Rouven Kasper arbeitete von Januar 2022 für den VfB Stuttgart als Marketingvorstand der AG. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Nach vier Jahren verlässt der Marketingvorstand Rouven Kasper die VfB Stuttgart 1893 AG – und schwärmt im Exklusiv-Interview zum Abschied von den Perspektiven des Clubs.

Seit Anfang 2022 gestaltete Rouven Kasper Gegenwart und Zukunft des VfB Stuttgart mit. Nun hat sich der Marketingvorstand der VfB AG verabschiedet, um nach einem Monat Pause im Januar 2026 beim FC Bayern in selber Funktion zu beginnen. Im Interview blickt er auf die vergangenen vier Jahre – und in die Zukunft, die vor dem VfB liegt.

 

Herr Kasper, Ihre Liaison mit dem VfB ist nun Geschichte – wie emotional war der Abschied?

Ich muss zugeben: Schon die vergangenen Wochen nach der Ankündigung meines Weggangs vom VfB waren sehr emotional. Richtig intensiv war dann die vergangene Woche. Am Montag habe ich mein Büro ausgeräumt, mich am Dienstag von der kompletten Belegschaft verabschiedet – da hat mich Alexander Wehrle, unser Vorstandsvorsitzender, noch einmal voll erwischt.

Inwiefern?

Ich bin ein emotionaler Mensch, woraus ich mir auch meine tägliche Energie hole. Und leider weiß das Alex ganz genau. Ich hatte ihn vor diesem gemeinsamen Frühstück mit den Mitarbeitenden noch gebeten, es sein zu lassen – aber er hat in seiner schönen und wertschätzenden Rede noch einmal die entsprechenden Knöpfe gedrückt. Ein persönliches Lied habe ich auch noch bekommen. Da konnten die Tränen nicht zurückgehalten werden.

Und dann?

Hab ich mein Auto abgegeben, alles, was noch im Büro war, in einen Karton gepackt, mir ein Carsharing-Fahrzeug gebucht und bin nach Hause zu meiner Familie gefahren. Dann kam noch die Reise nach Deventer und Hamburg.

Alles in allem...

...tut es schon weh, den VfB und die ganzen tollen Menschen hier zu verlassen. Allerdings habe ich auch jetzt schon große Lust auf die neue Herausforderung.

Vier Jahre im Vorstand des VfB – das klingt nicht besonders lange, war vermutlich aber intensiv, oder?

Absolut – und der Beginn im Januar 2022 war brutal und ganz anders als wir jetzt dastehen.

Warum?

Es war die Stimmung innerhalb des Vereins. Wenn man damals durch die Flure der Geschäftsstelle gelaufen ist, waren alle Türen geschlossen. Und wenn sie doch mal geöffnet wurden, dann fast nur, um sich zu duellieren. Dazu waren unsere Kennzahlen wirklich mehr als besorgniserregend. Da war kaum mehr Substanz vorhanden, die Lage war angespannt. Und sportlich sah es ja auch nicht viel besser aus.

Wie sind Sie dem begegnet?

Ich wusste: Das kannst du nur zu einhundert Prozent und mit vollem Commitment angehen – oder du musst dich wieder verabschieden, beziehungsweise, fliegst aus der Kurve. Passend zu mir habe ich mich für volle Intensität entschieden.

Was war entscheidend, dass das Gebilde nach und nach stabiler wurde?

Wenige Wochen nach meiner Ankunft ist Alexander Wehrle zum VfB zurückgekehrt – und damit ein Mann mit viel Management-Erfahrung in diesem Business. Gemeinsam haben wir versucht, wieder Ruhe in AG und Verein zu bekommen und im Vorstand der AG dann recht zügig das Strategiepapier 2026 erarbeitet, damit haben wir Leitplanken gesetzt, die uns geholfen haben, beim VfB etwas nachhaltig zu entwickeln.

Papier ist geduldig.

