Rudolf Steiners esoterische Weltanschauen polarisiert bis heute. Warum fiel sie gerade in Stuttgart auf fruchtbaren Boden? Eine Spurensuche.
Für Yannick Nordwald ist Stuttgart die Hauptstadt der Anthroposophie. In keiner anderen Stadt gebe es so viele Bezüge zu den Lehren Rudolf Steiners, sagt der Ausstellungsleiter im Stadtpalais. Dort ist noch bis 21. September die Sonderschau „Anthroposophie – Stuttgart. Waldorf. Globuli.“ zu sehen. Sie fokussiert auf das, was die Anhänger der Anthroposophie hier vor Ort geschaffen haben. Rudolf Steiner entwickelte diese esoterische Weltanschauung Ende des 19. Jahrhunderts. Bis heute gibt es glühende Anhänger und vehemente Kritiker. Im Steiner-Festjahr hat die Auseinandersetzung mit dieser polarisierenden Persönlichkeit, deren Todestag sich am 30. März zum 100. Mal jährt, an Dynamik gewonnen.
Die Frage, warum die Anthroposophie gerade in Stuttgart auf fruchtbaren Boden fiel, kann Nordwald nicht beantworten. Der schwäbische Pietismus sei ein Erklärungsansatz. Hinzu komme, dass sich hier mehrere Industrielle mit der neuen Weltanschauung auseinandersetzten, die ausreichend Geld hatten, um auch etwas zu bewirken. Allen voran Carl Unger, Adolf Arenson und José del Monte, die alle aus jüdischen Kaufmannsfamilien stammten, trieben in den 1910er und 1920er Jahren Projekte voran. Zudem sei Stuttgart schon immer liberal gewesen. Eine Kombination aus diesen Faktoren, gepaart mit Zufall – das könnte den Aufstieg der Anthroposophie in Stuttgart befördert haben, sagt Yannick Nordwald.
Deutlich wird das auch an Gebäuden. Auf der Uhlandshöhe entstand 1919 die erste Waldorfschule der Welt. Der Unternehmer Emil Molt wollte eine neue Schule für die Kinder der Mitarbeitenden seiner Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. 1924 wird auf der Uhlandshöhe das nach Steiners Plänen gebaute Eurythmeum, die erste Schule für Eurythmie, eröffnet. Das Rudolf-Steiner-Haus als Zentrum für anthroposophische Kultur entstand erst 1956/57 als Ersatz für das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Zweighaus der von der Anthroposophie inspirierten Christengemeinschaft.
Von der biodynamischen Landwirtschaft bis zur Waldorf-Pädagogik
Ihre vielen Praxisfelder unterscheiden die Anthroposophie von anderen Weltanschauungen. Wobei Steiner nicht alles neu erfunden habe, sagt Nordwald. „Vieles war schon da.“ Das beginnende 20. Jahrhundert sei eine Zeit der Reformbewegungen gewesen, die meisten verstanden sich als Gegenentwurf zur Industrialisierung. Steiner sei vielseitig interessiert gewesen, „und er konnte unheimlich viel in kurzer Zeit lesen“. Er habe die Bedürfnisse der Menschen erkannt und ihnen auf vielen Wissensfeldern die Antworten geliefert, die sie suchten – sei es beim Thema Pädagogik und Heilpädagogik, der Medizin und Pharmazie oder auch der biodynamischen Landwirtschaft.
Die Ausstellung im Stadtpalais beleuchtet diese Praxisfelder. Sie spart aber auch die Kritik nicht aus. Dabei geht es vor allem um Antisemitismus- und Rassismusvorwürfe sowie um die Rolle der Anthroposophen zu Zeiten des Nationalsozialismus. „Ein komplexes Thema“, sagt Nordwald. Wie viele andere Gruppierungen, so hätten auch sie nach einem Weg gesucht, um unter dem NS-Regime weiter existieren zu können. Vor allem in Stuttgart, wo viele Anhänger jüdische Wurzeln hatten, seien Anthroposophen aber auch unterdrückt und verfolgt worden. Die Ausstellung bewertet die Anthroposophie bewusst nicht, sie präsentiert die Fakten. Nordwald, der sich lange mit dem Thema beschäftigt hat, hat das für sich getan. Er sei beeindruckt von dem, wie viel Steiner gearbeitet, welches Rund-um-Wissen er sich angeeignet und welchen Output er produziert habe. So habe die Anthroposophie zu einer Marke werden und über Jahre wachsen können. Die Anthroposophie biete die Chance, eine Gegenbewegung zu bilden zu Ansichten, die oft unhinterfragt Teil des Mainstreams seien. So zum Beispiel in der Pädagogik, „Waldorfschulen können meiner Meinung nach eine Alternative sein für Kinder, die auf der staatlichen Schule nicht klarkommen“, sagt Nordwald. Und die anthroposophische Medizin schaue mehr auf den Menschen und nicht nur nach Zahlen und Gewinnmaximierung.
Mangelnde Wissenschaftlichkeit und Kritikfähigkeit
Das könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anthroposophische Ideenwelt an vielen Stellen zwar wie eine wissenschaftliche Erkenntnis dargestellt werde, den wissenschaftlichen Standards aber nicht genüge. Hinzu komme eine mangelnde Kritikfähigkeit vieler Anhänger. Anstatt sich mit Gegenstimmen sachlich auseinanderzusetzen, würden diese häufig zerpflückt. „Als Wissenschaftler wünscht man sich mehr Offenheit und den Mut, sich auch mal von einer Idee Steiners zu lösen“, so Nordwald.
Rudolf Steiners Leben und Wirken
Ausstellung
Die Schau „Anthroposophie – Stuttgart. Waldorf. Globuli.“ ist noch bis 21. September im Stadtpalais zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr (Eintritt sechs, ermäßigt vier Euro) und freitags von 18 bis 21 Uhr (Eintritt frei).
Person
Rudolf Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Donji Kraljevec (damals Königreich Ungarn, heute Kroatien) geboren und starb am 30. März 1925 in Dornach (Schweiz). Sein Schaffen begann mit der Edition der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, zudem war er als Journalist und Herausgeber tätig. Ab etwa 1900 erarbeitete Steiner basierend auf der Theosophie die Grundlagen seiner Anthroposophie. Wörtlich übersetzt ist die „Anthroposophie“ die „Weisheit vom Menschen“. Steiner verstand das Leben als ein tiefes Zusammenspiel von Geist, Seele und Körper und wollte ein Verständnis dafür schaffen, wie diese Ebenen miteinander verbunden sind.