In Sindelfingen steht eines der teuersten Häuser, die hierzulande auf dem Markt sind. Foto: factum/Granville

In Sindelfingen steht ein Einfamilienhaus für knapp zehn Millionen Euro zum Verkauf – eines der fünf teuersten, die in Deutschland derzeit auf dem Markt sind. Wie lebt es sich darin? Unsere Autorin, selbst auf Wohnungssuche, hat es einen Tag lang ausprobiert.

Sindelfingen - Nach der dritten Besichtigung kommt erst der Frust und dann der Zweifel. Die Zimmer klein, dunkel, hellhörig, die Teppichböden versifft, die Lage schlecht und der Preis: für diese Ausstattung unangemessen. Wohnungssuche in Stuttgart und drum herum, soviel ist bekannt, ist nicht leicht, aber mit einem durchschnittlichen Einkommen sollte es doch möglich sein, eine WG-taugliche 5-Zimmer-Wohnung zu finden. Eigentlich. Muss, wer hier sucht, alle Ansprüche aufgeben, weil es die perfekte Bleibe überhaupt nicht gibt?

Sie gibt es. „770 Quadratmeter, die über den Dingen stehen“, steht in einer Anzeige auf einer Immobilienplattform im Netz. Eine schöne Villa in Sindelfingen, Halbhöhenlage, 9  850  000 Euro Kaufpreis: der pure Luxus, 19 Kilometer südwestlich von Stuttgart. Nach einer Auflistung der Immobilienvermittlung Engel & Völkers aus dem vergangenen Jahr zählt das Haus wohl zu den fünf teuersten, die zurzeit in Deutschland auf dem Markt sind. Wie ist es, wenn man in einem geradezu absurd perfekten Haus wohnt? Einmal Probewohnen in einem 10-Millionen-Euro-Haus soll es zeigen.

In der Region Stuttgart ist in den vergangenen Jahren der Markt für Luxusimmobilien gewachsen, das zeigen Zahlen aus den letzten Gutachterausschüssen und Studien von Immobiliengesellschaften wie Dahler & Company. Das passt zum deutschlandweiten Trend, wonach immer mehr Spitzenverdiener Anwesen in großen Städten suchen – und dafür immer höhere Geldbeträge zahlen.

Auf dem Rasen mäht ein Mähroboter das kurze Gras noch kürzer

Normalerweise hätte jemand ohne Finanzierungsnachweis gar nicht die Möglichkeit, das Luxushaus in Sindelfingen zu besichtigen, aber die Maklerin stimmt einem Termin zu, Presseausweis sei dank. Im Internet wird die Monatsrate für das Haus mit 34  569 Euro veranschlagt, wer ein durchschnittliches Einkommen hat, könnte sich nach 40 Berufsjahren vermutlich noch nicht mal das Schlafzimmer der Villa leisten.

Es ist heiß an diesem Vormittag, die Sonne knallt auf die graue Hofeinfahrt. Von außen ist der Luxus nicht unmittelbar ersichtlich, eine Mauer, eine grüne Hecke, das Eingangstor hebt sich nur durch die Klingelanlage von den weiß verkleideten Wandflächen drumherum ab. Einzig die riesigen Garagentore, die laut Immobilienanzeige Platz für vier Maybachs bieten, lassen darauf schließen, was sich hier verbirgt.

Die Eigentümer, Rainer und Margit Pohl (Namen geändert), sitzen auf der Terrasse hinterm Haus, nicht auf der mit dem Panorama-Blick, weil da an solchen Vormittagen die Sonne zu sehr drückt. Auf dem Rasen mäht ein Mähroboter das kurze Gras noch kürzer. Wenn der Bauherr über das Haus spricht, in dem er seit vier Jahren wohnt, spricht er von seinem „Projekt“, und davon, dass alles hier „perfekt“ sei. Sechs Jahre hat es gedauert, bis das Ganze geplant und gebaut war, und nochmal zwei, bis nichts mehr hakte. „Wenn man nicht mehr arbeitet, braucht man eben Projekte“, sagt Pohl, „und dann kam das mit dem Bauen.“

Rainer Pohl, graue Haare, helles Hemd, Berliner Schnauze, ist nicht mit dem goldenen Löffel in der Hand geboren worden, wie er sagt, aber er hat in den späten 80er Jahren mit ein paar Kollegen ein Software-Beratungsunternehmen gegründet, das ziemlich schnell ziemlich erfolgreich war. So erfolgreich, dass seine Unternehmensanteile irgendwann­ so viel abwarfen, wie er in einem Jahr verdiente, und er mit 40 in Rente ging. Heute sagt er, dass er hier nichts mehr zu tun habe, dass hier alles fertig sei, deshalb wollen er und seine Frau verkaufen. Sie haben sich ein Penthouse am anderen Ende der Stadt gekauft, ein neues Projekt.