Das stimmt, aber in jedem Jour fixe, in jeder Mitarbeiterversammlung, in jedem Meeting ging es immer um diese formulierten Ziele. Zudem haben wir uns als Vorstand immer geschlossen präsentiert. Damit wussten die Kolleginnen und Kollegen auch immer warum sie was tun und dass dies unumgänglich für unsere Entwicklung ist. Das hat Orientierung gegeben und Verständnis geschaffen.

Wie lief das mit Winamax?

Für was?

Es ist – vor allem auch intern – ja nicht immer leicht zu vermitteln, dass wir sehr viel in Digitalisierung investiert haben, auf der anderen Seite aber harte Sparmaßnahmen umgesetzt haben. Dass wir im Bereich der Internationalisierung aktiv waren, während wir sportliche gegen den Abstieg gekämpft haben. Das geht nur, wenn man es gut und mit einem klaren Ziel erklären kann. Im nächsten Schritt hat vor allem Alex den sportlichen Bereich neu aufgestellt.

...und im Herbst 2022 Bruno Labbadia geholt...

...was nicht so funktioniert hat, wie wir uns das vorgestellt und im Nachgang auch offen gesagt haben. Auch das gehört zur Transparenz unserer Arbeit. Umso wichtiger war dann die Verpflichtung von Sebastian Hoeneß als Cheftrainer. Im Rückblick war das sicher eine der wichtigsten und weitreichendsten Entscheidungen für den VfB während der vergangenen Jahre. Damit konnten wir endgültig eine neue Story schreiben. Wir wollten den Club, die Marke VfB wieder positiv besetzen, nahbar, sozial aktiv und im Stadtgeschehen präsent sein.

Ohne sportlichen Erfolg, heißt es im Fußballbusiness meist, ist alles nichts.

Natürlich kannst du viel in eine Fußballmarke und gesellschaftliches Engagement investieren, wenn deine Mannschaft aber keinen Erfolg hat, tust du dich schwer, positive Emotionen zu wecken. Dennoch sage ich: Du brauchst einen klaren Plan, gute Netzwerke – und selbstverständlich auch Vertrauen von deinem Umfeld sowie ein bisschen Glück, dass sich alles so entwickelt, wie du es dir vorgestellt hast. Dass es Sebastian Hoeneß gelungen ist, den VfB sportlich umzudrehen, war unfassbar wichtig und stark. Damit in Kombination kannst du wieder Sympathie und Glaubwürdigkeit erzeugen – und es öffnen sich Türen bei Stakeholdern, die dich davor nicht einmal angeschaut haben.

Vorletzte gemeinsame Dienstreise: Rouven Kasper (re.) und Alexander Wehrle beim Abflug nach Deventer. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Zum Beispiel bei Porsche?

Zum Beispiel. Gemeinsam mit Mercedes konnten wir da im Sommer 2023 einen weiteren Meilenstein setzen – und auf Basis dieser Story kamen weitere starke Partner und Sponsoren hinzu. Heute steht der VfB diesbezüglich auf einem sehr breiten und mittlerweile auch starken Fundament. Dazu kommen Rekorderlöse im Merchandising, die riesige Nachfrage nach Tickets und ein Gesamtumsatz, der sich in Richtung 400 Millionen Euro entwickelt. Man kann wirklich sagen: Die Region spürt und brennt wieder für den VfB.

Woran machen Sie das fest – außer an den Zahlen?

Wissen Sie, mir ging das anfangs wirklich auf die Nerven: Beispielsweise an jeder Tankstelle und in vielen Supermärkten in Stuttgart und der Region habe ich lediglich Fanartikel des FC Bayern, von Borussia Dortmund und manchmal sogar vom FC Schalke 04 gesehen. Aber ausgerechnet der VfB war so gut wie nicht vertreten. Wir haben dann Experten für verschiedene Marketing- und Vertriebsbereiche eingestellt, um hier substanziell Strukturen aufzubauen, auf deren Basis wir nun andere Vermarktungszahlen generieren. Das wird sicher noch besser werden. Wir wollen alle Kinder und Jugendlichen vom Bodensee bis nach Würzburg begeistern und zu VfB-Fans machen.

