversation statt für dröges Vokabelpauken. Als sie selbst nach ihrem deutschen Schulabschluss ein Jahr in Kalifornien zur Schule ging, hat sie dort ein Grundprinzip amerikanischer Pädagogik kennengelernt, das sie sich für ihre eigene Unterrichtstätigkeit stets zu Herzen genommen hat: „Loben, loben, loben. Das ist viel erfolgreicher als ständiges Kritisieren.“
In VHS-Kursen entstehen auch Freundschaften
Sie hat Anfänger und Fortgeschrittene unterrichtet, aber auch viele, die ihr eingerostetes Englisch auffrischen wollten. Nicht wenige besuchten die Kurse auch wegen des Miteinanders in den Gesprächsrunden, in denen auch einige private Freundschaften entstanden sind. „Eine Dame hat mir zum Abschied gesagt: ‚Ihr VHS-Kurs montagmorgens um neun ist für mich jedes Mal ein guter Start in die neue Woche‘“, erzählt Ulrike Mensing. Und eine der Damen, die seit 50 Jahren mit dabei ist, ist zu Mensings engster Freundin geworden.
Es waren hauptsächlich Frauen, die in die „English Conversation“-Kurse kamen: „Frauen trauen sich eher und sagen: ‚Das kann ich nicht, das will ich jetzt lernen.‘ Männer haben oft Angst, sich etwas auszusetzen, bei dem sie nicht perfekt sind“, hat die Dozentin beobachtet. Ulrike Mensing ermutigt ihre Teilnehmerinnen, von denen einige seit fast 50 Jahren mit von der Partie sind, zum Sprechen – selbst wenn ihnen mal ein Fehler unterläuft: „Viele gehören einer Generation an, für die gilt: Nur wenn man perfekt ist, darf man den Mund aufmachen. Bei mir im Kurs trauen sie sich, sie verlieren die Angst vor der Sprache, und sie merken, dass sie sich in der Fremdsprache mitteilen und verständigen können.“ Die Teilnehmerinnen schätzen Ulrike Mensing nicht nur für ihr immenses Wissen, ihre Liebe zur englischen Sprache, Kunst und Literatur, sondern auch für ihre positive Zugewandtheit, ihren Elan und ihre ansteckende Begeisterung.
Kursteilnehmer sind immer wieder auch auf Reisen gegangen
Und weil Ulrike Mensing davon überzeugt ist, dass man eine Sprache am besten im entsprechenden Land lernt, begann sie vor vierzig Jahren in privater Initiative, immer wieder für ihre Kursteilnehmer Reisen zu organisieren, bei denen ein besonderes Augenmerk auf englischer Architektur, Kunst, Musik und Geschichte lag. Da ging es auf Exkursion nach London, Wales und Schottland. Aber auch die amerikanische Ostküste mit New York und die Westküste mit Kalifornien wurden bereist. „Ich teile mein Wissen so gern mit anderen Menschen, und ich freue mich, wenn ich sie mit meiner Begeisterung anstecken kann“, betont Ulrike Mensing.
Tee und Kekse
Ausbildung
Die Dozentin Ulrike Mensing, die in Strümpfelbach aufgewachsen ist, hat eine Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin abgeschlossen. Als ihre Kinder größer waren, hat sie Englischkurse in großen Firmen und an Volkshochschulen gegeben. Mit 50 Jahren hat sie am Abendgymnasium das Abitur nachgeholt und anschließend Anglistik und Kunstgeschichte studiert.
Kurse
Seit 1980 lebt Ulrike Mensing in Aichwald. Sie gibt an der dortigen Volkshochschule Konversationskurse, sie unterrichtet Deutsch für Geflüchtete, und sie versammelt zuhause um ihren großen Esstisch eine Poetry-Group, die über Gedichte spricht, sowie einige private kleine Englisch-Gesprächsrunden unter dem Motto „Tea and Cookies in the Morning“, also Tee und Kekse am Morgen. „Tea and Cookies, das gab es während meiner Zeit in Kalifornien immer dann, wenn irgendein Problem zu lösen war“, erzählt sie lachend.