Keine offenen Müslipackungen auf der Küchenablage, alles weiß und blank

Der pure Luxus kommt ziemlich schlicht daher, Eichenparkett, weiß verkleidete Wände, schwarze Fensterrahmen, viel Glas. Als Pohls weg sind, fühlt man sich fast wie in einem besitzerlosen Haus, nirgendwo Spuren, keine offenen Müslipackungen auf der Küchenablage, keine Fotos oder Postkarten oder Souvenir-Magneten am Kühlschrank, alles weiß und blank und leer. Sie seien nicht so die Leute, bei denen alles vollgestellt sei, hat Margit Pohl gesagt.

Die Schritte auf dem dunklen Parkett klingen laut und dumpf, und weil alles so hell und offen ist, kommt man sich etwas verloren vor. Allein das Erdgeschoss hat 326 Quadratmeter Wohnfläche, obwohl da nicht viel mehr ist als die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, das Badezimmer, aber eben alles in Übergröße und mit nur wenigen Schiebetüren. Über den Monitor in der Küche lässt sich das Radio einschalten, mit ein paar Fingertipps regelt man die Lautstärke für das ganze Erdgeschoss nach oben. Jetzt ist da überall Musik, selbst auf der Terrasse. Vom „vernetzten Haus“ hat Rainer Pohl gesprochen, weil Musik, Licht, Jalousien, Sicherheitsverriegelungen über Bildschirme in der Wand oder über das Smartphone gesteuert werden können.

Von draußen dringt das ferne Surren und Flimmern der Stadt herein. In manchen Momenten fühlt man sich beobachtet, die Radiostimmen, die großen Räume, die vielen Fenster, die Spiegel geben einem das Gefühl, dass nicht nur man selbst aus jedem Winkel Ausblick hat, sondern gefühlt die ganze Stadt gucken kann, obwohl die Fenster aus Spezialglas von außen wie Spiegel sind.

Villen mit einem Kaufpreis von über vier Millionen sind in der Region die Ausnahme

Vom Badezimmer aus – allein die Toilette ist 9000 Euro wert, wegen der im Klositz integrierten Massage-Wasch-Föhnfunktion wahrscheinlich – kommt man durch eine Schiebetür ins Schlafzimmer. Hier, im Bett, die Seidenkissen im Nacken, hat man die Wahl zwischen dem Blick auf den aus der Decke absenkbaren Fernsehbildschirm und der 180-Grad-Panoramasicht auf Sindelfingen, da unten die Schlote des Daimler Werks, die Altstadt-Dächer, links hinten die Alb.

Ein Haus wie dieses, so viel ist klar, ist in der Region eine Seltenheit. Zwar stieg die Zahl der Transaktionen über 750 000 Euro in den Jahren 2015 und 2016 Zahlen von Dahler & Company zufolge teilweise um 40 bis 50 Prozent im Vergleich zu 2014 an. „Bis vor sechs oder sieben Jahren wurde hier im Luxussegment kaum gebaut, daher gab es einen großen Nachholbedarf“, sagt Immobiliengesellschafter Erich Hildenbrandt. Villen mit einem Kaufpreis von über vier Millionen allerdings seien die Ausnahme – und werden sie wohl bleiben. „Auf Mallorca sind viele Schwaben bereit, so viel Geld für ein Haus auszugeben – hier in der Region nicht.“

Der Luxus in diesem Haus steckt jedenfalls im Detail, ein Fernseher, der in den Parkettboden abgesenkt werden kann, ein Grill, der von oben heizt, damit es nicht so stark rußt und qualmt, ein Außenwhirlpool, über den man per Knopfdruck eine Holzplattform schieben kann. Sich einen Alltag vorzustellen fällt schwer in einem Haus, das vollkommen scheint, das so tut, als gäbe es nur Ordnung und Urlaub, in dem Bügelbrett, Geschirrtücher und Mülltonnen hinter ein paar der vielen weißen Wandverkleidungen versteckt sind. „From imperfection must come beauty“, steht auf einem gerahmten Poster an der Wand im ehemaligen Kinder-Wohnzimmer, in dem sonst nur noch zwei schwarze Sitzsäcke und ein Fernseher sind: Von Unvollkommenheit muss Schönheit kommen. Aber hier hat sich jemand ein Haus gebaut, das vollkommen ist, und wer hier wohnen will, muss wohl Perfektionist sein.

Ein paar Tage nach dem Probewohnen meldet sich ein Herr mit einem Angebot, ein Haus im Stuttgarter Osten, fünf Zimmer, Moos auf dem Dach, graue Teppichböden, Blümchentapeten aus den 70ern und die Rhabarberstauden im Garten völlig verwildert. 1700 Euro Kaltmiete im Monat. Aber von Unvollkommenheit kommt Schönheit.

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um einen Beitrag aus dem Jahr 2017. Zwischenzeitlich ist die Villa verkauft.

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