Schüler aller Klassenstufen freuen sich über die Plakate – Schulleiter Müller spricht liebevoll von „Plakattourismus“. Foto: Werner Kuhnle

Am Freitag beginnt das Abi. An vielen Orten helfen sogenannte Motivationsplakate den Abiturienten durch die Prüfungszeit. Warum diese Tradition am FSG Marbach mehr ist als nur Deko.

Es ist 10 Uhr am Morgen, und vor Bauzäunen im Hof des Friedrich-Schiller-Gymnasiums (FSG) hat sich eine kleine Gruppe Abiturienten versammelt. Sie schlendern von Plakat zu Plakat, bleiben stehen, lachen über kreative Sprüche und machen sich gegenseitig auf besonders gelungene Details und witzige Bilder aufmerksam.

 

Zwei von ihnen, die unter ihren Spitznamen Kalle und Mausi bekannt sind, bleiben schließlich vor „ihrem“ Plakat stehen – und strahlen. Sichtlich stolz zeigen sie, was ihre Freunde – die „Supporter“ für sie gestaltet haben: ein Motiv im Kegel-Look.

Das Kegel-Plakat für die Clique von Schatzi und Kalle. Foto: Emanuel Hege

„Wir gehen als Gruppe öfter unter der Woche kegeln und danach noch etwas trinken“, erzählt Mausi und deutet auf die vielen liebevollen Details. Der Name ihrer WhatsApp-Gruppe taucht ebenso auf wie persönliche Botschaften für jedes Mitglied der Clique. Über allem steht der Satz: „Pins fall but also rise“ – eine Anspielung darauf, dass Kegeln wie das Leben selbst ein Kreislauf aus Hinfallen und Aufrichten ist. Und man sich während dieses Kreislaufes als Freundesgruppe unterstützt.

Die sogenannten Abi-Motivationsplakate gehören in Marbach seit Jahren fest zur Prüfungszeit. Am größten Gymnasium Baden-Württembergs mit rund 260 Abiturientinnen und Abiturienten wird die Tradition besonders intensiv gepflegt – und bedeutet auch einen gewissen Organisationsaufwand. Der Schulleiter und Schülersprecher erklären, warum diese so wichtig für die Schüler sind.

Plakattourismus läuft auf Hochtouren

Einerseits läute das Aufhängen der Plakate die Prüfungszeit offiziell ein, beschreibt Schulleiter Volker Müller die Tradition. „Noch wichtiger ist jedoch, dass sie in dieser ernsten Zeit auch entlastende Momente bietet.“ An den Plakaten kommen die Abiturienten zusammen, haben Spaß, und Müller hat das Gefühl, dass Stress und Ängste für einen Moment von ihnen abfallen. Das bestätigt Schülersprecher Patrick Fischer. „Da stecken viele Emotionen dahinter, und es erinnert uns daran, dass wir während der Prüfungsphase nicht alleine sind.“

Doch auch die anderen Stufen haben etwas von den Plakaten. Es entstehe ein regelrechter „Plakattourismus“, wie es Volker Müller beschreibt. Einige der Schüler, die nächstes Jahr Abitur machen, hätten sich bereits erkundigt, ob man die Plakate im Schulsekretariat bestellen darf, sagt Müller und lacht.

Für Schulleiter Volker Müller sind die Plakate eine Kultur, die es zu pflegen gilt. Foto: Werner Kuhnle

Laut Patrick Fischer sind die Plakate mit Fotos, Sprüchen und Witzen Gesprächsstoff an der ganzen Schule. „Ich habe meinen Eltern extra gesagt, nichts Unangenehmes aufzuhängen – weil es die ganze Schule sehen wird“, sagt Fischer und lacht. Seine Mutter arbeite schon seit Wochen an dem Plakat, bisher habe er es noch nicht zu Gesicht bekommen.

Das Phänomen der Motivationsplakate soll laut Medienberichten seinen Ursprung vor rund 15 Jahren im Rhein-Main-Gebiet haben und hat sich von dort vor allem im Süden Deutschlands ausgebreitet. Das FSG war im Umkreis wohl eine der ersten Schulen, die die Tradition aufgriffen – hier gibt es die Plakate seit mindestens zehn Jahren. Anfangs waren es nur ein paar selbst gebastelte Plakate an der Schulfassade und an den Eingangstüren. Doch schnell begann ein Wildwuchs, es kam zu Platzproblemen an der Fassade, teilweise wurden ganze Bettlaken irgendwo an die Schule gehängt. „Unsere Hausmeister haben die Krise bekommen“, sagt Schulleiter Müller.

Plakate sind Teil eines ganzheitlichen Ansatzes

Seit rund drei Jahren hat die Schulleitung gemeinsam mit den Oberstufenlehrern die Praxis daher in geregelte Bahnen gelenkt – mit Bauzäunen zum Aufhängen sowie klaren Start- und Endzeitpunkten. Im März veröffentlichte die Schule einen Regelkatalog, der unter anderem Klebeband verbietet und die maximale Größe der Plakate festlegt. Die Schüler haben Verständnis für die teils strengen Regeln, sagt Schülersprecher Patrick Fischer. Einige helfen sogar beim Aufbau der Bauzäune.

Das FSG pflegt die Tradition – das ist offensichtlich. Beim genaueren Hinsehen ergibt das aber auch Sinn. Denn die Plakate sind Teil eines größeren Gedankens: Die Schüler sollen nicht nur fachlich durch die Oberstufe und das Abitur begleitet werden, sondern auch emotional. Fünf Lehrerinnen und Lehrer bilden das sogenannte Oberstufenteam, einer von ihnen ist Holger Knauf. „Es geht nicht nur darum, die Schüler über die Fächerwahl für die Oberstufe zu informieren, wir wollen sie über die zwei Jahre begleiten und ein Vertrauensverhältnis aufbauen.“

Dass das Wirkung zeigt, bestätigt Schülersprecher Patrick Fischer: „Die Lehrer des Oberstufenteams sind immer ansprechbar. Die Schüler gehen auch mit Zweifeln und Ängsten auf sie zu.“ Die Lehrerinnen und Lehrer schaffen laut Fischer eine gute Gratwanderung zwischen der nötigen Ernsthaftigkeit für den Abschluss und Auflockerungen sowie Unterstützung.

Gerade jetzt während der Prüfungsphase sei jederzeit mindestens ein Lehrer des Oberstufenteams in einem speziellen Raum ansprechbar. „Das Angebot wurde in den ersten Tagen schon rege genutzt“, sagt Knauf. Beispielsweise kamen Abiturientinnen und Abiturienten mit Fragen zu Schlafproblemen zu ihnen, rechneten gemeinsam noch einmal den Notenschnitt durch oder ließen sich beraten, was man am besten während der Prüfung isst.