Skispringer im Schneetreiben: Philipp Raimund (li.) und Andreas Wellinger. Foto: IMAGO/NTB

Eine umstrittene Entscheidung der Jury kostet Philipp Raimund und Andreas Wellinger im Schneechaos von Predazzo die Chance auf eine Olympia-Medaille – die Aufregung ist groß.

Hätte man dem deutschen Skisprung-Team vor den Winterspielen versprochen, dass es mit einer Goldmedaille im Gepäck nach Hause fahren würde, Bundestrainer Stefan Horngacher und seine Jungs hätten begeistert angenommen. Philipp Raimund ist dann tatsächlich gleich bei der ersten Gelegenheit von der Normalschanze Olympiasieger geworden, glücklich war am Ende aber trotzdem niemand. „Gold überstrahlt natürlich alles“, sagte Horngacher, „aber die beiden vierten Plätze in den Mannschaftsspringen tun richtig, richtig weh.“

 

Vor allem die Olympia-Premiere im Super-Team schmerzte. Nachdem die Jury am Montagabend den Wettbewerb abgebrochen hatte, waren die Deutschen nicht nur bitter enttäuscht, sondern auch wütend. „Wir stehen total bedröppelt da“, schimpfte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel, „es fühlt sich an, als wäre uns eine Medaille genommen worden. Ich bin richtig sauer, weil es keiner von uns versteht.“ Ähnlich dachte Andreas Wellinger: „Was für ein beschissenes Ende!“ Und auch Philipp Raimund war bedient. „Das kotzt mich an“, sagte er, „mein letzter Sprung war eine Medaille wert.“ Und trotzdem wurde nichts aus einem Podestplatz – in einem höchst chaotischen Wettbewerb.

Plötzlich verändert sich das Wetter

Im Super-Team hat jeder Athlet drei Sprünge. Bis kurz vor Ende war es ein spannender Wettbewerb. Wellinger hatte alles gegeben, fiel mit 127,5 und 123,5 sowie 130,0 Metern gegenüber seinem Kollegen aber deutlich ab. Denn Philipp Raimund war super drauf. Weil er 137,0 und 137,5 Meter gesprungen war, bestand noch eine kleine Medaillenchance – als das Wetter kippte.

Toller Sprung bei starkem Schneefall: Philipp Raimund. Foto: IMAGO/GEPA pictures

Es begann in Predazzo zu schneien wie noch nie während dieser Winterspiele, dazu herrschte plötzlich starker Aufwind. Und oben standen noch sechs Springer. Es dauerte sehr lange, bis Domen Prevc starten durfte, nachdem sein Trainer den Anlauf hatte verkürzen lassen. Das Risiko zahlte sich nicht aus, die Slowenen waren raus. Anschließend zeigte Philipp Raimund in dichtem Schneetreiben einen Traumflug auf 136 Meter – im Auslauf wurde er von Andreas Wellinger bejubelt, als sei die Medaille schon sicher. Doch dann begann das Warten.

Ein irregulärer Wettbewerb

Die Jury überlegte lange, was zu tun sei. Es schneite weiterhin stark, der Wind blies kräftig von vorne. Ohne einen Vorspringer einzusetzen, wurde nach mehreren Minuten, in denen sich die Springer oben am Turm mit Decken gegen den Schnee zu schützen versuchten, der Pole Kacper Tomasiak hinuntergelassen. Die zugeschneite Spur war klar zu langsam, der Pole sprang viel zu kurz und büßte den Silber-Rang ein, auf dem sein Team gelegen hatte. Nun war klar: Dieser Wettbewerb ist irregulär.

Die Jury überlegte wieder einige Minuten – und brach den Wettkampf drei Sprünge vor dem Ende ab. Gewertet wurde stattdessen das Ergebnis nach zwei von drei Durchgängen. Gold ging an die klar überlegenen Österreicher Jan Hoerl und Stephan Embacher, Silber an Polen und Bronze an Norwegen, Deutschland lag 0,3 Punkte dahinter. 16 Zentimeter (!) fehlten Raimund und Wellinger zur Medaille – das war extrem bitter. Und die Aufregung groß.

Horst Hüttel kritisiert „schlechtes Wettkampf-Management“

Von deutscher Seite gab es zwei Vorwürfe an die Jury. Erstens hätte sie den Wettkampf schneller durchziehen sollen. Und nachdem das nicht passiert war, hätte sie länger warten müssen. Denn schon kurz nach dem Abbruch hatte der Schneefall aufgehört – wie von den Wetter-Apps vorhergesagt. „Fair wäre gewesen, den letzten Durchgang bei dann wieder normalen Bedingungen neu zu starten“, sagte Horst Hüttel, der sich sichtlich schwertat, seine Gefühle zu kontrollieren, „die Jury hat schlecht agiert, das war einfach schlechtes Wettkampf-Management. Dass es keinen Restart gab, verstehe ich nicht.“ Womöglich wegen des Fernsehens?

Sandro Pertile, der Renndirektor des Ski-Weltverbandes Fis, wies jedenfalls nicht nur auf die extreme Wetterlage hin („Nach dem Wettkampf ist es immer einfach zu sagen, man hätte warten sollen“), sondern auch auf den Druck durch die vordefinierten Rahmenbedingungen: „Wir wissen alle, dass wir eine begrenzte TV-Zeit haben.“

Auch diese Erklärung hat – logisch – den Frust der Deutschen über den aus ihrer Sicht ebenso unglücklichen wie unfairen Ausgang nicht gemindert, auch wenn natürlich alles andere als sicher war, dass es nach einem Neustart tatsächlich zu einer Medaille gereicht hätte. So blieb ein höchst bitterer Beigeschmack, erst recht, weil schon im Mixed-Team nach acht Sprüngen nur 66 Zentimeter zu Bronze gefehlt hatten. „Wir haben einmal Gold gewonnen“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher, „aber wir hätten definitiv mehr verdient gehabt.“