Aufnahme aus dem Jahr 2016: Fotograf Dieter Blum in seinem alten Fotostudio in Esslingen-Hegensberg. (Archivfoto) Foto: Horst Rudel

Als „junger Wilder“ war er in Esslingen gestartet. Heute ist Dieter Blum ein Starfotograf. Wie kam es dazu?

Die Erde glüht in grellen Farben. Ein Cowboy galoppiert auf seinem Pferd darüber hinweg. Wie weiße Punkte erscheinen sie in dem flammenden Rot. Die Kamera hat sie von oben eingefangen. Ein Hut verdeckt das Gesicht des Reiters. Die Perspektive macht ihn gesichtslos, namenlos, anonym, austauschbar. Im Mittelpunkt stehen Kraft, Dynamik, Bewegung, die Einheit von Pferd und Mensch. Ein Kunstwerk? Eine Fotografie? Ein fotografisches Kunstwerk, das ein gebürtiger Esslinger gemacht hat - Starfotograf Dieter Blum. Im Januar wurde er 90. Das Esslinger Stadtmuseum „Gelbes Haus“ ehrt ihn mit einem Ausstellungsobjekt.

 

Der Meister der Linse zeigt ein Best-of seiner Fotografien auf seiner Homepage: Cowboys, Dirigent Herbert von Karajan, erotische Ästhetik, ein Gesicht in gebremster Ekstase, eine Kunstperformance und noch mehr Cowboys. Dieter Blum lässt seine Bilder sprechen. Doch mit biografischen Hinweisen geizt er. Er lebt in Düsseldorf, ist virtuell zu lesen. Er hat für Stern, Geo, Spiegel, Time, das Zeitmagazin, Vanity Fair oder das FAZ-Magazin gearbeitet. Und Preise eingeheimst. Das war es schon fast. Das Geburtsdatum gibt es noch als Information – 1936. Dann Schweigen. Die städtischen Museen Esslingen sind da auskunftsfreudiger.

Hansjörg Albrecht, der Leiter der städtischen Museen Esslingen, hat ein altes Plakat zu einer von Dieter Blum organisierten Fotoausstellung aufgestöbert. Foto: Roberto Bulgrin

Zum Runden, zum 90. Geburtstag des Meisters der bildnerischen Opulenz hat Museumsleiter Hansjörg Albrecht ein spartanisch wirkendes Plakat ausgegraben: Es wird ab Dienstag, 3. Februar, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt als Ausstellungsobjekt gezeigt und macht auf den ersten Blick wenig her. Ein kleines Frauenportrait, Rechtecke in Weiß, Schwarz und Rot, die Aufschrift „Europafoto 1960“, der Hinweis „Große europäische Fotoausstellung“ – das war’s. Das Poster wirkt wenig spektakulär – und spiegelt in seiner spektakulären Einfachheit doch Dieter Blums Anfänge, seinen Aufstieg und seine Affinität zur Fotografie bereits in sehr jungen Jahren wider.

Dieter Blum aus Esslingen war ein „junger Wilder“

Ein „junger Wilder“ sei Dieter Blum damals gewesen, meint Hansjörg Albrecht. Mit zarten 17 Jahren war der heutige Fotokünstler 1953 bereits Mitglied der Lichtbildnergruppe Esslingen. Der Teenager hat die Altvorderen wohl mitgerissen. Ausstellungen, Leistungsschauen, Veranstaltungen hat der Jungspund laut Albrecht organisiert. 1954 die erste Ausstellung mit Arbeiten seiner Vereinskollegen im Alten Rathaus. Erfolg, Publikumszuspruch und Eintrittserlöse spornten an. Dieter Blum griff nach Europa.

Und Europa kam. 1960 zeigten Amateurvereine aus 20 Ländern des Kontinents auf Anregung von Dieter Blum ihre Arbeiten in Esslingen. Das im Stadtmuseum gezeigte Plakat weist auf die Ausstellung hin. Sein Ruf wird gehört. Der Run an Besuchern ist groß, das Medienecho enorm. Sogar das Fernsehen kommt. Schlagzeilen künden von einer „Olympiade der Amateurfotografie“. Zu sehen gibt es viel. „Die Fotografen waren gänzlich frei in ihrer Motivauswahl und in ihrem künstlerischen Zugang“, sagt Hansjörg Albrecht. Die Fotografien seien damals noch analog gewesen: „Auch die Arbeit im Labor zählte also zum Schaffensprozess.“ Die meisten Aufnahmen waren schwarz-weiß. Drei Wochen lang wurden sie im Alten Rathaus gezeigt.

Esslingen war fotografischer Nabel Europas – und Esslingen hat das gefallen. Sogar sein Stadtchef ließ sich vom allgemeinen Begeisterungstaumel mitreißen. Der damalige Oberbürgermeister Dieter Roser philosophierte laut Recherchen von Hansjörg Albrecht im Katalog zur Ausstellung über den europäischen Gedanken: Das künstlerische Lichtbild erfülle „die Aufgabe, die Menschen unseres Erdteils Europa zu gleichem künstlerischem Sehen und zu gegenseitigem Kennen und Verstehen zusammenzuführen“.

Spartanisch-einfach: Das Fotoplakat von 1960 ist im Esslinger Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt zu sehen. Foto: Stadtmuseum Esslingen

Die Ausstellung wurde nach drei Wochen abgebaut, die Plakate abgehängt – doch Organisator Dieter Blum kommt von der Linse nicht mehr los. „Ab 1965 ist er als professioneller Fotograf tätig und bald international erfolgreich“, sagt Hansjörg Albrecht. Die vielen Cowboy-Aufnahmen auf Blums Homepage kommen nicht von ungefähr: „Seine Fotos für eine Werbekampagne, die das Wildwest-Image eines amerikanischen Zigarettenherstellers fulminant in Szene setzte, sind ebenso ikonisch wie seine eindrucksvolle Fotoserie der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan“. Bis von einigen Jahren, so Hansjörg Albrecht, habe Dieter Blum noch zwei Wohnsitze gehabt – einen in seiner Heimatstadt Esslingen und einen in Düsseldorf. Nun lebt er ganz in der Rheinmetropole.

Cowboys waren ein bevorzugtes Motiv von Dieter Blum

Zu Hause aber ist er durch seine Fotoreportagen auf der ganzen Welt. Auch im Wilden Westen. Oder dem, was davon übrig ist. Eine Aufnahme auf seiner Homepage zeigt einen müde wirkenden Cowboy zu Pferd neben zwei Autos. Die Neuzeit ist über jede Art von Wildwest-Romantik hinweggefahren. Und Dieter Blum war mit seiner Kamera dabei. Wie so oft.

Europa kommt nach Esslingen

Ausstellung
Die von Dieter Blum organisierte Ausstellung „Europafoto 1960“ wurde vom 30. März bis zum 18. April im Alten Rathaus in Esslingen gezeigt. Ausgestellt wurden Arbeiten der besten Amateurfotografenvereine aus ganz Europa. Die Fotografien kamen mitten in der Zeit des Kalten Krieges und der Teilung in Ost und West auch aus Bulgarien, der DDR, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen oder Ungarn.

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im „Gelben Haus“ am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter www.museen.esslingen.de .