Nicht alle Maßnahmen, die Geld brachten, wurden öffentlich bejubelt. Im Sommer 2023 präsentierten Sie den Wettanbieter Winamax als Hauptsponsor.

Wir hatten schon eine mündliche Abmachung mit einem Weltmarktführer aus der Region als neuem Hauptsponsor geschlossen, dann platzte der Deal aber wegen interner Gründe aufseiten des Unternehmens. Dafür konnten wir nichts – standen sieben Wochen vor der Saison aber ohne Hauptsponsor da. Dann kam Winamax ins Spiel – und wir haben in Paris in vielen Gesprächen versucht, das Maximum für den VfB zu erreichen. Im Wissen, dass wir intern wie extern keine Begeisterungsstürme auslösen würde. Aber es gab eben nur zwei Optionen: Winamax mit einem wirklich guten Angebot oder eine blanke Brust. Was uns Millionen und sicher auch Teile unserer positiven Entwicklung gekostet hätte.

Hätten Sie nicht auf Zeit spielen können?

Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen mit blanker Brust in die Saison und sitzen dann bei möglichen Sponsoren. Die Verhandlungsposition wäre maximal schlecht, du musst dich komplett unter Wert verkaufen und brauchst Jahre, das Niveau wieder nach oben zu schrauben. Also haben wir das durchgezogen.

Auch der Tunnelclub im Zuschauer-Luxussegment gefällt nicht allen.

Nur, weil es nicht jeder und jede toll findet, kann man es ja nicht sein lassen. Es gibt so viele Menschen, die auf uns zugekommen sind und gesagt haben: so etwas habe ich noch nie gesehen, da will ich dabei sein. Das ist eine Nische, die bedienen wir – und haben dabei Maßstäbe gesetzt.

Wenn man Sie so vom VfB, der Region und Ihrer Arbeit reden hört, stellt sich die Frage: Warum geht der überhaupt?

Es ist ja immer die Frage: Bleibt man im Hier und Jetzt, zumal in der eigenen Heimat und mit besten Perspektive – persönlich und für den Club? Mir geht es wirklich super, mir fehlte hier rein gar nichts – im Gegenteil: Ich war ja sogar meist derjenige, der den schwäbischen Bizeps in Richtung der Bundesliga-Konkurrenz am meisten angespannt hat.

Aber...

...dann kommt eben dieser eine Anruf. Und bei aller Emotionalität, die ich für die Region und den VfB habe, gibt es auch den rationalen Blick. Und da muss man einfach zugeben: In Bezug auf meinen Aufgabenbereich ist der FC Bayern noch einmal eine andere Welt. Diese Wucht, Emotion und Faszination, die dieser Club ausstrahlt, ist schwer nachzuvollziehen, wenn man das Konstrukt noch nicht von innen erlebt hat. Ich habe das schon erfahren dürfen und habe nun die Chance, einer von drei Vorständen in einem der größten Fußballclubs der Welt zu sein. Das ist eine enorme Herausforderung – die ich nicht umschiffen möchte und auf die ich einfach sehr große Lust habe.

Und wie groß ist der schwäbische Bizeps zum Zeitpunkt Ihres Weggangs?

(Lacht) Da stecken auf jeden Fall keine Anabolika drin. Er ist natürlich gewachsen, knüppelhart, stark und gesund. Der VfB hat Substanz. Ich bin sicher: Wenn man sich weiter an den aktuell bis 2030 festgelegten Strategien orientiert, wird es für den VfB weiter vorwärts gehen. Zumal auch hohe sportliche Substanz im Club steckt. Ich meine, wir haben gerade erst angefangen.

Wohin gehört der VfB innerhalb der Bundesliga?

Wo wir derzeit stehen, gehören wir auch hin. Aber ich sehe beim VfB strukturell auf jeden Fall die Möglichkeit, Teams zu überholen, die aktuell noch vor ihm stehen.